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Warum so viele Syrer jetzt ihre Heimat verlassen

Flüchtlingskrise Warum so viele Syrer jetzt ihre Heimat verlassen

Lieber Not in der Fremde als Tod zu Hause: Zehntausende Syrer verlassen derzeit ihre Heimat. Warum gerade jetzt? Eine Analyse von Martin Gehlen, Marina Kormbaki und Jan Kuhlmann.

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Das Assad-Regime legt ganze Orte in Schutt und Asche – den Bewohnern bleibt oft nichts als die Flucht, zum Beispiel nach Deutschland.

Quelle: Patrick Pleul

An dem Unglückstag im Mai, als der „Islamische Staat“ erstmals seine schwarze Flagge über dem römischen Antikenwunder Palmyra aufzieht, ist das Opernhaus in Damaskus am Abend festlich erleuchtet. Auf der Bühne trägt ein Sänger traditionelle arabische Balladen vor. Die Zuschauer in dem halb gefüllten Parkett rücken zusammen, damit das Staatsfernsehen bei der Übertragung ein ausverkauftes Haus zeigen kann. Als die Islamisten später die bedeutendsten Tempel Palmyras sprengen, bereiten Kuratoren in den Wandelgängen der Oper seelenruhig die nächste Kunstausstellung vor.

Es ist eine zynische Inszenierung: hier die regimetreue Elite, die sich in der Hauptstadt bei Premieren zuprostet und bei Vernissagen Normalität vorlügt - dort das Land, das immer noch tiefer in Gewalt und Chaos versinkt. 250 000 Tote, zwölf Millionen Menschen auf der Flucht, 2,7 Millionen Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen: Das ist die erschütternde Bilanz nach vier Jahren Bürgerkrieg in Syrien. Und jeder Tag bringt neue Horrorfotos von Fassbombenangriffen, die ganze Straßenzüge pulverisieren.

„Immer morgens, um 9 Uhr, gingen die Bomben Assads nieder“, sagt Ahmad, ein schmaler junger Mann von 22 Jahren, bei einem Treffen in Berlin. Ehe er vor zwei Monaten nach Deutschland kam, um hier Asyl zu suchen, lebte Ahmad in einem Vorort von Damaskus, Douma heißt er. Man könnte ihn aber auch anders nennen: die Hölle auf Erden. „Seit drei Jahren ist Douma eingekesselt von der syrischen Armee, sie lassen keine Lebensmittel rein, es gibt keine Elektrizität, keine Medikamente“, sagt Ahmad. „Der einzige Weg raus aus der Stadt führt über vermintes Gelände.“

Douma gilt als Hochburg der syrischen Oppositionellen, der Gegner Assads aus dem eigenen Land also. Es ist einer jener Orte im Land, den die Regierungsarmee mit unfassbarer Härte bekämpft. Mit Heckenschützen, Giftgas und eben: Fassbomben. Zuletzt bombardierte sie wiederholt den Marktplatz der Stadt, am helllichten Tag, als die Menschen sich aus den Ruinen hinauswagten, um das bisschen Obst und Gemüse, das sie anbauen, gegen Öl für Generatoren einzutauschen.

Immer wenn der Fliegeralarm losging, suchten die Menschen von Douma Zuflucht in den Wohnruinen. Ahmad lief jedoch hinaus, Verletzte retten, Tote bergen. Er war im zweiten Jahr seines Medizinstudiums, als der Krieg ausbrach. „Die Leute in Douma nannten mich Doktor, aber ich bin doch kein Arzt“, sagt er. „Ich bin Student.“ Es leben in Douma kaum noch Ärzte.

Im syrischen Staatsfernsehen konnte man vor Kurzem einen der wenigen ehrlichen Momente des syrischen Präsidenten erleben. Baschar al-Assad ist nicht bekannt dafür, gern öffentlich Schwäche einzugestehen. Jetzt aber räumte er ein: Ja, das Militär habe Schwierigkeiten, neue Soldaten zu rekrutieren. Und ja, seine Truppen hätten sich aus einigen Gebieten zurückziehen müssen, um wichtigere Orte zu halten.

Selten kam Assad in einer Rede der Wirklichkeit so nahe. Nach vier Jahren Krieg bröckelt auch seine eigene Machtbasis - die Armee ist ausgelaugt. Immer wieder tauchen Meldungen auf, dass sich Syrer weigern, in der Armee zu dienen. Fast alle wichtigen Schlachten der vergangenen Monate haben die Anhänger des Regimes verloren - im Osten des Landes gegen den IS, im Norden gegen ein Bündnis verschiedener Rebellengruppen. Mehr als 85 Prozent des Territoriums sind Assad entglitten.

