Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Die Frau, auf die der US-Präsident hört

UN-Botschafterin Samantha Power Die Frau, auf die der US-Präsident hört

Nie wieder tatenlos zusehen: UN-Botschafterin Samantha Power setzt sich für einen Angriff auf das Assad-Regime in Syrien ein – aus humanitären Gründen.

Voriger Artikel
Wahl stärkt Kremlgegner Nawalny
Nächster Artikel
Opposition auf Erfolgsspur

UN-Botschafterin Samantha Power am 6. September in Washington.

Quelle: dpa

Washington. Freundlich tritt Samantha Power auf die kleine Runde zu. Die 42-Jährige mit der zierlichen Figur und den langen dunkelblonden Haaren wirkt auf den ersten Blick zurückhaltend, fast schüchtern. Es scheint fast, als ob ihr die Rolle der Vortragenden etwas unangenehm sein könnte. Doch der erste Eindruck täuscht. Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen spricht sich offen für Gewalt aus: Gegenüber einigen Lobby­isten, Politikwissenschaftlern und Journalisten erklärt sie unmissverständlich, warum die Vereinigten Staaten gegen Syrien in den Krieg ziehen sollten.

Power ist gerade vom UN-Sitz in New York in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Auf dem Heimweg vom Flughafen legt sie einen einstündigen Zwischenstopp in der Denkfabrik „Center for American Progress“ ein. Washington ist für sie weniger ein Arbeitsort als vielmehr der langjährige Familiensitz, an dem sich auch ihr Ehemann und ihr Sohn wohlfühlen. Offen spricht sie darüber, wie sehr sie sich freue, nach einer strapaziösen Woche gleich zu Hause zu sein. Auch wenn sie noch diese eine Gesprächsrunde vor sich hat, sei ihr Wochenende schon fast eingeläutet, sagt sie mit einem Lächeln in die Runde. Dennoch wolle sie noch einmal ihre Position verdeutlichen. Sie will für „eine klare Linie“ in der Syrien-Krise werben.

Unter Experten, so hebt die Botschafterin hervor, gebe es keine Zweifel an dem verheerenden Giftgasangriff am 21. August auf mehrere Vororte von Damaskus. Diverse Geheimdienstberichte würden eindeutig die Verantwortung des Assad-Regimes für dieses Verbrechen dokumentieren. In der vergangenen Woche seien aber leider wieder die schweren Mängel der Vereinten Nationen deutlich geworden: „Mit diesem Sicherheitsrat gibt es keine Lösung.“ Es sei ein blockiertes System.

Die langjährige Vertraute von Barack Obama lässt keine Widerworte gelten. Die Welt müsse angesichts des Massenmords „umgehend“ handeln. Ein weiteres Bemühen um ein gemeinsames Vorgehen auf UN-Ebene sei pure Zeitverschwendung.
Powers Chef im Weißen Haus befindet sich in diesem Moment auf dem Rückflug vom G-20-Treffen in St. Petersburg. Bei dem hochrangigen Treffen der Staats- und Regierungschefs erlebte der US-Präsident einmal mehr, wie skeptisch Amerikas Verbündete und Partner auf Pläne für einen möglichen Raketenangriff auf die syrische Hauptstadt reagieren. Trotz dieser Ablehnung weicht die Diplomatin nicht von ihrer Argumentation ab. Ganz im Gegenteil: Es gehe um ein offenkundiges Unrecht, das geahndet werden müsse – im Zweifelsfall allein von den Vereinigten Staaten.

Samantha Power gilt in der US-Administration als eine der starken Fürsprecher eines Angriffs auf das Assad-Regime. Ihr zur Seite steht vor allem Obamas Sicherheitsberaterin Susan Rice, die ebenfalls für ein militärisches Eingreifen plädiert. Welchen Einfluss die 48-jährige Afroamerikanerin in Washington besitzt, stellte sie bereits im Libyen-Konflikt 2011 unter Beweis. Damals schwenkte der Präsident quasi im letzten Moment um und beschloss, an der Seite von Frankreich und Großbritannien in Nordafrika einzugreifen und eine Flugverbotszone einzurichten.

Nicht wenige rechnen Samantha Power den „linken Falken“ zu, die Interventionen aus humanitären Gründen ausdrücklich befürworten. Tatsächlich bezeichnet Power die neunziger Jahre als jene Zeit, in der sie politisch geprägt worden sei. Unter dem damaligen Präsidenten Bill Clinton habe sie mit eigenen Augen erlebt, welche brutalen Folgen die Zurückhaltung der USA auf internationaler Ebene haben kann.

