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Wenn Lehrer nicht wissen, was sie tun

Bildungsmesse didacta Wenn Lehrer nicht wissen, was sie tun

Die digitale Revolution macht auch nicht vor der Bildung halt: Die deutschen Schulen kämpfen noch mit den Chancen und Risiken des Internets. Ein Rundgang über die Bildungsmesse didacta in Hannover zeigt, was sich geändert hat.

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Computer spielen in der Bildung eine immer größere Rolle.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Hannover. Umgeblättert wird noch. Wenn auch virtuell. Die Lese-Lern-App des Offenburger Mildenberger Verlags ist ein bisschen Buch und ein bisschen Computerspiel. Mit dem Schneemann Frosty können Abc-Schützen Silbe für Silbe lesen lernen, sich vorlesen lassen oder Memory spielen. „Eigentlich“, sagt Christian Przibilla vom Mildenberger Verlag, „ist der Unterricht mit neuen Medien eher ein Thema für weiterführende Schulen. Aber jetzt entdecken auch die Grundschulen das Internet.“

Ein Trend, den Schulbuchverlage sich zunutze machen wollen. Auf der am Dienstag in Hannover eröffneten Bildungsmesse didacta bieten sie neben den klassischen Büchern eben auch digitales Lernmaterial an: Programme für Notebooks, an Computer angeschlossene Tafeln, sogenannte Whiteboards, Tablets, Apps, elektronische Schulbücher, intelligente Stifte, die das Aufgeschriebene filmen und sofort in eine Textdatei umwandeln.

Die schöne, neue Welt ist vielfältig – doch oft kommen die Lehrer nicht mit. Was nützt das modernste Whiteboard, wenn der Pädagoge es nicht bedienen kann? Selbst die Jungen wissen oft nicht, was sie tun sollen. „Im Studium ist das kein Thema“, sagen zwei Referendarinnen aus Nordrhein-Westfalen. Und zwei Lehrerinnen aus Schleswig-Holstein berichten, dass sie von den Möglichkeiten der neuen Technik nur allzu wenig wissen.

Von Südkorea, das bis 2015 seine Schulbücher abschaffen und Kinder nur noch digital lernen lassen will, ist Deutschland meilenweit entfernt. Bei den 875 Ausstellern der didacta – so vielen wie nie zuvor – dominieren noch die klassischen Bücher. Nicht gerade überfüllt ist das E-learning-Forum in Halle 14. „Das Thema ist leider ziemlich abseits platziert“, kritisiert Mara Voigt, die für Firmen und Schulbuchverlage webbasierte Lernprogramme konzipiert. Viele didacta-Besucher schafften es gar nicht bis zum E-learning-Forum. Dabei gebe es viel zu entdecken. Mithilfe des Internets lernten Kinder wie Erwachsene direkter, flexibler und effektiver, glaubt Voigt. Auch die Schulen könnten da nicht hinterherhinken.

Die nordischen Nachbarn sind schon weiter. „Wenn ich in die Klasse komme, hat jeder Schüler einen Laptop vor sich“, sagt Thomas Klemann, der Deutsch an einem Gymnasium in Dänemark unterrichtet. Er spricht von einer „explosionsartigen Entwicklung“. Statt deutscher Klassiker wie Max Frischs „Homo faber“ lesen dänische Jugendliche jetzt sechsseitige Novellen und Kurzgeschichten von Doris Dörrie – online.

„Digitale Medien sind kein Ersatz für das Buch, aber eine Bereicherung – auch schon für unter Zehnjährige“, sagt der Erziehungswissenschaftler und didacta-Präsident Wassilios Fthenakis. Er warnt davor, Computer, iPads oder Smartphones zu verteufeln oder sie schlicht zu ignorieren. Schließlich könnten Multimedia-Angebote auch eine Chance sein, Bildungsverlierer wie Jungen oder Kinder aus sozial schwächeren Familien eher zu erreichen. Andere Experten sind da skeptischer. Das Wichtigste sei und bleibe das persönliche Gespräch, sagen die Initiatoren eines Projekts zur Jungenförderung. Auch noch so spannende Lernprogramme könnten das nicht ersetzen.

„Die Vermittlung kritischer Medienkompetenz wird in den Schulen immer wichtiger“, betont auch Ingrid Otto, stellvertretende niedersächsische Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung. Das müsse auch für die Lehreraus- und Weiterbildung gelten. Nicht nur in der Auseinandersetzung mit den akademischen Möglichkeiten – sondern auch mit den dunklen Seiten des Internets.

Cyber-Mobbing, realen Gehässigkeiten in einer vermeintlich virtuellen Welt, stehen viele Pädagogen hilflos gegenüber, weil sie gar nicht wissen, was ihre Schützlinge in sozialen Netzwerken so treiben. „Viele Lehrer greifen zu spät ein“, berichtet Torsten Porsch. Der Psychologe der Universität Münster hat einen Ratgeber geschrieben, wie sich die „Schikane mit modernen Mitteln“ verhindern lässt. „Das beste Mittel gegen Cyber-Mobbing ist Prävention“, sagt Porsch. Wer Schüler rechtzeitig, in den Klassen 5 bis 7, über die Gefahren des Webs informiere, könne spätere Auswüchse abmildern oder vielleicht gar nicht erst aufkommen lassen. Lehrer dürften allerdings nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auftreten und „vor dem bösen Internet warnen“. Viele Jugendliche wüssten oft gar nicht, was sie mit ihren Beleidigungen und Gerüchten im Internet anrichten. „Das Mobbing in der Schule hört auf, wenn das Kind nach Hause kommt und die Tür zumacht. Das Mobbing im Internet geht weiter“, sagt Porsch. Schüler, die viel Zeit am Computer verbringen, werden nach Ansicht des Psychologen leichter zum Mobbingopfer. Aber manchmal eben auch Kinder, die mit dem Internet gar nichts am Hut hätten.

Nicht nur Lehrer, auch Eltern müssten darauf achten, was ihre Sprösslinge im Internet machten. Ein mehrwöchiges Computerverbot sei auf alle Fälle die falsche Antwort, für Täter wie für Opfer. Von Lehrern aber, die bei Facebook unter falscher Identität ihren Schülern hinterherspionieren, hält Porsch gar nichts: „Das bringt nur Vertrauensverlust.“

Die didacta läuft bis zum Sonnabend, 18. Februar, auf dem Messegelände Hannover.

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