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Die Ein-Mann-Volkspartei der Grünen

Winfried Kretschmann Die Ein-Mann-Volkspartei der Grünen

Der grüne Regierungschef Winfried Kretschmann betet für Merkel und verweigert sich den traditionellen Regeln des Politikbetriebs. Die Menschen in Baden-Württemberg lieben ihn dafür. Szenen aus dem Wahlkampf im Süden der Republik.

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„Das Papamobil ist da“: In dem mit seinem Konterfei beklebten Wahlkampfbus reist Winfried Kretschmann durchs Land und wirbt jenseits von grünem Idealismus für seine Wiederwahl. Foto: dpa

Quelle: Marijan Murat

Stuttgart. Den Mitarbeiterinnen des katho­lischen Gemeindezentrums Schwetzingen fällt es schwer, Nein zu sagen, aber das Josefshaus ist jetzt wirklich voll. Niemand kann mehr hinein, etliche Schwetzinger trotten enttäuscht von dannen. Drinnen, wo Äpfel die Stehtische zieren und der Gekreuzigte von der Wand schaut, erwarten gut 200 Menschen ihren Ministerpräsidenten. Margarethe Leininger, 69, zählt zu den wenigen, die einen Sitzplatz ergattern konnten. Sie und ihr Lebensgefährte waren früh genug da. Warum? Frau Leininger hält sich die Hand vor den Mund, flüstert: „Ich liebäugle mit dem Kretschmann. Der ist so bodenständig, klug und weise.“ Frau Leininger wird am 13. März zum ersten Mal in ihrem Leben Grün wählen.

Die Grünen schicken sich an, bei den Landtagswahlen im einstigen CDU-Stammland Baden-Württemberg stärkste Kraft zu werden. Die Umfragen sehen sie knapp vor der CDU. Wobei man im Falle Baden-Württembergs lieber nicht von „den Grünen“ sprechen sollte, sondern von der „Kretschmann-Partei“. Die Wahlkampagne ist komplett auf den 67-Jährigen zugeschnitten: „Grün wählen für Kretschmann“ lautet der Slogan. Lokale Grünen-Kandidaten beenden ihre Ansprachen mit den mitleiderregenden Worten: „Wenn Sie Kretschmann als Ministerpräsident behalten wollen, müssen Sie mich wählen.“ Das wollen tatsächlich viele: Könnten die Baden-Württemberger ihren Ministerpräsidenten direkt bestimmen, würden nur etwa 20 Prozent für den CDU-Kandidaten Guido Wolf stimmen und fast 75 Prozent für Kretschmann. Kretschmann ist einer für alle. Die Ein-Mann-Volkspartei.

„Das Papamobil ist da“, ruft jemand, als draußen der grüne Wahlkampfbus vorfährt. Der Mann mit dem weißen Bürstenschnitt steigt aus, schreitet leicht vornübergebeugt durch die klatschende Menge, bahnt sich den Weg auf die Bühne und setzt an zu einer landesväterlichen Rede.

„Ich bin immer den Weg des Zusammenhalts gegangen.“ Kretschmann spricht sehr langsam, so als böte jeder Vokal eine willkommene Gelegenheit zur Rast. Die Risse und Kratzer in seiner Stimme lassen an einen alten Mann denken, der ein Leben auf rauer See hinter sich hat. „Konflikte sind etwas für den Normalalltag der Demokratie. Doch jetzt, in der Krise, müssen wir auf Konsens gehen.“ Die Schwetzinger klatschen und klatschen lauter, als Kretschmann die Kanzlerin lobt: „Meine volle Unterstützung gilt Angela Merkel, die alle Kraft und Leidenschaft dafür einsetzt, dass die Flüchtlingskrise gelöst wird.“

Kretschmann verteidigt Merkel bei jedem seiner Auftritte. Mehrfach hat der Katholik bekannt, dass er für sie und ihren europapolitischen Kurs bete, während der CDU-Kandidat Wolf um demonstrative Ferne zur Kanzlerin bemüht ist. Kretschmanns Solidarität mit Merkel lässt auch viele Grüne in Berlin erschaudern. Aber die große Geste über die politischen Lager hinweg ist ein Grund für Kretschmanns überparteiliche Popularität. Er gibt den Bundespräsidenten fürs Ländle. Er steht über dem Gezänk des politischen Alltags. Die Leute nennen ihn dennoch „bodenständig“. Wie passt das zusammen?

Nach Schwetzingen kommt Leonberg. Der Saal ist wieder voll. Kretschmann sitzt auf dem Podium und spricht über Schulpolitik. „Wir hätten die Abschaffung der verbindlichen Schulempfehlung nicht an den Anfang unserer Schulreform setzen sollen, das war falsch“, sagt er. Eine Zuhörerin flüstert: „Er ist ehrlich, ich hab’ ein gutes Gefühl bei ihm.“ Wenig später dürfen Vereinsvertreter Fragen stellen. Der Erste Vorsitzende des Obst-, Garten- und Weinbauvereins Eltingen-Leonberg beklagt eine Wildschweinplage und ärgert sich über ein neues Gesetz, das ihm das Schießen im März und im April verbietet. „Wie sollen wir denn die Plage in den Griff kriegen?“, fragt der Jäger, und Kretschmann erwidert in weichem Schwäbisch: „Find ich ja toll, was Sie glauben, was ein Ministerpräsident alles wissen muss.“ Die Leute sind begeistert.

