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„Vielleicht der schlimmste Tag der Menschheit“

70 Jahre nach Hiroshima „Vielleicht der schlimmste Tag der Menschheit“

Heute vor 70 Jahren, morgens um 8.15 Uhr, explodierte über Hiroshima die erste Atombombe. Das Land sieht sich bis heute vor allem als Opfer, die eigene Schuld wird verdrängt. Vor Kurzem zeigte eine Umfrage, dass die Mehrheit der Schüler aus Hiroshima und Nagasaki nicht weiß, an welchen Tagen die Atombomben fielen.

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Die Apokalypse: Am 6. und am 9. August 1945 explodierten Atombomben in Hiroshima und Nagasaki.

Quelle: akg-images

Hiroshima. Hiroshima - Die Geschichte von Tamiko Shiraishi beginnt so, wie sie viele Überlebende erzählen. „Der Himmel war klar, ein schöner Tag.“ Die zwei Soldaten, die die Mutter des siebenjährigen Mädchens seit Monaten beherbergte, hatten für die tägliche Patrouille ungewöhnlich früh das Haus verlassen. „Mein Vater war bei der Marine, er war schon seit Monaten nicht mehr zu Hause. Die beiden Soldaten wurden also wie große Brüder für mich. Bevor ich an jenem Morgen zur Schule ging, hoben sie mich in die Luft und kitzelten mich durch.“ Zum letzten Mal.

Die erste Stunde der Erstklässlerin Tamiko Shiraishi dauerte nur einige Minuten. Die heute 77-Jährige holt einmal tief Luft, bevor sie weiterredet. „Plötzlich wurde es hinter den Fenstern unter der Raumdecke ganz grell.“ Glassplitter flogen durch die Luft, eine kräftige Druckwelle schob die Schüler durch den Klassenraum. „Als wir vor die Tür traten, sahen wir unseren Schulhof in Trümmern.“ Um 8.15 Uhr des 6. August 1945 warf ein US-amerikanisches Flugzeug namens Enola Gay eine mit Uran 235 gefüllte Bombe ab, 43 Sekunden später explodierte sie über Tamiko Shiraishis Heimatstadt Hiroshima. Mit 440 Metern pro Sekunde breitete sich ein riesiger Feuerball aus, die Temperatur erreichte 6000 Grad Celsius. Drei Minuten später ragte eine pilzförmige Wolke in den Himmel. Dann fiel schwarzer Regen. 70 000 Menschen wurden sofort getötet, in den folgenden Tagen starben weitere 100 000 Bewohner der Stadt.

­Tamiko rannte nach der Explosion panisch nach Hause

„Vielleicht war es der schlimmste Tag der Geschichte der Menschheit“, flüstert die Tamiko Shiraishi durch ein Mikrofon, das sie nah an ihre Brust hält. Die Zuhörer in Hiroshimas Friedensmuseum sind still, einige schluchzen. Die alte Dame erzählt, wie die kleine ­Tamiko nach der Explosion panisch nach Hause rannte. Auf dem Weg taumelten ihr Schwerverletzte entgegen, Häuser waren zusammengekracht oder standen in Flammen. „Wo bleibst du denn?“, rief ihr die hektische Mutter von der Haustür aus entgegen. „Ich fragte meine Mutter: ‚Geht die Welt jetzt unter?‘“

70 Jahre sind vergangen, seit Hiroshima von der ersten militärisch eingesetzten Atombombe erschüttert wurde. Wie keine andere Stadt der Welt steht Hiroshima seitdem für totale Zerstörung, das Trauma ihrer Söhne und Töchter ist ihr stärkstes Argument für einen weltweiten Kampf für atomare Abrüstung.