Samantha Power, die gebürtig aus Irland stammt, berichtete damals als junge Journalistin aus den jugoslawischen Bürgerkriegen für amerikanische Medien. Sie war quasi Augenzeugin, als serbische Milizen in Bosnien Jagd auf muslimische Frauen und Kinder machten. Der ungezügelte Hass, den Power damals erlebte, habe sie erschüttert und zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit Völkermorden motiviert, sagt sie später. Nach ihrer Rückkehr in die USA studierte die junge Frau Rechtswissenschaften, wurde Dozentin an der Harvard-Universität und erhielt für ihr Buch „A Problem from Hell: America and the Age of Genocide“ den Pulitzer-Preis.

Was die Tatenlosigkeit der Politik für die Betroffenen vor Ort bedeuten kann, weiß auch Susan Rice eindrucksvoll zu beschreiben. Als einfache Mitarbeiterin der US-Verwaltung erlebte sie vor fast 20 Jahren den Völkermord in Ruanda aus nächster Nähe mit. Damals, so sagte Rice kürzlich vor Journalisten, habe sie sich geschworen, nie wieder so einem Verbrechen tatenlos zuzusehen.

Doch Syrien ist weder Ruanda noch das zerfallende Jugoslawien. In dem nahöstlichen Land tobt ein Bürgerkrieg um Macht, und Begrifflichkeiten wie „Gut“ und „Böse“ kommen Beobachtern mit Blick auf Damaskus nur noch schwer über die Lippen. Dagegen sieht Samantha Power in den Bedenken Russlands und Chinas lediglich „Schutzbehauptungen“ und verweist auf den mutmaßlichen Giftgasangriff, der ein „eindeutiges“ Verbrechen gewesen sei. Ihrer Meinung nach nehme vor allem Moskau mit seinem Vetorecht den Sicherheitsrat in Geiselhaft. Die Alternativen zu einem militärischen Vorgehen seien daher „erschöpft“. Es sei geradezu naiv, von einer Kurskorrektur des Kremls auszugehen.

Bereits vor einem Jahr hatte sich Susan Rice ähnlich geäußert: Als damalige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen bezeichnete Rice im Juli 2012 das russische Veto gegen eine Syrien-Resolution ebenfalls als „gefährlich“. Ihre heftigen Wortgefechte, die sie sich damals mit dem russischen Vertreter bei den UN lieferte, sind legendär.

Power und Rice plädieren seit Jahren in Washington für eine „geradlinige“ Außenpolitik: Amerika dürfe sich nicht allein von den eigenen Interessen und der Stimmung daheim leiten lassen, sondern müsse weltweit auch für seine Grundwerte eintreten.
Einige der politischen Beobachter, die mit der engagierten Botschafterin Power im „Center for American Progress“ diskutieren, bleiben skeptisch.

Zum Abschluss sagt ein älterer Gast: „Vor genau zehn Jahren wurde auch davon gesprochen, dass wir unseren Überzeugungen folgen müssten. Doch was hat es uns gebracht?“, fragt er in Anspielung auf den zweiten Irak-Krieg. Damals, 2003, seien Dick Cheney und Donald Rumsfeld ebenfalls in Denkfabriken aufgetreten, um für einen Krieg zu werben – allerdings in solchen des konservativen Lagers.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Kriegsfrage in Syrien
Foto: Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Wahlkampfkundgebung der CDU in Oranienburg.

Sie habe in der Syrien-Frage einen "Totalausfall der deutschen Außenpolitik" zu verantworten, muss sich Kanzlerin Merkel anhören. Ihre Kritiker wissen allerdings auch nicht so recht, wie es mit dem Bürgerkriegsland weitergehen soll.

mehr
Mehr aus Deutschland / Welt
Diese Parlamentarier verlassen den Landtag

Im niedersächsischen Parlament beginnt das große Stühlerücken. Für viele Abgeordnete bedeutet die letzte Sitzung der Legislaturperiode das Ende ihrer Zeit dort - einige treten nicht mehr an.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.

24. Juli 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Es gibt eine Wahrheit, vor der auch ich mich schon lange drücke. Eine, die auszusprechen weh tut: Um die Türkei steht es im Moment nicht gut. Ach was, um die Türkei steht es im Moment miserabel.

mehr