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Das Pulverfass Venezuela

Parlamentswahl Das Pulverfass Venezuela

"Es ist verrückt", sagen nicht nur Gegner von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro. Das Land ist nach 16 Jahren sozialistischem Modell tief gespalten – und blickt in den Abgrund. Aber auch nach der Parlamentswahl wird der Alltag vorerst etwas verrückt bleiben.

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Anhänger der Opposition bei einer Wahlkampfveranstaltung in Caracas.

Quelle: EPA/Miguel Gutierrez/dpa

Caracas. Soledad Bilazas ist eine 110-Prozentige. Auf ihrem roten T-Shirt prangen in weiß nur zwei Namen, ganz groß: "Chávez" und "Maduro". Die sozialistische Revolution lässt sie sich nicht schlechtreden. Hyperinflation? Die vielen Morde? Mangelwirtschaft? "Ich lebe für meinen Traum, den müssen wir verteidigen. Die anderen wollen doch nur unser Land zerstören."

Venezuela ist dieser Tage ein furchtbar zerrissenes Land. Der  Nachfolger des 2013 gestorbenen Hugo Chávez, Nicolás Maduro, hatte vor der Parlamentswahl am Sonntag eindringlich vor einem Ende der Sozialprogramme für die unteren Schichten gewarnt – sollte die von ihm als korrupt und elitär beschimpfte Opposition nach 16 Jahren wieder die Mehrheit im Parlament gewinnen.

Kurz vor der Wahl ließen sich die Sozialisten nicht lumpen. Nach einem Bericht der Zeitung "El Tiempo" wurden 3380 neue Taxis bereit gestellt, 37.643 Tablet-Computer an Studenten und Universitäten verteilt und 1192 Appartments übergeben. Immer verbunden mit der Drohung: gewinnt die Opposition, wird es das nicht mehr geben.

Doch unabhängig vom Wahlausgang: Der Alltag wird sich so schnell nicht ändern. An Cafes: Rote Warnschilder mit durchgestrichenen Pistolen: Waffen müssen draußen bleiben. Hermetisch abgeriegelte Viertel, ständige Angst vor Motorradbanden und Schießereien.

Und dann ist da diese Sache mit dem Geld. "Una locura", "Eine Verrücktheit", sagt Ricardo Vieira. Zu ihm kommt man nur durch eine Sicherheitsschleuse. Der Geldwechsler gibt einen Kurs von 750 Bolivar für einen Dollar, macht bei 100 Dollar, 75.000 Bolivar. Der offizielle Regierungskurs lautet: 1:6,3 (!). 

"Kaum ein Unternehmer exportiert noch was", sagt Vieira. "Denn die mit Dollar bezahlten Rechnungen laufen über die Zentralbank." Und die verrechne dann die an die Unternehmer fälligen Beträge meist mit dem offiziellen 6,3-Kurs. Touristen sollten ein Zahlen mit Kreditkarte vermeiden, sonst kann ein Essen statt zwei auch 200 Dollar kosten, abgerechnet wird ein offizieller Kurs.

So kann Venezuela bei Kreditkartenzahlung eines der teuersten – mit dem Schwarzmarkt-Kurs eines der billigsten Reiseländer sein. Weil es kaum noch Devisen gibt und die Inflation im dreistelligen Bereich liegt, sind Dollars so gefragt und der Schwarzmarkt-Kurs so hoch. Das Rattern der Geldmaschinen ist so etwas wie der Alltagssound von Caracas. Überall stehen sie. In Hotels in Caracas kommen Gäste gleich mit einer Tüte, wenn zum Beispiel 60.000 Bolivar (80 Dollar) zu zahlen sind – macht satte 600 Scheine.

Die ärmeren Schichten trifft die hohe Inflation am stärksten - der Mindestlohn im Monat liegt bei knapp 10.000 Bolivar, das sind derzeit nur noch 13 Dollar. Kommt eine Währungsreform? Gibt es Wahlfälschungen? Einen Staatsstreich, um bei einer Niederlage das Parlament auszuhebeln? Diese Fragen umtreiben viele Venezolaner. 

Im Alltag ist die Krise omnipräsent, auch im Mittelschicht-Viertel Baruta in Caracas. Die Bewohner werfen der Regierung vor, sie systematisch bei der Wasserversorgung zu benachteiligen. Mal fließt es tagelang gar nicht, dann kommt es braun aus dem Hahn. "Vor Chávez gab es einen verlässlichen Service", meint Lizzett Hauer. Und Margerita Ramírez (65) klagt: "In Kuba ist es nicht so schlimm wie hier." Luis Maita hat einen Beutel voll mit schwarzem Dreck mitgebracht. "Habe ich heute aus meiner Leitung gekratzt."

Und dann ist da der evidente Mangel an Lebensmitteln. Die Endnummer auf dem Personalausweis ist entscheidend, wann im Supermarkt Grundnahrungsmittel wie Reis, Hühnchen, Eier und Kaffee gekauft werden dürfen: 01 Montag, 02 Dienstag und so weiter. Das Schlangestehen ist Alltag. Aber oft gibt es die Sachen nicht mehr, auch Milch oder Trinkwasser sind Mangelware. Und wer etwas bekommt, versucht es wegen der Inflation häufig zu einem vielfachen Preis gewinnbringend weiter zu verkaufen.

Egal wie tief die Krise noch werden mag, keinen Mangel gibt es an Benzin. Der Preis animiert nicht dazu, das Auto mal stehen zu lassen. Im Land mit den noch vor Saudi-Arabien größten Ölreserven kosten 25 Liter 2,50 Bolivar – 0,3 Euro-Cent. Das ist kein Witz.

Ein Taxifahrer zeigt nach dem Tanken auf eine Wasserflasche: "Hat 100 Bolivar gekostet, 40 Mal so viel." Weil es aber nicht genug Raffinerien gibt, muss Venezuela sogar Benzin importieren – die massive Subventionierung des Sprits ist Teil des Problems. Ganz zu schweigen von der enormen Abhängigkeit vom Ölpreis, der wird vorerst im Keller bleiben. Es drohen unruhige Zeiten in Caracas.

Von Georg Ismar, dpa

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