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Istanbuls ungeliebte Gäste

Flüchtlinge in der Türkei Istanbuls ungeliebte Gäste

In der Türkei sitzen Millionen syrische Kriegsflüchtlinge fest, allein in Istanbul leben inzwischen 370 000 - viele davon im Elend. Aber längst nicht alle wollen weiter nach Europa. Ein Besuch in einer Zwischenwelt.

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Generation bildungslos: Die meisten syrischen Flüchtlingskinder haben keine Chance, eine türkische Schule zu besuchen. Privatschulen versuchen, irgendwie die Lücken zu füllen.

Quelle: Kormbaki

Istanbul. Wetten, dass heute wieder Kinder fehlen werden? Gleich neben der syrischen Schule steht ein Wettbüro. Der Besitzer hat gerade erst aufgeschlossen, da tippen die Männer schon auf den Ausgang von Fußballspielen. Doch keine ihrer Prognosen dürfte so treffsicher sein wie jene von Sanabel Marandi. Wenn sie morgens in den Istanbuler Westen fährt, an der Glücksbude vorbeigeht und aus der löchrig-grauen Straße in die grellbunte Kinderwelt eintritt, befällt Schulleiterin Marandi die immer gleiche Gewissheit: Wetten, dass heute wieder Kinder fehlen werden?

„Erst hoffen wir, dass die Kinder vielleicht nur erkältet sind.“ Sanabel Marandi, einst Lehrerin im syrischen Latakia, rührt in ihrem Teeglas, der Zucker hat sich längst aufgelöst. „Dann telefonieren wir den Familien hinterher, rufen Freunde und Nachbarn an, bis es irgendwann heißt: Die Familie ist nach Europa aufgebrochen.“ Jede Flucht nach Europa nährt Sanabel Marandis Zweifel an der Zukunft Syriens. Sie sagt: „Die Menschen brauchen hier, in der Türkei, eine Perspektive. Je weiter die Syrer von zu Hause weg sind, desto unwahrscheinlicher ist ihre Rückkehr nach dem Krieg.“

Die Türkei tut derzeit nicht genug für den Verbleib der Flüchtlinge im Land - dieser Auffassung ist auch die Europäische Union, darum soll es am Montag beim EU-Sondergipfel in Brüssel gehen. Doch bislang scheint der Türkei kaum etwas gelegen zu sein am Verbleib der Flüchtlinge im Land. Schon gar nicht an ihrer Integration.

"Es ist auch das Problem der Türkei, wenn Tausende Kinder auf der Straße aufwachsen"

Die meisten syrischen Flüchtlingskinder gehen nicht zur Schule. Eine Generation ohne Bildung wächst heran. Zwar dürfen syrische Kinder türkische Schulen besuchen, doch es gibt keine Einführungsklassen, keine Sprachkurse, Kosten werden nicht erstattet, Eltern wissen nichts über das Schulsystem. Zudem müssen viele Kinder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Auf Istanbuler Plätzen und in der Metro wimmelt es von syrischen Kindern, die Passanten Taschentücher verkaufen wollen.

Sanabel Marandi, eine elegante Frau mit dunkelblondem Haar und offenem Blick, gibt ihr Privatvermögen dafür aus, dass möglichst viele Flüchtlingskinder trotzdem lernen. Sie und ihr Mann sind im Handel mit Natursteinprodukten zu Geld gekommen. Sie sind in Unternehmerkreisen gut vernetzt, werben immerzu um Spenden. Drei Schulen hat Sanabel Marandi bereits gegründet. Eine in Istanbul, zwei im Süden der Türkei. Besonders dort, im konservativen Grenzgebiet zu Syrien, hindern die Behörden Sanabel Marandi, wo sie nur können. „Die Schulbehörde will uns keine Lehrerlaubnis erteilen. Sie will einfach keine syrischen Schulen.“

