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Verseuchtes Trinkwasser durch Fracking

USA leiden unter Gasförderung Verseuchtes Trinkwasser durch Fracking

Fracking spaltet Amerika: Im ärmlichen Dimock leiden die Menschen unter verseuchtem Trinkwasser. Aber die Industrie schweigt dazu. Die Rechtsstreitigkeiten toben im Hintergrund: Ingenieure, Juristen, Wissenschaftler und Anwohner versuchen die Frage zu klären, was zu Beginn der Erkundungsarbeiten geschah.

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Fracking spaltet Amerika: Im ärmlichen Dimock leiden die Menschen unter verseuchtem Trinkwasser.

Quelle: Jim Lo Scalzo

Dimock. Der altersschwache Lastwagen stockt. Ray Hubert hält am Straßenrand an, steigt aus und sieht unter die Motorhaube. „Keine große Sache“, sagt der 50-Jährige. Es fehlt nur ein bisschen Öl. „Gleich geht es weiter. Es muss weitergehen.“ Hubert nimmt die Sonnenbrille ab und sagt mit ernstem Blick: „Wenn ich nicht ankomme, gibt es heute Abend nichts zu trinken.“

Der stämmige Mann mit dem eindrucksvollen grau melierten Vollbart dreht eine Runde durch seine Heimatgemeinde. Auf der Ladefläche steht ein übergroßer Kunststofftank, aus dem er und seine Nachbarn sich mit frischem Trinkwasser versorgen können. Der Truck, mindestens so alt wie der Fahrer, ist eine Spende von der Gasindustrie. Für etwa zwei Dutzend Familien aus Dimock sind Huberts regelmäßige Lieferungen aus dem Nachbarort Montrose geradezu unverzichtbar, erklärt er: „Wasser bedeutet Leben. Aber das Grundwasser in unseren Brunnen gleicht dem Tod. “
Huberts Großvater wanderte in den späten Zwanzigerjahren von Deutschland nach Amerika aus. Er hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass sich seine Farm in kürzester Zeit ruinieren lässt. In ruhigem Ton sagt der heutige Landbesitzer: „Wir haben uns verkauft – für 800 Dollar im Monat. Für diesen Fehler büßen wir ein Leben lang.“  

Damals, 2009, habe er mit einer kleinen Bohrfirma einen folgenreichen Vertrag unterzeichnet: Für monatlich etwa 50 Dollar pro Acre (etwa 4000 Quadratmeter) erhielten die Bohrmeister aus Texas die Erlaubnis, unter seinem Land auf Gassuche zu gehen. Das „Hydraulic-Fracturing“, in Deutschland gemeinhin als ­Fracking bezeichnet, begann.

Rohstofflagerstätte Marcellus Shale verspricht Profit

Dimock liegt auf dem sogenannten Marcellus Shale, einer vielversprechenden Rohstofflagerstätte, die sich unter den Bundesstaaten New York, Pennsylvania und West Virginia erstreckt. Die Förderung ist allerdings eine schwierige Angelegenheit: So erhielt Hubert nach eigenen Angaben nur für zwei Jahre eine Entschädigungszahlung von monatlich 800 Dollar – danach seien die Erträge der Gasfirmen gefallen, und die Industriearbeiter hätten sich von seinem Land verabschiedet. Zurück blieb Hubert – und jede Menge verseuchtes Wasser.

Trotz der technischen Herausforderungen zählt die 1000-Seelen-Gemeinde Dimock zu den Hochburgen des amerikanischen Gasbooms: Auf kleinstem Raum gehen hier etwa 150 Bohrungen ins Erdreich. Unzählige Lastwagen sind Tag für Tag auf den schmalen Straßen der Region unterwegs, um Gerätschaften, Sand und Chemikalien anzuliefern. Die Rechtsstreitigkeiten toben im Hintergrund: Ingenieure, Juristen, Wissenschaftler und Anwohner versuchen die Frage zu klären, was zu Beginn der Erkundungsarbeiten geschah.

Zu den wenigen Bürgern vor Ort, die sich einen systematischen Überblick über die Situation im Norden Pennsylvanias verschaffen wollen, zählt Vera Scroggins. Die Frührentnerin ist in der glücklichen Lage, sich weiterhin aus ihrem eigenen Brunnen versorgen zu können. Dennoch trifft sie das alltägliche Drama in ihrer Nachbarschaft: „Warum zerstören die Firmen mutwillig unsere Umwelt? Alles nur für ein paar schnell verdiente Dollar?“ Die anhaltende Auseinandersetzung sei kräftezehrend. 1991 habe sie sich mit ihrer Familie aus dem turbulenten Großraum von New York City verabschiedet. Hier im Landkreis Susquehanna habe sie für wenig Geld ein drei Hektar großes, naturnahes Grundstück gefunden. „Es waren beschauliche und glückliche Jahre – bis der Boom begann“, sagt Scroggins.

