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Warum Nordafrikaner der Polizei Sorgen machen

Übergriffe in der Silvesternacht Warum Nordafrikaner der Polizei Sorgen machen

Noch ist nicht endgültig geklärt, wer in der Kölner Silvesternacht Frauen umzingelte und begrapschte. Aber die Ermittler verdächtigen bisher nur junge Männer aus Nordafrika. Warum? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Die 13 Beschuldigten aus der Silvesternacht von Köln sind allesamt Nordafrikaner, wie die Kölner Staatsanwaltschaft berichtete.

Quelle: Markus Böhm/dpa

Warum dreht sich die Debatte um Nordafrikaner?

Die Ermittler gehen davon aus, dass viele Täter aus der Silvesternacht nordafrikanische Wurzeln haben. Die ersten Beschuldigten, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelte, stammen den Angaben zufolge alle aus Nordafrika. Ihnen werden vor allem Eigentumsdelikte wie Diebstahl vorgeworfen. Soweit der konkrete Fall.

Unabhängig davon sind der Kölner Polizei seit einigen Jahren Männer aus Nordafrika aufgefallen. Bei den polizeibekannten Taschendieben stellen Nordafrikaner nach Angaben des Direktionsleiters Norbert Wagner inzwischen 40 Prozent der Tatverdächtigen in der Domstadt. "Das war vor drei Jahren noch nicht der Fall", sagt er. Ob es einen Zusammenhang zwischen dieser Gruppe und den Tätern von Silvester gibt? Dazu schweigen die Ermittler bislang.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung?

Unter den Nordafrikanern gibt es nach den Erfahrungen von Sozialarbeitern viele entwurzelte Menschen. "Das sind junge Männer, die oft schon sieben oder acht Jahre in anderen europäischen Ländern umhergereist sind, bis sie hier zu uns kommen. Früher hätte man sie Straßenkinder genannt, die gestrandet sind", sagt Samy Charchira, Sozialpädagoge und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz.

Die Not in ihren Heimatländern, die Arbeitslosigkeit treibe sie davon. Hier fehle Vielen aber auch das Auskommen, eine Aussicht auf Asyl gebe es kaum. "Wir haben kein maghrebinisches, sondern ein handfestes soziales Problem. Wir müssen an diese Jungs ran, wir müssen mit ihnen statt über sie sprechen und versuchen, sie zu integrieren", sagt Charchira. Maghreb-Länder sind zum Beispiel Marokko, Tunesien und Algerien.

Wie groß ist das Problem?

Die Kölner Polizei hat alarmierende Zahlen: Während von 1111 illegal eingewanderten Syrern in jüngster Zeit lediglich 0,5 Prozent als Verdächtige bei Straftaten auffielen, waren es bei 838 illegalen Einwanderern aus Marokko, Tunesien und Algerien 40 Prozent. Und in Düsseldorf gibt es Klau-Banden mit insgesamt 2244 Verdächtigen aus Nordafrika, die Mehrheit von ihnen (1256 Verdächtige) aus Marokko.

Die Nordafrikaner – überwiegend alleinreisende junge Männer – seien besonders häufig bei Raub, Ladendiebstahl, Taschendiebstahl und Diebstahl aus Autos vertreten, sagt die Polizei. Sie seien oft aggressiv und leisteten erheblichen Widerstand. Außer Köln und Düsseldorf gelten in NRW das Ruhrgebiet und Münster als Schwerpunkte. Es handele sich dabei um keine feste, organisierte Mafia, sondern um eher lose Gruppen, die sich aber oft untereinander kennen, sagen die Ermittler.

Warum verlassen die Menschen Nordafrika?

"Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, die Aussichten für junge Menschen sind schlecht", sagte der Europareferent von Pro Asyl, Karl Kopp, der "Frankfurter Rundschau". Neben wirtschaftlichen gebe es aber auch politische Gründe für die Flucht aus Algerien und Marokko: "Die Menschenrechte werden massiv eingeschränkt. Die Presse ist nicht frei, Minderheiten werden verfolgt, es gibt willkürliche Inhaftierungen und Misshandlungen."

Wie viele kommen nach Deutschland?

Die Zahl der Asylbewerber aus Algerien und Marokko ist stark gestiegen. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wurden allein im Dezember fast 2300 Algerier und 2900 Marokkaner in Deutschland als Asylsuchende registriert. Im November seien die Zahlen ähnlich hoch gewesen, sagte ein Sprecher der Behörde am Freitag in Nürnberg. Noch im August hatten die Behörden insgesamt weniger als 1400 Algerier und Marokkaner neu erfasst. Abschließend waren die Zahlen hoch gegangen.

Bleiben sie in Deutschland?

Marokkaner und Algerier bekommen nur in wenigen Fällen ein Bleiberecht in Deutschland, ihre Asylverfahren ziehen sich aber über viele Monate hin. Auch bei ihrer Rückkehr in die Heimat gibt es Probleme, weil die Staaten abgelehnte Asylbewerber oft nicht zurücknehmen. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, mit Algerien zum Beispiel gebe es ein Rückübernahmeabkommen. In der Praxis gestalte sich die Umsetzung jedoch schwierig. Auch das Auswärtige Amt betonte, der Abschluss solcher Abkommen reiche nicht aus. Es gebe viele Möglichkeiten, vor allem bürokratischer Natur, solche Vereinbarungen in der Praxis zu erschweren oder unmöglich zu machen.

Welche Konsequenzen zieht die Politik?

Die CSU verlangt, Marokko und Algerien als "sichere Herkunftsstaaten" einzustufen, um Asylbewerber von dort schneller wieder in ihre Heimat zurückzuschicken – wie zuvor schon im Fall mehrerer Balkan-Staaten. Auch CDU-Politiker sind dafür. Ob die SPD bei den Plänen mitzieht, ist aber unklar. Der SPD-Innenpolitiker Burkhard Lischka hatte zuletzt betont, er würde sich einem solchen Schritt nicht versperren.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann äußerte sich dagegen skeptisch. "Das würde im Augenblick nicht helfen, weil die abgelehnten Bewerber aus diesen Ländern nicht abgeschoben werden", sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Ich erwarte, dass die Verfahren von Algeriern und Marokkanern vom Flüchtlingsbundesamt BAMF mit erster Priorität behandelt werden und die Abkommen mit den beiden Ländern für die Rücknahme von Flüchtlingen aktiviert werden."

dpa/wer

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