Als Kretschmann den Saal verlassen will, fängt ihn ein Team der satirischen „heute show“ vom ZDF ab. Der Reporter stellt Fragen, auf die Kretschmann schnelle Antworten geben soll, was er natürlich nicht tut. „Sind Sie froh, dass Wolfsburg nicht in Baden-Württemberg liegt?“, fragt der Mann von der „heute show“, doch Kretschmann versteht die Anspielung auf den VW-Skandal nicht und sagt: „Wieso?“ Dann hält ihm der Reporter Fotos berühmter Leute hin. Doch Kretschmann erkennt weder Helene Fischer noch Xavier Naidoo. Später, beim Abendessen mit seinem Wahlkampfteam, wird er sich nach den zwei Prominenten erkundigen.

In Zeiten, in denen Politiker auf jede Frage eine Antwort parat haben müssen und für jedes Problem einen Plan mit Sofortwirkung, wirkt Kretschmann wie aus der Zeit gefallen. Trotzdem - oder gerade deshalb - bestürmen ihn die Leute mit Autogramm- und Selfiewünschen.

Zurück im Tourbus schnallt er sich an, legt die großen Hände auf die Knie und kostet kurz die Stille aus. „Dieser Wahlkampf ist anstrengend“, sagt er ungefragt. „Vor fünf Jahren haben wir aus der Opposition heraus Wahlkampf gemacht. Es ist doch ein Unterschied, ob man in kleiner Runde über Politik plaudert oder große Säle bei Laune halten muss.“ Dabei läuft es prima, die Grünen stehen bei über 30 Prozent. Aber: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er die Wahl gewinnt und sein Amt dennoch verliert. Sein Koalitionspartner, die SPD, ist abgerutscht auf 13 Prozent. Grün-Rot brächte so keine sichere Mehrheit zustande. Die AfD wird es wohl in den Stuttgarter Landtag schaffen, auch die FDP, was die Koalitionsbildung verkomplizieren dürfte. Allerdings ist Kretschmann, erster und bisher einziger grüner Ministerpräsident, flexibel. Er wollte schon immer lieber an der Macht sein als in der Opposition. Nicht auszuschließen, dass er nach dem 13. März das erste grün-schwarze Bündnis anführen wird.

Denn es ist ja so: Mit urgrünem Idealismus hat er nicht viel am Hut. Er fordert gern mal den „Rechtsstaat mit klarer Kante“, während seine Hand die Luft in Scheibchen schneidet. Und der in seiner Partei heimischen politischen Korrektheit begegnet er mit stammtischkompatiblem Spott: „Es ist ein Fortschritt, dass wir heute nicht mehr von Krüppeln, sondern von Behinderten sprechen. Aber muss man jetzt von Menschen mit Handicap reden oder davon, dass wir am Ende alle behindert sind?“

Kretschmann ist durch und durch Pragmatiker. Als die Linken in seiner Partei gegen die Ausweitung der sicheren Herkunftsländer auf die Staaten des Westbalkans protestierten, hat er im Bundesrat dafür gestimmt. Auch gegen die bevorstehende Ernennung Algeriens, Marokkos und Tunesiens zu sicheren Herkunftsländern hat er nicht prinzipiell etwas einzuwenden. Er sagt: „Das Instrument der sicheren Herkunftsländer wird von Befürwortern überschätzt - aber auch von seinen Gegnern. Es ist nicht der Untergang des Asylrechts.“

Kretschmann glaubt ebenso wenig wie die Kanzlerin daran, dass die Flüchtlingskrise mit deutscher Innenpolitik zu lösen ist. Doch im Unterschied zu Merkel will er seine Haltung immerzu erklären. In seinen Reden holt er weit aus, kommt auf ferne Kriege zu sprechen und erläutert, weshalb abgeriegelte deutsche Grenzen fatal für das Exportland Baden-Württemberg wären. „Ich bin ja von Haus aus Lehrer und muss immer ein bisschen aufpassen, dass ich nicht rumpädagogisiere“, sagt er auf der Fahrt nach Geislingen, dem nächsten Auftrittsort. „Aber die Menschen erwarten Orientierung. Man muss ihnen die Zusammenhänge erläutern.“

Wenig später sitzt Kretschmann in der Geislinger Stadthalle und erklärt einigen Hundert Zuhörern langsam und geduldig, dass ihnen weder vor der Globalisierung noch vor dem Islam bange sein muss. Sein Rücken ist tief in den Sessel gedrückt, die Beine sind übereinandergeschlagen, der Jackenschoß lappt über die Lehne. Es würde einen nicht wundern, wenn in der Jackentasche ein paar Karamellbonbons steckten.

Von Marina Kormbaki

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