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Wie die USA unter Trump aussehen würden

Blick in die Zukunft Wie die USA unter Trump aussehen würden

Er erhöht den Mindestlohn, senkt die Steuern, steigt aus dem Freihandel aus und baut eine Mauer. 
Und wie lebt es sich nun im Amerika des Präsidenten Donald Trump? Ein Besuch in der Zukunft.

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Der nächste US-Präsident? Donald Trump im Wahlkampf.

Quelle: dpa

Washington/New York. Es ist der 11. November 2019. Die Schwestern Linda und Emily sind an diesem Montag schon früh auf den Beinen. Sie freuen sich auf einen Ausflug nach Washington. Die Mädchen leben mit ihren Eltern in Capon Bridge in West Virginia. Heute, am Veteranentag, wollen sie die Gedenkfeier auf dem Nationalfriedhof in Arlington besuchen. Wenn sie Glück haben, können sie während der Zeremonie einen Blick auf ihren Helden erhaschen: US-Präsident Donald John Trump.

Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika regiert seit fast drei Jahren im Weißen Haus. Die Mädchen, acht und zehn Jahre alt, können sich kaum noch an die Zeit vor der Wende erinnern. „Die Wende“ – so nennen ihre Eltern und viele Nachbarn in Capon Bridge den Tag, als Trump das Oval Office bezog.

Das Ende des Freihandels– und 
der Geschichte von VW in den USA

Ein Erlebnis aus der Zeit des Umbruchs, das Linda und Emily noch genau vor Augen haben, ist dagegen der 1. August 2018. Damals kam ihre Mutter Doreen mit einem strahlenden Lächeln nach Hause: Die junge Frau hatte ihren Job als Verkäuferin im Supermarkt „General Dollar“ an den Nagel gehängt und in der neuen Fertigungshalle von Apple einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Anstatt 9 Dollar verdiente sie nun 12,50 Dollar pro Stunde. Wie vor der Wahl angekündigt, hatte Trump den Mindestlohn erhöht.

Sogar kleine und mittlere Firmen haben die Mehrausgaben ohne größeren Widerstand hingenommen, da die Unternehmenssteuer im Gegenzug von 35 auf 15 Prozent sank.   Die Familie Miller war voller Zuversicht. Mit diesem Unternehmenssteuertrick hat der Präsident es geschafft, dass einige Technologieriesen wie Apple ihre Fabriken von China wieder nach Amerika zurückverlagerten. Die Konzerne aus dem Silicon Valley erweisen sich als echte Patrioten.

Sie sind nicht so kleinlich wie deutsche und japanische Autobauer, die ihre Investitionspläne für die USA auf Eis legen und ihre mexikanischen Werke ausbauen, nur weil Mexiko sich an Verträge hält. „Wir kommen auch mit Ford, Chrysler und GM zurecht“, sagt Doreen trotzig. Mit Wehmut denkt sie nur an den beliebten Familienwagen „CrossBlue“, der bisher von Volkswagen in Chattanooga gebaut wurde. Das Werk wird geschlossen, um den VW-Standort im mexikanischen Puebla auszubauen. Angesichts der Strafzölle, die Trump auf ausländische Fahrzeuge erlassen hat, wird der „CrossBlue“ für Doreen unerschwinglich.

VW baut das US-Werk ab, weil Washington das europäische und asiatische Freihandelsabkommen ebenso aufgekündigt hat wie den nordamerikanischen Zollverbund Nafta.

Ihren Kindern versucht Doreen zu erklären, dass sie gegenüber den Medien skeptisch bleiben müssten, insbesondere gegenüber britischen Sendern wie der BBC, die sich für den Freihandel einsetzen. Die Ursachen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise im Protektionismus zu sehen, sei Propaganda, um der US-Regierung zu schaden. Sie zitiert ihren Präsidenten: „Wir bringen den Handel wieder dorthin, wo er hingehört, ins eigene Land.“ Russland, der größte Staat der Erde, fahre diesen Kurs schließlich auch.