Doch auch wenn Assad die Macht über große Teile des Landes verloren hat, kontrollieren seine Anhänger noch immer wichtige Städte wie Damaskus, Hama, Homs oder große Teile Aleppos. Dass Assads Regime bislang nicht gestürzt ist, hat er seinen mächtigen Verbündeten zu verdanken. Russland und der Iran tun alles, um den Zusammenbruch ihres treuen Partners zu verhindern. Und auch die Zerstrittenheit seiner Gegner nützt Assad: Im Norden kämpfen die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front und der IS gegeneinander - und schwächen sich gegenseitig.

Der Krieg ist Dauerzustand, bleischwer liegt er über dem Alltag der Menschen. „In Douma geht niemand mehr seiner Arbeit nach“, erzählt Ahmad. „Alle sind nur noch mit Überleben beschäftigt.“ Während Ahmad an diesem Abend im hell erleuchteten Büro der oppositionellen Syrischen Nationalen Koalition in Berlin erzählt, schließt er immer mal wieder die Augen. Nicht nur wegen der Bilder, die ihn beim Erzählen heimsuchen, auch wegen der Deckenbeleuchtung. Er sagt: „Drei Jahre in ständiger Dunkelheit wirken wohl nach.“

„Die Taschenlampenfunktion ist überlebenswichtig“

Ahmad spricht gutes Englisch, aber es fehlt an Worten, die das wiedergeben könnten, was ein Alltag im Krieg bedeutet. „Wir lebten von Brot aus Getreideschrot, den eigentlich Kühe fressen. Aber Kühe gibt es in Douma schon lange nicht mehr. Wasser pumpten wir mithilfe eines Stromgenerators aus dem Grund, der Stromgenerator wurde mit geschmolzenem Plastik betrieben und musste für drei, vier Straßenzüge ausreichen. Wichtig war, dass das Smart- phone aufgeladen war“, sagt Ahmad. Hatten sie denn Empfang? Ahmad lacht kurz auf: „Die Taschenlampenfunktion ist überlebenswichtig.“

Syrien ist ein großes Schlachtfeld - aber es sind nicht nur die Syrer, die diesen Konflikt immer wieder neu befeuern. Auch Assads Gegner erhalten Hilfe aus dem Ausland: Saudi-Arabien, Katar und die Türkei unterstützen islamistische Rebellengruppen, die im Norden einige Gebiete eingenommen haben. Auf der anderen Seite verstärken auch Assads Verbündete ihr Engagement für den Diktator. Seit einer Woche verlegt Russland Soldaten nach Syrien. Nach Einschätzung der USA plant Moskau ein hochgerüstetes Expeditionskorps von etwa 3000 Mann - was die Russen allerdings dementieren. Der Iran wiederum unterstützt Assad auch mit Öllieferungen, militärischer Hilfe und Milliardenkrediten.

Ende des Krieges ist nicht in Sicht

Ein Ende dieses Krieges ist nicht absehbar. Es ist vor allem diese Erkenntnis, die jetzt viele Syrer in die Flucht treibt. „Meine Eltern haben mir lange verboten, ins Exil zu gehen. Meine Mutter hatte Angst davor, dass ich auf der Flucht sterben könnte“, sagt Ahmad. „Als aber das Regime dazu überging, Giftgas abzufeuern, sagte meine Mutter: ,Gut, geh. Ob du nun hier stirbst oder auf der Flucht.“ Ahmad ist gemeinsam mit einem Freund aus Kindheitstagen über die Türkei nach Griechenland und dann entlang der „Balkanroute“ nach Berlin gekommen. Einen Monat waren sie unterwegs auf dieser, wie man ja weiß, gefährlichen Reise. Doch Ahmad sagt: „Das war eine Urlaubsreise verglichen mit dem, was wir zurückgelassen haben.“

Ob es etwas gibt, das diesen Krieg beenden und die Massenflucht stoppen könnte? Der UN-Sondervermittler Staffan de Mistura hat da nur eine Hoffnung: eine Annäherung von Iran und Saudi-Arabien. „Der Sauerstoff, der den Konflikt am Leben erhält, würde verschwinden.“

Doch der Strom der Flüchtlinge könnte auch noch einmal dramatisch anschwellen - dann, wenn Assads Regime weiter an Boden verliert und die Rebellen in die bislang sichere Küstenregion rund um Latakia vordringen. Die Stadt am Mittelmeer gehört zum alawitischen Kerngebiet. Dort waren auch in diesem Sommer die Strände voll, die Hotels ausgebucht, dort gibt sich der Assad-Clan mit der Luxus- elite seinen Partys hin, wie in der Hauptstadt. Das Grollen des Artilleriefeuers gehört dort allerdings längst zum Alltag - und das Gehabe der Gäste, kolportieren Teilnehmer, werde immer überdrehter und hysterischer.

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