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Warum Merkel wieder ruhig weiterarbeitet

Kanzlerin im Krisenmodus Warum Merkel wieder ruhig weiterarbeitet

Das Ergebnis der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) tief getroffen. Schließlich befindet sich hier auf der Insel Rügen auch ihr Wahlkreis. Doch wie in allen Krisen gilt am Tag nach dem Wahldebakel Merkels Motto: Einfach ruhig weiterarbeiten.  Von Matthias Koch

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„Wenn Sie schon mal hier sind, dann müssen Sie auch einen Schnaps mittrinken“: Fischer auf Rügen, CDU-Politikerin Merkel im November 1990.

Quelle: Ullsteinbild

Berlin. In der alten Fischerhütte in Lobbe, im Osten von Rügen, kam es im November 1990 zu einer berühmt gewordenen Szene. Angela Merkel, damals 36 Jahre alt, Kandidatin für die erste Bundestagswahl nach dem Mauerfall, stellt sich Männern vor, die gerade mit ihren Booten von See zurückgekehrt sind.

Es entstand ein seltsam gemäldehaftes Foto. Ein fahles winterliches Licht fällt in die Hütte. Die Männer: gesprächsbereit, aber irgendwie auch betreten. Die Politikerin: aufs Zuhören eingestellt, sich selbst zurücknehmend.

"Dann müssen Sie auch einen Schnaps mittrinken"

„Wir wussten gar nicht, wer das ist“, erzählte später einer der Fischer. Sie habe gesagt, sie sei Frau Merkel und wolle kandidieren. „Da haben wir gesagt: Wenn Sie schon mal hier sind, dann müssen Sie auch einen Schnaps mittrinken. Das hat sie auch gemacht.“

Man rückte zusammen, in der Erwartung guter neuer Zeiten. Damals wählten alle Fischer auf dem Bild die Frau in dem langen Jeansrock mit der Strickjacke. Und heute? „Aus der Politik halte ich mich raus“, sagte einer aus der Gruppe, als ihm dieser Tage das Schweizer Fernsehen nachstieg. Und der Wirt vom nahen Gasthaus, in das Merkel damals einkehrte, diktierte durchreisenden Journalisten in den Block, es fehle in der Region an Geld für Schultransporte, die Eltern müssten bis zu 150 Euro dazuschießen: „Aber wenn es um Flüchtlinge geht, spielt Transport, Unterbringung, Betreuung rund um die Uhr keine Rolle, da spielt nichts eine Rolle, das haben wir.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) musste aus der Ferne auf das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern reagieren. Sie weilt unter anderem mit US-Präsident Barack Obama beim G20-Gipfel in China.

Quelle: dpa

In der vorigen Woche, ein paar Tage vor der Landtagswahl, wurde Merkel in kleiner Runde im Kanzleramt noch einmal auf die Fischer von Rügen angesprochen, auch auf deren neue Distanz zu ihr. Da habe die Kanzlerin den Kopf geschüttelt und gesagt, gerade auf Rügen müsse man doch wohl zufrieden sein mit der fantastischen ökonomischen Entwicklung, die die Insel genommen habe.

Es ist die kühle Logik der Kanzlerin. Klar, Rügen wurde vom heruntergekommenen Standort in der DDR zu einem neuen deutschen Sylt. Investitionen, Fremdenverkehr: alles beeindruckend. Die Excel-Tabellen künden von einer Aufwärtsentwicklung, wie es sie nie gab.

"Hatten erwartet, dass sie mehr an die kleinen Leute denkt"

Doch auf diesem wunderbaren Weg in die Modernisierung wurden viele Menschen nicht mitgenommen, auch nicht Merkels Fischer. Schon 2009 nörgelte einer von ihnen, der zur örtlichen Kurverwaltung gewechselte Hans-Joachim Bull, gegenüber der „Ostsee-Zeitung“: „Wir hatten erwartet, dass sie mehr an die kleinen Leute denkt.“ Sein Fischerkollege Eberhard Heuer war zu diesem Zeitpunkt schon in Rente, sein Kreuz war kaputt.

Strukturelle Brüche, frühes Aussortiertwerden: Beide Phänomene gibt es massenhaft im immer moderner werdenden Deutschland, vor allem im Osten. Jene, die sich leise in die Rente verabschieden, tauchen in der Arbeitslosenstatistik nicht mehr auf, dies unterstützt den Eindruck eines Booms. Doch als Wähler bleiben sie erhalten – und als reiches Reservoir für Fremdenfeindlichkeit, Parteienverdrossenheit und Übellaunigkeit.

Der Spitzenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, Landeschef Leif-Erik Holm (re.), schöpfte in der Strömung der Unzufriedenen reichlich Wählerstimmen.