Für jährlich Millionen Touristen ist das Friedensmuseum das wichtigste Ziel. Es liegt mitten im Friedenspark der Stadt, genau dort, wo die Bombe explodierte. Das Museum zeigt die zerstörerische Kraft der Uranbombe aus allen Winkeln. Wie es dazu kam, wird dagegen kaum erwähnt. Das Massaker der Japaner im chinesischen Nanking heißt hier knapp „Vorfall“, der japanische Angriff auf den pazifischen US-Stützpunkt Pearl Harbor 1941 wird kaum beschrieben. Japans rassistische Eroberungsallianz mit Deutschland und Italien wird nicht kritisch besprochen. Wer es nicht besser weiß, kann nach der Tour durchs berühmte Friedensmuseum nicht anders, als ausschließlich Mitleid zu empfinden.

Japan vergisst so langsam

Die jungen Japaner von heute bilden die letzte Generation, die Details des Grauens direkt von Zeitzeugen wie Tamiko Shiraishi erfahren kann. Vor Kurzem zeigte eine Umfrage, dass die Mehrheit der Schüler aus Hiroshima und Nagasaki nicht weiß, an welchen Tagen die Atombomben fielen. In anderen Landesteilen sind junge Menschen im Schnitt noch schlechter informiert. Ähnlich sieht es aus, was die Gräuel des eigenen Militärs im Ausland angeht: Japan vergisst so langsam. Und das, ohne die eigene Geschichte jemals richtig aufgearbeitet zu haben. Nicht nur in Museen, auch in der Schule ist der Verlauf des Zweiten Weltkriegs kaum ein Thema.

Einen Tag nach dem Vortrag von Tamiko Shiraishi im Friedensmuseum reißt Yui Mukoji ihren Arm in die Luft. Um kurz nach 9 Uhr morgens sitzt die 21-jährige Politikstudentin in einem Hörsaal der Städtischen Universität Hiroshima. In den schwülen Sommerferien besucht sie neben gut 50 weiteren Studenten aus verschiedenen Ländern den Intensivkurs „Hiroshima and Peace“, der der Desinformation von anderen Seiten entgegenwirken soll. Über zwei Wochen wird hier ein Bogen geschlagen von der ersten Kernspaltung 1938 in Deutschland über das amerikanische Atomprogramm sowie die Verbindung zwischen Atomkraft und Atomwaffen bis zu Abrüstungsverhandlungen und dem Nukleardesaster in Fukushima.

„Warum mussten die USA drei Tage nach der Bombe über Hiroshima eigentlich noch eine über Nagasaki abwerfen?“, will Yui Mukoji wissen. Der Schulunterricht hat ihr diese Frage so wenig beantwortet wie ihre Eltern. „Von den japanischen Aggressionen gegenüber anderen Pazifiknationen erfuhr ich aus einem Manga-Comic, den ich privat las“, sagt die kurzhaarige Yui Mukoji grimmig.

Es war der erste Akt des Kalten Krieges

Der US-Amerikaner Robert ­Jacobs, an den sie ihre Frage gerichtet hat, bemüht sich um Ausgleich. Der Professor für Geschichte erwähnt die hohen Investitionen der USA. Und die unterschiedliche Konstruktion der Bomben: eine aus Uran, eine aus Plutonium. Um zu sehen, welche besser ist, musste man beide ausprobieren. „Und letztlich waren die Abwürfe auch eine klare Kampfansage der USA an die Sowjetunion.“ Es war der erste Akt des Kalten Krieges. „Vor diesem Hintergrund ist der Abwurf der Bomben sicher nicht zu rechtfertigen“, sagt Jacobs. Der Hörsaal schweigt. Mukoji, die sonst skeptisch gegenüber der aggressiven Kriegsvergangenheit ihrer Heimat ist, hat keine Antwort. Rechtfertigt die amerikanische Abgebrühtheit vielleicht die Geschichte von der japanischen Opferrolle, die Hiroshima gerne erzählt?