An diesem Wochenende ist der Kremlherr Wladimir Putin übrigens wieder einmal in Washington zu Gast. Er begleitet Trump auf den Soldatenfriedhof, die Millers müssen mit strengsten Sicherheitsvorkehrungen rechnen. Im Fernsehen haben sie schon oft gesehen, wie Trump und sein russischer Kollege sich gegenseitig die Bälle zuwerfen. „Putin ist ein kluger Mann“, sagt Doreen. Der Kremlherr habe Trump schon ein Jahr vor dessen Wahl als „brillant und talentiert“ bezeichnet.

Ihre Töchter sind weniger an Putin interessiert als an Barron. Trumps zwölfjähriger Sohn ist ein Teeniestar, der fast so selbstbewusst auftritt wie sein Vater. Emily möchte ihrem Schwarm zurufen, dass sie aus West Virginia stammt, dem Bundesstaat, in dem Donald Trump bei der US-Präsidentenwahl am 8. November 2016 sein bestes Ergebnis erzielte.

Der Ausflug nach Washington ist für die Millers ein besonderes Familienereignis: Endlich ist ihr Vater Martin wieder zu Hause. Anlässlich des Veteranentages darf sich der frühere Soldat und heutige Mitarbeiter der Heimatschutzbehörde ein verlängertes Wochenende gönnen. Für den 38-Jährigen ist es ein kurzer Moment des Durchatmens: In den vergangenen drei Wochen war er mit seinem Team in Arizona im Dauereinsatz, um illegale Ausländer aufzuspüren, festzunehmen und in eine Hochsicherheitsanlage zu transportieren. Von dort werden sie nach einem Schnellverfahren in ihre Herkunftsländer deportiert.

Mehr Lohn, weniger Steuern,
 doch das Geld reicht nicht mehr

Martin ist stolz darauf, ein Trump-Unterstützer der ersten Stunde zu sein. Schon im Sommer 2015 stellte der sportliche Mann in seinem Vorgarten ein Trump-Schild auf. Vier Jahre später weiß Martin Miller allerdings nicht, wie lange er das Haus in Capon Bridge noch halten kann. Die Folgen des Handelskrieges mit China und die hohen Einfuhrzölle werden spürbar und belasten die US-Währung so sehr, dass der Anstieg der Lebenshaltungskosten die Familie bald in die Pleite führen könnte.

Es ist eine seltsame Entwicklung, denn eigentlich stehen sich die Millers gar nicht so schlecht. Mit rund 50.000 Dollar Jahreseinkommen liegen sie in West Virginia fast 20.000 Dollar über dem Durchschnittseinkommen. Wie so viele ihrer Freunde fernab der Großstädte gönnen sie sich zwei Autos, ein Haus und ein fast 10.000 Quadratmeter großes Grundstück. Sie haben für diesen Lebensstil immer knapp kalkuliert, aber sich hoch zu verschulden, auf großem Fuß zu leben und darauf zu hoffen, dass der Wert des Grundstücks steigt, ist seit Jahrzehnten in Amerika üblich.

Nur leider hat sich im November 2019 die Lage in der Haushaltskasse der Familie Miller trotz der Gehaltserhöhung massiv verschlechtert. Die Renationalisierung der Wirtschaft hat die Preise für Fernseher, elektrische Küchengeräte, Waschmaschinen und Autos aus US-Produktion in die Höhe schießen lassen. Die Familie muss jeden Cent zweimal umdrehen. Die Kinder merken es, wenn sich der Monat dem Ende nähert: Dann steht ihre Mutter manchmal heulend in der Küche und weiß nicht so recht, wie sie ihren nächsten Einkauf im Supermarkt bezahlen soll.

Ganz zu schweigen von den Kosten für Doreens blutdrucksenkende Mittel: Seit dem von Trump verfügten abrupten Ende von „Obamacare“, der allgemeinen Krankenversicherung, muss sie ihre Medikamente wieder aus eigener Tasche bezahlen. Doreen spricht nicht viel darüber, dass sie manchmal auf ihre Tabletten verzichtet, um Geld zu sparen. Zu ihren Kindern sagt sie lediglich: „Macht euch keine Sorgen. Manchmal muss es eben auch ohne Pillen gehen. Früher gab es dieses Zeug ja auch nicht.“

Die hohen Grundsteuern für ihr Zuhause, die fast zehnmal so hoch sind wie in Deutschland, und die monatlichen Zahlungen für die Kredite drücken inzwischen so sehr, dass Martin immer mal wieder darüber nachdenkt, das Haus zu verkaufen und eine Wohnung im nahe gelegenen Winchester zu mieten.

