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Deutschland / Welt Wenn die Erde glüht – die Hitzewelle erfasst den Globus
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09:29 25.07.2018
Meterhohe Flammen: Im griechischen Mati haben mehr als 70 Menschen ihr Leben verloren. Quelle: imago stock&people
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Athen

Was haben sie einander noch gesagt in dem Moment, als ihnen klar wurde, dass es kein Entrinnen mehr gibt? Wahrscheinlich gar nichts. Sie haben wohl eher geschrien vor Angst und Schmerzen. Oder sind verstummt im Entsetzen.

Die Geschichte der 25 toten Männer, Frauen und Kinder auf einem Feld unter dem Osthang des griechischen Penteli-Gebirges ist womöglich die traurigste Geschichte in diesem Sommer der Hitze und der Feuer, der auf der ganzen Welt so viele Opfer fordert.

Bei Tagesanbruch haben Feuerwehrleute am Dienstagmorgen die Toten gefunden. Was passiert war, erschließt sich schnell: Die Menschen haben versucht, der Feuerfront zu entkommen, die vom Berg herab durch vertrocknete Wälder und über ausgedörrte Felder auf den kleinen Ort Mati zurollte. Sie wollten ins nahe Meer. Doch dann standen sie vor steilen Klippen, ausweglos. 30 Meter vom rettenden Meer entfernt haben Rauch und Flammen die 25 Menschen überwältigt.

Viele hielten sich noch im Tod umarmt

Eine beispiellose Hitzewelle hat den Globus erfasst. Auf allen vier Kontinenten der nördlichen Halbkugel. Ein Ausrutscher des Wetters? Ein sicherer Vorbote eines Klimawandels, der den Menschen Stürme, Hochwasser und eben auch Hitzewellen bringt, denen sie kaum mehr gewachsen sind? Die Wissenschaftler streiten noch darüber. Aber zu Zehntausenden brechen in diesen Juliwochen in Japan und in Großbritannien, in Kanada und in Deutschland die Menschen unter der Hitze zusammen. Und es brennt.

29 Grad: Die Feuerfront aus den trockenen Wäldern rollte am Ende eines heißen Tages auf den griechischen Urlaubsort Mati zu. Seit Wochen lag die Region unter brütender Hitze. Quelle: AP

In beiden Koreas, im amerikanischen Oregon, in Schweden. Die Erde glüht. Und ganz besonders furchtbar hat das Hitzefeuer in den dicht bewaldeten Vororten im Osten der griechischen Hauptstadtprovinz Attika gewütet.

Mindestens 74 Menschen sind in dem Inferno gestorben, Hunderte Häuser eingeäschert. Ministerpräsident Alexis Tsipras spricht von einer „unbeschreiblichen Tragödie“ und ruft eine dreitägige Staatstrauer aus.

Mati war noch am Montagmorgen ein lebhafter Badeort 30 Kilometer östlich von Athen: Villen und Wochenendhäuser zwischen grünen Pinien, am Strand mehrere Hotels und Tavernen, ein malerischer kleiner Hafen für die Fischerboote und Segeljachten. Vor allem Athener verbringen in dieser Idylle gern die Wochenenden.

In der Nacht zu Dienstag rast eine Flammenwalze durch den Ort. Luftaufnahmen zeigen am Morgen das Ausmaß der Zerstörung: schwarze Baumgerippe zwischen schwelenden Ruinen, die Straßen gesäumt von ausgeglühten Autowracks. Ein grauer Ascheteppich bedeckt den Ort. „Mati existiert nicht mehr“ sagt eine Anwohnerin.

Es brennt – und die Feuerwehr braucht zwei Stunden, bis sie zu Hilfe kommt: Glikeria Mpirliraki aus Mati begutachtet ihr zerstörtes Haus. Quelle: dpa

Das Feuer war am Montagnachmittag bei der Ortschaft Neos Voutsas am Osthang des Penteli-Bergmassivs ausgebrochen. Heftige Westwinde ließen die einzelnen Brandherde schnell zu einer riesigen Feuerfront anwachsen, die auf das unterhalb gelegene Mati und die kleine Hafenstadt Rafina zurollte. Weil die Feuerwehren bereits seit dem Mittag gegen einen anderen großen Waldbrand bei Kinetta westlich Athens kämpften, konnten sich die Flammen am Penteli zunächst ungehindert ausbreiten. Als am Nachmittag Löschflugzeuge und Helikopter begannen, Wasserbomben abzuwerfen, ließ sich die Katastrophe nicht mehr abwenden.

„Zwei Stunden haben wir vergeblich auf die Feuerwehr gewartet“, berichtet Stefanos Varlamis. Dann ergriff der Familienvater mit Frau und zwei Kindern die Flucht. „Unser Haus ist abgebrannt, aber wir haben wenigstens unser Leben gerettet.“

Viele Menschen versuchten, in ihren Autos zu entkommen – davon zeugen die ineinander verkeilten, ausgebrannten Fahrzeuge. Andere liefen zu Fuß um ihr Leben – und fanden den Tod, wie die 25 auf den Klippen über dem Meer.

Keine Sicherheit – auch nicht im Meer

Hunderte schafften es bis ans Meer. Ausflugsschiffe und Fischerboote brachten im Laufe der Nacht mehr als 700 Menschen von den Stränden in Sicherheit. Andere versuchten, sich schwimmend zu retten. Jachten und Schlauchboote kreuzten vor der Küste, die Fregatte „Elli“ der Kriegsmarine und ein Fährschiff – sie alle suchten Überlebende.