Quelle: AFP

Die AfD bekommt hin, was CDU, SPD, Grüne und auch die Linkspartei in Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag nicht mehr schafften: Sie schöpft aus dieser Strömung reichlich Wählerstimmen. Aber bedeutet das schon, wie AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm vor jubelnden Anhängern rief, den „Anfang vom Ende von Angela Merkels Kanzlerschaft“?

Merkel, das zumindest ist wahr, ist tiefer getroffen als sonst nach verlorenen Landtagswahlen. Sie und ihr Team denken über eigene Fehler nach. Ein Problem wurde intern bereits entdeckt und markiert: Die CDU war schlecht beraten, vor der Wahl wochenlang über ein Burka-Verbot zu diskutieren. „Wenn wir AfD-Themen aufgreifen, machen wir nur die AfD stark“, heißt es jetzt aus dem Umfeld der Kanzlerin. Leider sehe das Innenminister Lorenz Caffier in Schwerin ebenso wenig ein wie sein Amtskollege Frank Henkel in Berlin, wo am 18. September das Abgeordnetenhaus gewählt wird. Seufzend stellt sich Merkels Team auf ein weiteres schwieriges Datum ein.

Seehofers mögliche Chance

Unklug habe auch CSU-Chef Horst Seehofer agiert mit seiner öffentlichen Distanzierung von Merkels Satz „Wir schaffen das“. Auch so etwas nütze nur der AfD. Seehofer könnte eine Chance bekommen, im Bundestagswahlkampf 2017 neben Merkel als der Mann für den rechten demokratischen Rand präsentiert zu werden – doch dann müsste er aus Sicht des Merkel-Camps endlich loyal mitziehen und auf Stänkereien verzichten. Am Montag verhielt er sich aus Berliner Sicht immerhin erstaunlich ruhig. Bis zur Berlin-Wahl, so ist es mit der CSU verabredet, soll auf einen neuerlichen Austausch von Vorwürfen verzichtet werden.

Hat auch die Chefin selbst das eine oder andere Eigentor geschossen? Der Weisheit letzter Schluss war es wohl nicht, dass Merkel in Interviews ausgiebig noch einmal ihre Entscheidung von vor einem Jahr rechtfertigte, die Flüchtlinge ins Land zu lassen. Im Mittelpunkt stand, just ein paar Tage vor der Wahl, noch einmal der Zustrom von damals. In der CDU/CSU-Fraktion beißen manche in die Tischkante: Es hätte doch wunderbare andere Themen gegeben. Warum nicht einfach über eine Verdopplung der Werbekostenpauschale für Arbeitnehmer reden, ein populäres Projekt, bei dem sich jeder ausrechnen kann, was für ihn drin liegt? Stumpf ist Trumpf.

Freude in der SPD-Zentrale über das Wahlergebnis: Doch Parteichef Sigmar Gabriel (re.) muss akzeptieren, dass die starke AfD auch der CDU nützt, da sie rein rechnerisch Rot-Grün verhindert.

Quelle: dpa

Ein Zooming-out des Flüchtlingsproblems schwebt inzwischen auch der Kanzlerin vor. Sie will, wenn sie aus China zurückkehrt, das Thema Flüchtlinge nicht kleinreden, es aber in eine Perspektive stellen mit vielen anderen Dingen. Eine erste Kostprobe wird Merkel in ihrer Haushaltsrede am Mittwoch liefern.

Ansonsten gilt im Merkel-Camp wie in allen Krisen: einfach ruhig weiterarbeiten. Ein innerparteilicher Rivale ist nicht in Sicht, allen Abgesängen auf die Kanzlerin zum Trotz. Indirekt hält die AfD sogar die SPD in Schach – indem sie Rot-Grün rechnerisch verhindert. Die AfD gefährdet auf Dauer die CSU-Alleinherrschaft in Bayern, nicht aber die große Koalition in Berlin. Dies erklärt den Unterschied in der Anspannung bei Merkel und Seehofer.

Für Merkel gibt es derzeit viel zu tun, wegen des wieder mal grotesken Führungsdefizits in Europa. Vom EU-Gipfel in Bratislava am 16. September soll endlich ein Signal der Einigkeit ausgehen. Zur Vorbereitung führt die Kanzlerin eine Unzahl von Gesprächen. Den nächsten Sonntag etwa opfert sie, um die Regierungschefs aus Litauen, Zypern, Malta und Lettland zu treffen. Oft geht es auch im Verhältnis der Staaten zueinander ums Zuhören, um ein Gefühl des Zusammenseins. Wie damals in der Fischerhütte auf Rügen.

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