Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Mindestens 86 Tote bei Anschlag in Ankara
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Mindestens 86 Tote bei Anschlag in Ankara
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:46 10.10.2015
Vor dem Hauptbahnhof in Ankara war es zu mindestens zwei Explosionen gekommen. Quelle: afp
Anzeige
Ankara

Vor der Parlamentswahl in der Türkei sind beim schwersten Terroranschlag in der jüngeren Geschichte des Landes mindestens 86 Menschen getötet worden. Bei dem Doppelanschlag auf eine regierungskritische Friedensdemonstration in der Hauptstadt Ankara wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 186 Menschen verletzt. Zu der Bluttat kam es drei Wochen vor Neuwahlen für das Parlament. Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP war nach eigener Einschätzung Ziel des Anschlags vom Samstag.

Zur Galerie
Bei einem Terroranschlag auf eine regierungskritische Friedensdemonstration in der türkischen Hauptstadt Ankara sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erklärte: "Ich verurteile diesen abscheulichen Angriff zutiefst, dessen Ziel die Einheit, Solidarität und der Frieden unseres Landes gewesen ist." Erdogan versprach eine Aufklärung des Anschlags, zu dem sich zunächst niemand bekannt. Der Ko-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, machte die islamisch-konservative Staatsführung für die Tat verantwortlich. "Das ist kein Angriff auf die Einheit unseres Landes oder dergleichen, sondern ein Angriff des Staates auf das Volk", sagte er. "Auch dieser Vorfall wird nicht aufgeklärt werden."

Demirtas kritisierte, die AKP-Regierung habe weder den Anschlag auf pro-kurdische Aktivisten im Juli im südtürkischen Suruc noch den auf eine HDP-Wahlveranstaltung im Juni in der Kurdenmetropole Diyarbakir aufgeklärt. Den Anschlag in Suruc mit 34 Toten hatte die Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zugeschrieben, die sich aber nie zu der Tat bekannt. Kurz nach dem Anschlag eskalierte der Konflikt zwischen der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und der Regierung, der seit Juli Hunderte Menschen das Leben kostete. Die PKK kündigte am Samstag an, Angriffe auf den Staat vor der Wahl unter Vorbehalt auszusetzen. Bedingung sei, "dass keine Angriffe gegen die kurdische Bewegung, das Volk und Guerillakräfte ausgeführt werden", hieß es in Erklärung der PKK-Führung, die offenbar vor dem Anschlag verfasst wurde.

Bomben explodieren inmitten von HDP-Anhängern

Von einer Waffenruhe spricht die PKK nicht. Vize-Ministerpräsident Yalcin Akdogan hatte am Freitag gesagt, auch im Falle einer einseitigen Waffenruhe der PKK würden die Sicherheitskräfte weiter gegen die Bewegung vorgehen. Die HDP teilte mit, die Bomben seien am Samstag inmitten von HDP-Anhängern detoniert. Augenzeugen hätten von zwei Selbstmordattentätern gesprochen. Am Anschlagsort sei zur Zeit der Detonationen keine Polizei gewesen. Als Polizisten nach 15 Minuten eingetroffen seien, hätten sie Tränengas gegen Menschen eingesetzt, die Verletzten helfen wollten. Ein Augenzeuge bestätigte, die Polizei habe Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Die HDP war im Juni als erste pro-kurdische Partei ins türkische Parlament eingezogen. Nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen rief Erdogan für den 1. November Neuwahlen aus.

Die Opposition warf Erdogan vor, mit diesen Wahlen eine ausreichende AKP-Mehrheit für ein Verfassungsreferendum erzielen zu wollen. Erdogan will die Verfassung ändern, um ein Präsidialsystem mit sich selber an der Spitze einführen zu können. Mitte November ist in der Nähe der südtürkischen Stadt Antalya der G20-Gipfel geplant, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen soll. Laut türkischem Innenministerium ereigneten sich die beiden Explosionen am Samstag um 10.04 Uhr (Ortszeit/09.04 MESZ) vor dem Hauptbahnhof in Ankara. Die HDP und andere regierungskritische Gruppen hatten Teilnehmer der Friedensdemonstration dazu aufgerufen, sich ab 10.00 Uhr am Bahnhof zu versammeln. Die Demonstration sollte um 12.00 Uhr beginnen.

Auf Bildern waren nach dem Anschlag Leichen zu sehen, die mit Flaggen und Bannern unter anderem der HDP bedeckt waren. Ein Video zeigt, wie junge Demonstranten tanzen, als hinter ihnen eine der Bomben detoniert. Für den Abend wurde über Twitter zu Demonstrationen in mehreren türkischen Städten aufgerufen. Die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, Erdogan sei nach dem Anschlag mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu und anderen Kabinettsmitgliedern zu einem Krisentreffen zusammengekommen. Davutoglu setzte den Wahlkampf für drei Tage aus.

Merkel kondoliert und verurteilt "feigen Akt"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den verheerenden Anschlag von Ankara scharf verurteilt und ihr Mitgefühl ausgedrückt. Sollte sich bestätigen, dass die Täter wie vermutet Terroristen waren, "dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind", schrieb die Kanzlerin am Samstag dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Merkel schrieb laut Mitteilung der Bundesregierung von einem "Versuch der Einschüchterung" und zeigte sich überzeugt, dass Regierung und türkische Gesellschaft "dem Terror eine Antwort der Geschlossenheit und der Demokratie entgegensetzen".

Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) sprach von einem entsetzlichen Attentat, das viele Menschen auch in Deutschland berühre. Es gelte jetzt, "im Kampf gegen solche Bombenleger" erfolgreicher zu werden, sagte er im Sender n-tv. Beim schwersten Terroranschlag in der jüngeren Geschichte der Türkei waren am Samstag mindestens 86 Menschen getötet und 186 verletzt worden. Der Angriff auf eine regierungskritische Friedensdemonstration in der Hauptstadt Ankara ereignete sich drei Wochen vor Neuwahlen für das Parlament.

Tödliche Anschläge in der Türkei

September 2015: Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015: Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein. 

Juli 2015: Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015: Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben.

Mai 2013: Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011: Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

dpa/afp/frs

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise mit dem Gang vor das Bundesverfassungsgericht gedroht. Sollte der Bund nicht bald wirksame Maßnahmen zur Begrenzung des Zuzugs von Asylbewerbern ergreifen, behalte sich Bayern den Klageweg vor.

09.10.2015

Tunesisches Dialog-Quartett erhält den Friedensnobelpreis 2015. Es wird damit für die Vermittlung während des Arabischen Frühlings. Im vergangenen Jahr bekamen die junge pakistanische Vorkämpferin für Kinderrechte, Malala Yousafzai, und der Inder Kailash Satyarthi die Auszeichnung.

09.10.2015

Es ist ein politischer Streit mit Ansage: Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehof will Flüchtlinge an der Grenze zu Österreich abweisen lassen. Die Regierung im Nachbarland will dem nicht tatenlos zusehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hält derweil an ihrer Asylpolitik fest.

09.10.2015
Anzeige