Immerhin schockierte die Atombombe die ganze Welt und Japan ganz besonders. Als mit der ersten Kernspaltung 1938 in Deutschland offensichtlich geworden war, dass Atomwaffen grundsätzlich möglich waren, hatte sich auch Japan daran versucht. Allerdings gelang es den Physikern nicht, nur annähernd genug Plutonium oder Uran 235 für eine kräftige Explosion zu erzeugen. Das Programm wurde bald abgebrochen, man hielt es für unmöglich, dass irgendwer so eine Bombe bauen könnte. Dann explodierten gleich zwei.

Muss man automatisch Verständnis für die japanische Opferrolle haben, sobald man die Zeugnisse von Personen wie Tamiko Shiraishi gehört hat? Und wenn man dazu die Bilder schon vorher zerbombter Großstädte Japans sieht?

Ein Besuch bei ­Yasuyoshi Komizo, dem Vorsitzenden der internationalen Städtevereinigung „Mayors for Peace“, der sich über 6000 Städte aus aller Welt angeschlossen haben, um gegen Atomwaffen zu kämpfen. Der ehemalige japanische Botschafter in Kuwait kommt daher wie ein Kosmopolit, der nirgendwo anecken möchte. So will er auch Japans Gräueltaten nicht kleinreden. „Am 6. August 1945 kämpften wir einen Krieg, den wir selber zu verantworten hatten. Aber das heißt nicht, dass den Menschen hier nicht sehr Schlimmes widerfuhr.“ Hiroshima habe das historische Mandat, das eigene Schicksal als politisches Mittel zu nutzen, zum pazifistischen Zweck.

Das klingt ambitioniert und visionär. Ein wichtiger Schritt aber wäre es, wenn sich Japan offensiver zu seiner Vergangenheit bekennen würde. Die Millionen ausländischer Touristen, die jedes Jahr Hiroshima besuchen, kommen vor allem aus Europa, Nordamerika und Australien, kaum aber aus Asien. An der Initiative „Mayors for Peace“ nehmen bisher auch nur eine Handvoll chinesischer Städte teil.

Japans Premierminister Shinzo Abe hat die noch immer nicht verheilten Kriegswunden in Ostasien eher weiter aufgerissen. In diesen Tagen wird er sich zum Zweiten Weltkrieg positionieren. Die Reden seiner Vorgänger zum 50. und 60. Jahrestag des Kriegsendes hatten positive diplomatische Folgen für die Region. Abe allerdings interpretiert Japans pazifistische Verfassung so, dass er das Militär auf Auslandseinsätze schicken kann. Die Wahl Ende 2012 gewann er mit dem Spruch: „Japan, wir holen es uns zurück!“ Das dämpft auch die friedliche Stimme Hiroshimas, die mit etwas mehr Aufrichtigkeit so viel stärker klingen könnte.

Hannover erinnert an Atombombenabwurf

Gedenken an Hiroshima: Seit 1983 ist Hannover Partnerstadt von Hiroshima. Zur Erinnerung an den Atombombenabwurf stehen in Hannover daher am heutigen Donnerstag mehrere Veranstaltungen auf dem Programm.
Im Mahnmal Aegidienkirche beginnt um 8 Uhr eine Gedenkstunde. Dabei wird auch die Hiroshima-Friedensglocke angeschlagen. Im Anschluss daran zelebriert die Kulturbotschafterin der Stadt Hiroshima, Hiroyo Nakamoto, eine Trauer-Teezeremonie. Bis 17.30 Uhr steht die Aegidienkirche im Zeichen von Stille und Gebet. Dann folgen eine Haiku-Lesung und um 18 Uhr eine multireligiöse Friedensandacht mit Musik.
Gegen 22 Uhr werden auf dem Maschteich Papierlaternen im Gedenken an die Opfer der Atombomben ausgesetzt.
Im Mosaiksaal des Neuen Rathauses werden von 19 Uhr an Filme zum Atombombenabwurf gezeigt. Im ­Bürgersaal ist noch bis zum 15. August eine Ausstellung über Hiroshima zu sehen. be

Von Felix Lill

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