Die Schulen arbeiten unter dem Dach von Nichtregierungsorganisationen, um sich dem staatlichen Zugriff zu entziehen. Zeugnisse und Zertifikate stellt in einer Art grenzüberschreitender Amtshilfe die libysche Schulbehörde aus. Sanabel Marandi hat kein Verständnis für die Skepsis der türkischen Behörden: „Es ist doch auch das Problem der Türkei, wenn jetzt Tausende Kinder auf der Straße aufwachsen und in die Kriminalität abrutschen.“

Fatma und Mohamed treten aus der Tür eines abbruchreifen Holzschuppens aus osmanischer Zeit im Viertel Fatih. Fatma umklammert einen großen blauen Eimer zum Wasserholen, ihre Fersen ragen aus viel zu kleinen Schuhen. Mohamed presst ein paar Taschentuchpackungen an sich, um sie vor dem Regen zu schützen. Zwei siebenjährige Syrer auf dem Weg zur Arbeit. Ein einziges Wort Englisch können sie und wiederholen es immer wieder: „Money, money.“

In Istanbul leben inzwischen 370 000 Syrer

Ihr Weg führt sie vorbei an Behausungen, die so zerstört sind, dass sie auch in Homs oder Aleppo stehen könnten. In den Ruinen schälen Migranten die Maiskolben und sortieren die Kastanien, die die Touristen später auf der Einkaufsstraße Istiklal den Straßenhändlern abkaufen werden. Der Afghane Amanullah träumt dabei von Deutschland: „Eines Tages werde ich es dorthin schaffen.“ Er verdient 70 Lira am Tag, umgerechnet 22 Euro - und damit doppelt so viel wie sein Landsmann Ashtan, der ein paar Meter weiter auf einer Müllhalde zwölf Stunden am Tag Plastik von Eisen trennt. Was sie eint, ist die Furcht vor den Syrern. „Es sind zu viele. Die machen die Preise kaputt“, sagt Ashtan.

Doch das Elend ist nur die eine Seite von Fatih, nur die eine Seite vom Flüchtlingsdasein in Istanbul, wo inzwischen mehr als 370 000 Syrer leben. Zwei, drei Kilometer weiter westlich entsteht Little Syria - eine Enklave syrischer Exilanten, die sich in Istanbul ein neues Leben aufgebaut haben. Rund um die Metro-Station Aksaray heißen die Imbisse und Bäcker „Damaskus“ und „Aleppo“. Arabische Schrift beherrscht das Straßenbild.

Hier muss sich der Medizinstudent Khalid nicht wie sonst immer um akzentfreies Türkisch bemühen, damit die Türken ihn ernst nehmen. Es sind ja fast nur Araber um ihn herum. „Man kann in der Türkei auch als Syrer ein gutes Leben führen, doch dazu braucht man Geld und viel Eigeninitiative. Vom Staat ist nicht viel zu erwarten.“

Khalids Universität liegt in dieser Gegend. Er hat Damaskus vor einem Jahr verlassen, weil er sein Studium beenden wollte. Er will nicht weiter nach Europa, die geografische Nähe zu Syrien ist ihm wichtig. Khalid hat sich über viele bürokratische Hürden hinweg den Weg an die Uni gebahnt, was ohne die finanzielle Hilfe der weltweit verstreuten Familie unmöglich gewesen wäre. Geld verdienen kann er in der Türkei nicht, legale Arbeit ist praktisch unmöglich. Seine Überlebensstrategie gründet im Alltag auf der Leugnung seiner syrischen Herkunft. „Bei der Wohnungssuche habe ich schnell gemerkt, dass ich als Syrer keine Chance habe. Also habe ich bloß gesagt: Ich bin Khalid, Medizinstudent.“

Ausgesprochen stolze Syrer trifft man in den Geschäften rings um die große Fatih-Moschee an. Viele Geschäftsleute waren bereits in ihrer Heimat erfolgreich. „Wir brachten das nötige Startkapital mit - und die Rezepte“, sagt der Patisseur Hassan, während er die klebrigen Küchlein aus Nüssen und Blätterteig zu Türmen drapiert. Seine Schwester lebt jetzt in Berlin. „Mir geht es hier besser als ihr.“