Jeder US_Bundestaat hat eigene Fracking-Gesetze

Jeder US-Bundesstaat folgt bei der Rohstoffförderung seiner eigenen Gesetzgebung. So steht Pennsylvania im Ruf, gegenüber der Industrie recht großzügig zu sein. Anders als in Deutschland liegen zudem die Bergbaurechte in dieser Region bei den Landeigentümern. Jeder Farmer und jeder kleine Grundstücksbesitzer kann daher selbst entscheiden, ob er einen Vertrag mit einem Förderunternehmen eingeht.  

Wie aber kommt es zum hohen Schadstoffanteil im Grundwasser? Selbst unter Forschern herrscht Rätselraten über die Ursachen: Da es wenig vergleichende Daten darüber gibt, wie viel Gas in der Zeit vor dem Fracking aus dem Marcellus-Feld aufstieg, lassen sich die heutigen Werte nicht auf die Schnelle beurteilen. Allerdings heißt es in einer Studie der Duke University in North Carolina von 2013, dass die Methanbelastungen im engeren Umfeld einiger Bohranlagen auffällig hoch sind. Vor drei Monaten kam das Untersuchungsteam schließlich zu der Erkenntnis: Das Problem seien Fehlbohrungen – nicht das Fracking selbst.

Was aber ist von der Methode überhaupt zu halten? Das technische Verfahren gilt so manchem Ingenieur als revolutionär. Dagegen sprechen Kritiker eher von unheimlichen Möglichkeiten: Beim „Fracken“ entstehen in einer Tiefe von 1000 bis 5000 Metern feine Gesteinsrisse, die das Gas freisetzen. Dazu werden Wasser, Sand und Chemikalien mit Hochdruck ins Erdreich gepresst. In Dimock stellt sich allerdings die Frage, ob die Bohrlöcher auf den ersten Metern ordnungsgemäß ausgeführt wurden – und warum die Arbeiten und die Umweltschäden so schlecht dokumentiert sind. Scroggins sieht dunkle Mächte am Werk: „Die Industrie ,frackt‘ nicht nur das Erdreich. Sie bricht auch unsere ländliche Gemeinschaft auf.“ Der Konflikt spielt sich auf engstem Raum ab. Amerika ist hier weder menschenarm noch unberührt. Die zersiedelte Kulturlandschaft wird seit fast 200 Jahren intensiv bewirtschaftet. So wie das Grundstück von Ray Kemble. Der 60-Jährige blickt von seiner Küche direkt auf eine Förderstelle: „Sie bohren auf Teufel komm raus. Vielleicht glauben sie, dass es eine zweite Erde gibt, wenn sie unsere Erde zerstört haben.“

 
Gäste lädt er regelmäßig zu einem kleinen Rundgang ein: Am Eingang findet sich ein Messgerät, um Methan, Ethan und Propan zu messen. Hinter dem Haus steht die Aufbereitungsanlage, mit der sich Brunnenwasser reinigen lässt, um es zum Duschen und zum Wäschewaschen nutzen zu können. Wasser zum Kochen und Trinken holt Kemble aus dem Supermarkt: „Auf Dauer ein teurer Spaß.“ Mit zusammengekniffenen Augen fügt er hinzu: „Sie haben mir das Leben zur Hölle gemacht. Es wird Zeit, dass ich ihre Projekte zur Hölle schicke.“ Kemble zeigt auf seine Waffensammlung. Seine gefährlichsten Waffen sind aber nicht die altertümlichen Flinten. Die Papiere auf dem Esstisch besitzen größere Durchschlagskraft: dicke Stapel an Studien und Dokumenten über die Verseuchung des idyllischen Landstrichs.

„Wir stehen in langwierigen Auseinandersetzungen mit einem Gegner, der sich nur schwer fassen lässt“, sagt Scroggins. Da allein in dieser kleinen Gemeinde sieben Gasfirmen aktiv seien, falle es den Betroffenen schwer, die Verantwortlichen zu ermitteln. Ohnehin seien die Einwohner auf sich allein gestellt: „Von den Behörden erwarten wir nichts mehr.“ Die grauhaarige Dame reibt Zeigefinger und Daumen: „Es dreht sich alles ums Geld.“ Nach Texas sei Pennsylvania der zweitgrößte Gasproduzent in den USA. Der Bundesstaat nehme zusätzliche Steuern in Milliardenhöhe ein, erklärt Scroggins. „Wer will da schon protestieren?“

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