Noch am Dienstagmittag entdeckten Hubschrauberpiloten im Meer treibende Tote. Viele Menschen werden vermisst, darunter zwei dänische Touristen. Sie gehörten zu einer Gruppe von zehn Urlaubern, die in einem kleinen Schlauchboot zu entkommen versuchten. Nur acht wurden gerettet.

Die Tragödie zeigt einmal mehr schwere Versäumnisse Griechenlands beim Katastrophenschutz und bei der Organisation der Brandbekämpfung. „Keine Frage wird unbeantwortet bleiben“, verspricht Regierungschef Tsipras. Im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern hat Griechenland kein flächendeckendes Netz freiwilliger oder kommunaler Feuerwehren. Für die Brandbekämpfung ist das Ministerium für Bürgerschutz zuständig. Freiwillige Feuerwehren gibt es nicht, die im Brandfall schnell vor Ort eingreifen können, stattdessen muss man oft Stunden auf die Feuerwehr aus der nächstgrößeren Stadt warten. Dazu kommt: Wegen der Finanzkrise hat der Staat in den vergangenen Jahren viel zu wenig Geld in technische Ausrüstung der Feuerwehren gesteckt.

Von Asien bis zur Arktis – Kampf gegen die Hitze

Aber: In diesem Sommer sind auch andere, bestens ausgestattete Staaten überfordert. Schweden etwa, das nach Hitzegewittern die schlimmsten Waldbrände seiner Geschichte erlebt, hat französische, italienische und deutsche Hilfe annehmen müssen. Von Asien bis zur Arktis – der Kampf gegen die Hitze hat viele Formen.

41,1 Grad: Kumagaya nahe Tokio hat am Montag die höchste Temperatur seit Beginn der Aufzeichnungen gemeldet, aber ganz Japan leidet. Quelle: AP

Japan erklärt Naturkatastrophe
: Japanische Sommer sind berüchtigt für hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit. Aber dass eine Hitzewelle offiziell als Naturkatastrophe eingestuft wird, das hat es noch nicht gegeben. Bis zum Dienstag. 80 Menschen sind bereits wegen der Hitze gestorben, seit Anfang Juli sind mehr als 35 000 zur Notfallbehandlung in Krankenhäuser eingeliefert worden. „Dringlichkeitsmaßnahmen zum Schutz der Kinder“ kündigt die Regierung an, dazu gehört der Einbau von Klimaanlagen in Schulen – nächstes Jahr; als Soforthilfe ist die Verlängerung der Schulferien angedacht. Sogar in Tokio war es am Dienstag 37 Grad heiß. 2020 ist Tokio Gastgeber der Olympischen Sommerspiele. Gouverneurin Yuriko Koike will nun, dass „die Hitze mit gleicher Dringlichkeit angegangen wird wie das Szenario terroristischer Anschläge“.

38 Grad: In Kalifornien und in Oregon wüten auf fast 200 000 Quadratkilometern Wildfeuer – in glühender Hitze kämpfen Tausende Helfer. Quelle: AP

Kalifornisches Inferno: Der als „Ferguson Fire“ bezeichnete Waldbrand in Kalifornien erstreckt sich mittlerweile auf 130 Quadratkilometer am Rande des Yosemite-Nationalparks, mehr als doppelt so viel wie vor wenigen Tagen. Noch ist der Park nicht geschlossen – aber Urlauber können jederzeit ausgewiesen werden. 3000 Feuerwehrleute sind im Einsatz – und räumten am Dienstag erschöpft ein: „Das Feuer ist außer Kontrolle.“ Ähnlich dramatisch geht es im Nachbarstaat Oregon zu: Knapp 45 000 Hektar brennen in 13 Wildfeuern.

China geht die Energie aus: Die tödliche Hitzewelle in fast allen asiatischen Ländern hat Energie so teuer gemacht wie seit fünf Jahren nicht mehr. Die Klimaanlagen laufen rund um die Uhr. Der Gouverneur der Provinz Hunan hat am Dienstag mitgeteilt, dass die Volksrepublik auf einen Energienotstand zugeht.

Afrika setzt neuen Rekord: 51,3 Grad Celsius – das hat die Wetterstation im algerischen Ouargla in der Sahara gemessen. Ein neuer Rekord für den Kontinent.

In der Arktis wird vorgebaut: Die Arktis schwitzt bei 20 Grad über dem Normalwert. Auf den Permafrost ist kein Verlass mehr – und deshalb wird jetzt das wichtigste Menschheitserbe doppelt gesichert. Eine knappe Million Samen liegen in einer ehemaligen Kohlemine in Svalbard, Exemplare von etwa 40 Prozent aller Samenarten der Welt. Wegen des wärmebedingten vielen Regens dringt aber Wasser in die Mine ein. Nun erhält sie einen wasserdichten Zugangstunnel aus Beton. Ein gigantisches Bauvorhaben. Aber Neil Palmer vom Crop Trust der Vereinten Nationen in Bonn verspricht: „Jetzt wird das Agrar-Erbe der Menschheit wirklich Klimawandel-sicher gemacht.“

Von Gerd Höhler/RND

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