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Deutschland / Welt Gutachten bescheinigt Amnesty verheerende Arbeitsbedingungen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Gutachten bescheinigt Amnesty verheerende Arbeitsbedingungen
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17:32 25.02.2019
Amnesty International prangert weltweit Missstände an – jetzt notgedrungen auch im eigenen Haus. Quelle: epd
Berlin/London

Amnesty International kämpft weltweit für Menschenrechte und die Freilassung politischer Häftlinge. Doch die Arbeitsbedingungen bei der Nichtregierungsorganisation scheinen zum Teil nahe an der Menschenrechtsverletzung zu sein.

Am 25. Mai 2018 wählte Gaëtan Mootoo den Freitod im Amnesty-Büro in Paris. Mootoo war ein Amnesty-Veteran: 30 Jahre lang arbeitete er bei der Organisation. In seiner Abschiedsnachricht machte er das Arbeitsklima und den enormen Druck bei Amnesty mitverantwortlich für seine Entscheidung.

Am 1. Juli 2018 nahm sich Amnesty-Praktikantin Rosalind McGregor in ihrer elterlichen Wohnung in London das Leben. Ein Zusammenhang zu ihrer Arbeit bestand laut einer unabhängigen Untersuchung nicht.

Schockierende Ergebnisse einer internen Untersuchung

Nach den beiden Todesfällen gab Amnesty eine unabhängige Untersuchung zu den Arbeitsbedingungen in Auftrag. 475 von 680 Mitarbeitern der internationalen Abteilung füllten die Fragebögen aus, drei Viertel davon Frauen. Die Ergebnisse sind schockierend.

Die Arbeitsumgebung bei Amnesty wurden von vielen Mitarbeitern als „vergiftet“ bezeichnet. Das sei bereits seit mehreren Jahrzehnten so, sagten langjährige Amnesty-Veteranen. Zudem sprachen sie von Mobbing, Schikanen, feindseliger Stimmung und weit verbreitetem Misstrauen.

Alpträume und keinerlei Hilfe

Traumata durch die belastende Arbeit kommen hinzu. „Sich jeden Tag mit dem Schlimmsten zu beschäftigen, was Menschen einander antun können, hat mich sehr belastet“, schreibt eine Mitarbeiterin. „Ich bekam Alpträume, in denen ich verbrannt oder gefoltert wurde.“

Andere kritisieren: „In meiner ganzen Karriere hat mich nie jemand gefragt: Macht es dir etwas aus, das alles lesen zu müssen?“ Wieder andere kontern: „Stress und Traurigkeit haben meiner Meinung nach nichts mit Traumata oder schwierigen Themen zu tun, sondern mit der Arbeitskultur und fehlender Unterstützung.

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Kumi Naidoo, internationaler Generalsekretär von Amnesty International, sagte, die Studie zeichne ein „düsteres Bild“ von den Arbeitsbedingungen und decke ein „alarmierendes Vertrauensdefizit“ im Internationalen Sekretariat auf.

Die sieben Leiter des „Senior Leadership Team“ der 1961 in London gegründeten Organisation boten geschlossen ihren Rücktritt an. Naidoo, der 2018 von Greenpeace zu Amnesty wechselte, stellte klar, dass er vermutlich nicht alle sieben Rücktrittsangebote annehmen werde.

In Berlin soll das Umfeld freundlicher sein

Die deutsche Amnesty-Sektion war nicht Teil der Untersuchung gewesen. Ein Sprecher von Amnesty Deutschland teilte dem RND mit: „Die dokumentierte Arbeitskultur im Internationalen Sekretariat entspricht nicht dem Selbstverständnis der deutschen Sektion von Amnesty International.

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Mit dem Betriebsrat und einem Schlichtungsteam hat Amnesty Deutschland zwei Gremien, an die sich hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ehrenamtliche Vereinsmitglieder mit ihren Problemen wenden können.“

Haben Sie Suizidgedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern:

Telefon-Hotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

0800 – 111 0 111 (ev.)

0800 – 111 0 222 (rk.)

0800 – 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)

Email: unter www.telefonseelsorge.de

Von Jan Sternberg/RND

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