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Warum so viele Nordafrikaner nach Europa wollen

Flucht vor dem Elend Warum so viele Nordafrikaner nach Europa wollen

Es ist die Flucht vor dem Elen in der Heimat: Viele Tunesier, Algerier und Marokkaner wollen unbedingt nach Europa – obwohl viele von ihnen nicht politisch verfolgt werden. Eine Bestandsaufnahme unseres Korrespondenten Martin Gehlen.

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„Die Bilanz meines Lebens ist absolut negativ. Ich bin ohne Arbeit und ohne Wohnung“: Das Elendsviertel El-Wiam in Algeriens Hauptstadt Algier.

Quelle: afp

Kairo. Seit der Silvesternacht in Köln sowie den Anti-Terror-Razzien in Berlin und Hannover stehen vor allem sie im Visier der Polizei und im Rampenlicht der Öffentlichkeit: Zuwanderer aus den nordafrikanischen Ländern, dem Maghreb. 13 800 Algerier beantragten allein im vergangenen Jahr in Deutschland Asyl, aus dem Nachbarland Marokko waren es 10 250, aus Tunesien knapp 2000 - und damit fünf Mal mehr als im Vorjahr 2014, als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lediglich 4700 Neuankömmlinge aus diesen drei nordafrikanischen Staaten registrierte.

Zwischen 0,2 und 3,8 Prozent von ihnen erhielten Asyl, also eine sehr kleine Minderheit. 8000 der Zuwanderer haben einen rechtskräftigen Ausweisungsbescheid. Nun plant die Bundesregierung, sie schneller wieder loszuwerden. Berlin begründet das mit der Haltung, die drei Heimatländer seien sichere Drittstaaten, deren Bewohner in der Regel keine politische Verfolgung und keine Menschenrechtsverletzungen zu befürchten hätten. Und in der Tat: Die meisten Algerier, Marokkaner und Tunesier, die sich nach Deutschland durchschlagen, sind getrieben von sozialem Frust und Arbeitslosigkeit. Wie auch die zwei Dutzend jungen Leute, die die algerische Küstenwache kürzlich in der Bucht vor Annaba fand und aus dem winterlichen Mittelmeer fischte.

"Korruption, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot"

Man könne nicht anständig leben in einem Land, „in dem Korruption, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot grassieren und in dem man nicht heiraten kann“, erklärten die jungen Männer einem Reporter der Zeitung „El Watan“. So wie die gescheiterten Bootsflüchtlinge denken viele im Land. Knapp 70 Prozent der 39 Millionen Algerier sind jünger als 30 Jahre. Und jeder dritte von ihnen will nur noch eins - nichts wie weg. „Die Bilanz meines Lebens ist absolut negativ. Ich bin ohne Arbeit und ohne Wohnung. In Algerien sind sogar Ärzte und Ingenieure arbeitslos“, sagte einer aus der Gruppe. Dreimal habe er bereits die Überfahrt probiert. Jedes Mal wurde er von der Küstenwache erwischt. „Aber ich werde nicht aufgeben und mein Glück erneut versuchen“ - wie viele Altersgenossen aus Marokko und Tunesien auch.

Algerien ist der reichste unter den drei Maghreb-Staaten, doch seine Bodenschätze werden von einer Elite von rund 500.000 Leuten verprasst. 97 Prozent der Deviseneinnahmen hängen von Öl und Gas ab, eine nennenswerte Industrie gibt es nicht. Korruption, Staatsmafia und autoritäre Bürokratie bilden einen flächendeckenden Filz. Mit dem Ölgeld wurde einer der härtesten Polizeistaaten des Nahen Ostens aufgebaut, der nach dem mörderischen Bürgerkrieg in den Neunzigerjahren mit 200 000 Toten vor allem Islamisten, aber auch politisch Andersdenkende in Schach hält. So existieren nach Erkenntnissen von Menschenrechtlern in mehreren algerischen Kasernen Geheimgefängnisse, in denen vor allem Islamisten eingesperrt sind. Viele von ihnen, heißt es, werden immer wieder schwer gefoltert.

Rückschlag für Tourismus

Tunesien erlebte erst kürzlich die schwersten sozialen Unruhen seit dem Arabischen Frühling und konnte die Proteste nur mit einer landesweiten Ausgangssperre bändigen. 700 000 Menschen seien arbeitslos, darunter 250 000 junge Leute mit Hochschulexamen, räumte Präsident Béji Caïd Essebsi ein. Seit den beiden Terrormassakern mit 60 Toten vor dem Bardo-Museum in Tunis und am Mittelmeerstrand von Sousse liegt die Tourismusbranche am Boden. Mit einem Schlag brachen zwei Millionen Ferienkunden weg - mit mehr als 30 Prozent der schlimmste Rückschlag in der Geschichte des nordafrikanischen Landes. Die Menschenrechtslage hat sich nach dem Urteil von Amnesty International und Human Rights Watch (HRW) dagegen verbessert. So garantiert die Verfassung von 2014 „wichtige bürgerliche, politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte“, heißt es bei HRW. Allerdings hätten die tunesischen Behörden nur „geringe Fortschritte bei der Überarbeitung der Gesetzgebung insbesondere beim Strafgesetzbuch und der Strafprozessordnung“ gemacht. Noch immer würden Rapper, Journalisten und Blogger wegen „Verleumdung“, „Amtsbeleidigung“, „Schädigung der öffentlichen Ordnung“ oder „der öffentlichen Moral“ verurteilt - wenn auch weniger als früher.

Abgesehen davon haben alle drei Maghrebstaaten mit einer Radikalisierung ihres Nachwuchses zu kämpfen. Die meisten Täter des IS-Massakers von Paris waren Algerier. Junge Tunesier und Marokkaner ziehen in hellen Scharen zum „Islamischen Staat“. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegen Tunesier mit 5000 IS-Jihadisten einsam an der Spitze - gefolgt von Saudi-Arabien und Marokko. Weitere 12 000 wurden bisher an der Ausreise nach Syrien, Irak und Libyen gehindert. Vergangene Woche verhaftete die algerische Polizei auf dem Flughafen von Algier hunderte junger marokkanischer IS-Rekruten, die auf der Durchreise nach Libyen waren, wo der „Islamische Staat“ nach westlichen Erkenntnissen ein neues Kalifat aufbaut. Als Konsequenz stellte Algerien seinen Flugverkehr mit dem zerfallenen Nachbarstaat erst einmal komplett ein.

Auch Marokko ist bei Weitem nicht so demokratisch, wie das Land nach außen gerne tut. „Wer an der Oberfläche kratzt, wird auf Folter stoßen”, beurteilte ein Sprecher von Amnesty international 2015 die Lage im nordafrikanischen Königreich. Mitglieder des örtlichen Ablegers des Arabischen Frühlings, der „Bewegung 20. Februar“, regimekritische Rapper oder politisch aktive Islamisten werden genauso vor Gericht gestellt wie Aktivisten aus der besetzten Westsahara. Die Büroleiterin der Friedrich-Naumann-Stiftung wurde jüngst ausgewiesen, weil sie sich für einen bekannten Regimekritiker eingesetzt hatte.

Von Martin Gehlen

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