Die Latinos sind
 aus der Nachbarschaft verschwunden

Die Schule in Capon Bridge, die Linda und Emily besuchen, steht ohnehin vor dem Aus, weil fast alle lateinamerikanischen Mitschüler verschwunden sind. Martin vermutet, dass manche Familien nach Kanada geflohen sind, um sich vor den Suchtrupps seiner Heimatschutzbehörde in Sicherheit zu bringen. Wahrscheinlich setzen die Wirtschaftsflüchtlinge darauf, demnächst legal wieder einzureisen: Washington hat seit 2018 das Greencard-Programm ausgeweitet. Denn gebraucht werden sie ja, die ausländischen Arbeitskräfte.

Dass Muslime von dieser Möglichkeit ausdrücklich ausgenommen sind, hält der frühere Marine-Unteroffizier für nicht sonderlich problematisch. Trump hat, wie im Wahlkampf angekündigt, die Grenzen für Muslime dicht gemacht. Sicher ist sicher, in Zeiten des Terrors.

Nur sein ehemaliger Kamerad Mohammed tut ihm leid: Der gebürtige Libanese siedelte vor 20 Jahren nach Amerika über, diente mehrere Jahre in der US-Armee und darf seit drei Jahren von seinen Eltern keinen Besuch mehr erhalten. Vor zwei Tagen schrieb Martin an Mohammed: „Ich verstehe Deine Enttäuschung. Aber sei Dir ganz sicher, dass unser großartiger Präsident auch für diese Herausforderung eine Lösung findet.“

Trump habe den Ankündigungen aus seinem Wahlkampf Taten folgen lassen und im Interesse des Anti-Terror-Kampfes die Kooperation mit Russland massiv verstärkt. Der Kreml würde in seiner neuen Einflusssphäre in Osteuropa und im Nahen Osten erfolgreich gegen Aufständische vorgehen. Die „Wiederherstellung des Weltfriedens“, wie es Trump 2016 formulierte, sei auf dem besten Wege. Auf Russlands Truppen in Syrien und in der Ukraine sei Verlass.

Martin hat es sich angewöhnt, bei sämtlichen elektronischen Texten darauf zu achten, kein schlechtes Wort über seinen Oberbefehlshaber zu verlieren. Als Heimatschützer hat er so eine Ahnung, dass klammheimlich jemand alles mitliest. Und als Beamter ist er ja ohnehin zu besonderer Loyalität verpflichtet.

Ständig steigende Fleischpreise

Zum Glück muss Martin Miller sich mit der großen Politik nicht allzu sehr beschäftigen. Er denkt lieber darüber nach, ob er Capon Bridge wirklich verlassen soll. Hier, unweit eines großen Waldgebietes, lebt es sich nicht nur naturnah, hier kann man zur Not auch von der Natur leben: Da die Fleischpreise ständig steigen, hat ihn seine Frau schon gefragt, ob er nicht öfter auf Jagd gehen wolle. Tatsächlich sind schon mehrere seiner Bekannten dazu übergegangen, in der Jagdsaison Hirschfleisch für das gesamte Jahr einzufrieren.

Doch so einfach ist es nicht. Die Lizenz zum Jagen in den Blue Ridge Mountains kostet pro Jahr nur 150 Dollar, aber das Freizeitvergnügen ist mit seinem Job kaum zu vereinbaren: Als Martin vor einem Jahr zur Heimatschutzbehörde wechselte, musste er sich ausdrücklich bereit erklären, mehrere Wochen am Stück fernab der Heimat auf Streife zu gehen. Schließlich hat Trump die Deportation von elf Millionen Menschen verlangt.

Der US-Präsident bezeichnet sie als Illegale. Martin spricht lieber von Nachbarn ohne gültige Papiere. Einige von ihnen mag er von Herzen. Vor allem erinnert er sich gern an die Kinder, die früher mit Linda und Emily im Vorgarten spielten – bevor Trump zum Chef des Weißen Hauses gewählt wurde.

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