Ein paar Meter weiter spritzt der junge Parfümeur Muhamad Wasser in ein Fläschchen, kippt rosa Farbe dazu und meint, der Duft stehe dem französischen Original in nichts nach. Er kam vor vier Jahren in die Türkei. Keinen Moment lang habe er erwogen, nach Europa zu reisen. Warum nicht? Muhamad tippt die Antwort auf Arabisch in sein Handy ein, das Handy übersetzt: „Dort gibt es keine Religion.“

In dem Moment geht eine schlanke junge Frau mit Kopftuch und mantelartiger Abaya an seinem Stand vorbei. Muhamad führt die Spitzen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger zueinander und lobt: „Das ist Religion.“ Da erst bemerkt er das kleine Mädchen mit den Taschentüchern vor seinem Tresen, greift zum französischen Duft und verscheucht das Kind mit ein paar Sprühern. Zurück bleibt der Geruch von Erdbeere und Vanille.

Unsere Autorin Marina Kormbaki recherchiert zurzeit mit Unterstützung der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung auf den Spuren der Flüchtlinge in der Türkei und in Griechenland.

Interview: „Die EU muss legale Wege zur Einreise schaffen“

Herr Brakel, kann die Türkei dafür sorgen, dass weniger Flüchtlinge nach Europa kommen?

Vielleicht kann die Polizei mehr Kontrollen durchführen und den Flüchtlingsstrom nach Griechenland reduzieren. Aber wer nach Europa will, der lässt sich von einem gescheiterten Fluchtversuch wohl kaum entmutigen. Zwar bringt die türkische Polizei aufgegriffene Flüchtlinge manchmal ins Landesinnere oder steckt sie für ein paar Tage ins Gefängnis. Aber nichts hindert die Menschen daran, es kurz darauf erneut zu versuchen. Auf einer neuen, noch gefährlicheren Route. Deswegen sollte die EU legale Wege zur Einreise für Flüchtlingskontingente schaffen. So behält man die Kontrolle darüber, wer einreist, die Menschen müssen nicht mehr ertrinken, und wir zeigen der Türkei, dass es uns ernst ist mit einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

Andersherum: Kann die Türkei die rund drei Millionen Flüchtlinge im Land überhaupt integrieren?
Da gibt es viele Hindernisse. Das türkische Arbeitsrecht ist gegenüber Ausländern sehr streng. Auch ich musste nachweisen, dass mein Job nicht von einem Türken wahrgenommen werden kann. Jetzt gibt es erste Bemühungen einer Öffnung des Arbeitsmarkts für syrische Flüchtlinge, aber die Gesetze dazu sind sehr vage. Zudem fehlt der Türkei trotz ihres Booms der letzten Jahre das Potenzial zur wirtschaftlichen Integration der Flüchtlinge. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 10 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt fast 20 Prozent. Es mangelt also nicht an Arbeitskräften im Land.

Sieht sich die Türkei als Einwanderungsland?

Nein. Die Debatte darüber ist erst ganz am Anfang – obwohl die Türkei seit jeher ein Vielvölkerstaat ist. Die ethnische Durchmischung wurde offiziell stets verschwiegen, bis heute. Der Nationalismus ist sehr ausgeprägt. Debatten über kulturelle Vielfalt gelten schnell als Angriff auf die nationale Einheit des Landes, an jeder Ecke wittert man Separatismus.

Ist der bevorstehende EU-Türkei-Gipfel Ausdruck einer neuen Nähe zwischen Brüssel und Ankara?

Dazu bedarf es noch vieler Arbeit. Viel Porzellan wurde in den letzten Jahren zerschlagen. Es gibt im türkischen Establishment eine große Verbitterung darüber, dass Europa die Türkei noch immer so behandeln würde, als wäre sie ein Entwicklungsland. Zwar brauchen jetzt beide Seiten einander. Beide wissen aber auch, dass ein EU-Beitritt mittelfristig unrealistisch ist, und beide Seiten haben kein wirkliches Interesse daran.

Interview: Marina Kormbaki  

   

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Von Redakteur Marina Kormbaki

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