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Bleibt Gauck in Bellevue – oder geht er?

Bundespräsidentenwahl 2017 Bleibt Gauck in Bellevue – oder geht er?

Die Mehrheit steht, und auch stimmungsmäßig würde alles passen – die Deutschen stehen hinter ihrem Bundespräsidenten. Aber der Kandidat ziert sich: Joachim Gauck will erst "im Frühsommer" mitteilen, ob er sich noch einmal zum Staatsoberhaupt wählen lässt.

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Eine Mischung aus Freundlichkeit und Stille umgibt in diesen Tagen den Bundespräsidenten: Joachim Gauck am Eingang zu Schloss Bellevue.

Quelle: Wolfgang Kumm /dpa

Wie geht es Ihnen? Eigentlich ist das eine ganz unverfängliche Frage. Eine Höflichkeitsfloskel. Ein Einstieg in den Small Talk. Wer jedoch dem Bundespräsidenten in diesen Tagen diese Frage stellt, noch dazu vor Zeugen, spürt schnell, wie sich die Luft sofort auflädt mit einer seltsamen Spannung.

Bereit für eine zweite Amtszeit?

Joachim Gauck weiß: Jede Nuance seiner Äußerungen an dieser Stelle wird begierig aufgegriffen, hin und her gewendet und gedeutet wie ein Orakel. Fühlt sich Gauck fit genug, um im Januar 2017 erneut zur Wahl des Bundespräsidenten anzutreten? Oder schreckt ihn die Aussicht, dass er bei seiner Wiederwahl 77 und am Ende seiner zweiten Amtszeit 82 Jahre alt wäre?

Gauck schiebt die Angelegenheit seit Monaten vor sich her. Schon ein bisschen zu lange, wie auch seine Befürworter meinen. Offiziell verweigern alle maßgeblichen Politiker jeden Kommentar. Nur ganz leise und unter der Bedingung, dass keine Namen genannt werden, fallen Bemerkungen über Gauck. "Es wird jetzt Zeit für eine Klärung", sagt ein Vertrauter der Kanzlerin.

Im Schloss Bellevue ist alles ruhig. Der Präsident blickt durch die hohen, schweren Türen auf das frische Grün im Park. Etwas Frühlingshaftes ist zu spüren, aber auch eine Herbststimmung. Im März hatte sich einer von Gaucks Referatsleitern auf einen neuen Posten verabschiedet, im April der Protokollchef, beides wurde von Journalisten als Hinweis auf ein mögliches Ende der Ära Gauck gedeutet.

Was meinen Sie?

Würden Sie eine zweite Amtszeit für Bundespräsident Gauck befürworten?

Gaucks Sprecherin Ferdos Forudastan dagegen winkt immer wieder ab: Man solle doch bitte einfach mal akzeptieren, dass noch nichts entschieden sei. Feixend verlegen sich spitzfindige Hauptstadtjournalisten seither auf eine andere Frage: ob Gauck denn schon entschieden habe, bis wann er entscheiden wolle. Die aktuellste Antwort von Gauck, jüngst in ein Mikrofon des Deutschlandfunks gesprochen: "Lassen Sie mal den Frühsommer kommen."

Kontinuität in schwierigen Zeiten

Astronomisch beginnt der Sommer am 21. Juni. Will Gauck so lange warten? Vielleicht nutzt er schon den Verfassungstag am 23. Mai zur Verkündung, da hat er Hunderte von Bürgermeistern zu Gast, deren Engagement er würdigen will. Das wäre ein schöner Rahmen für ein Signal des Weitermachens.

Aber wäre es auch ein geeigneter Tag, um den Rückzug zu erklären? Noch immer, so scheint es, drehen sich die Gedanken in Gaucks Kopf. Die Dinge wollen noch nicht recht zur Ruhe kommen. Es ist wie mit dem guten Rotwein in dem bescheidenen Glas, das Gauck sich gelegentlich gegen Abend gönnt. Er nimmt es unnötig oft in die Hand, schwenkt es, lässt das Rote darin ein bisschen rotieren und blickt hinein.

Also: Soll er weitermachen oder nicht? Wichtige Ratgeber, in hohen und höchsten Ämtern im Staate, sagen ihm: Ja, Herr Bundespräsident, natürlich, unbedingt. Gauck könne jetzt in schwierigen Zeiten ein wertvolles Stück Kontinuität verkörpern. Flüchtlingskrise, Terrorismus, Erosion der EU, Spannungen mit Russland, wachsender Rechtspopulismus – dies alles rufe nach einer Staatsspitze, die moralisch integer ist und dabei hilft, das Schiff mit ruhiger Hand durch die Wellen zu steuern.

63 Prozent der Bundesbürger für eine Verlängerung

Wenn die Kanzlerin ihm so etwas sagt, der SPD-Chef, sogar Politiker der Grünen, schmeichelt es Gauck. In der Tat hat er ja dem Amt, nach Szenen voller Irrungen und Wirrungen unter Horst Köhler und Christian Wulff, zurückgegeben, worauf es im Schloss Bellevue ankommt: Unangreifbarkeit, Würde, intellektuelle Autorität.

Eine Verlängerung um fünf weitere Jahre wäre für alle Beteiligten die einfachste Lösung. Machtmechanisch gibt es kein Problem, die Mehrheit in der Bundesversammlung wäre Gauck sicher. Auch stimmungsmäßig würde alles passen: Laut Emnid sind 63 Prozent der Bundesbürger für eine Verlängerung, nur 27 Prozent hätten etwas dagegen.

Und doch spürt Gauck, dass in der Mischung aus Freundlichkeit und Stille, die ihn derzeit im Schloss Bellevue umgibt, auch etwas Unechtes liegt. Die politischen Hinterzimmer in Berlin vibrieren bereits vor Wenn-dann-Debatten. Würde im Fall von Gaucks Verzicht Angela Merkel einen schwarz-grünen Vorschlag machen? Was würde die CSU dazu sagen? Oder kommen SPD und Grüne mit einem unerwarteten ersten Aufschlag auf den Platz?

Schon leben altbekannte Debatten leise wieder auf: Es müsste endlich mal eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt werden. Oder endlich mal jemand von den Grünen. Oder gleich eine grüne Frau? Oft gerieten Bundespräsidentenwahlen zum großen Kräftemessen der Lager.

Gauck darf entscheiden

Gauck hat die Eigentümlichkeiten seines eigenen Katapultstarts ins Bellevue im Jahr 2012 nicht vergessen. Auslöser war damals eine diskrete Initiative Jürgen Trittins. Der grüne Strippenzieher holte erst Gabriel ins Boot, der wiederum wirkte auf den damaligen FDP-Chef Philipp Rösler ein. Trittin stand zwar nicht hundertprozentig hinter Gauck, ihn amüsierte aber, dass plötzlich Rot-Gelb-Grün den Takt schlug – und Merkel Gauck nicht verhindern konnte.

Im Augenblick halten alle mächtigen Präsidentenmacher still. Gauck darf entscheiden, fast nach Art eines Souveräns. Doch ihn quält ein gewisses Missbehagen. Angesichts einer tiefen, echten Krise des Staates oder Europas könnte man ihn, den knorrigen norddeutschen Protestanten, im Zweifelsfall in die Pflicht nehmen.

Doch wie tief ist die Krise eigentlich? Steht nicht der Verdacht im Raum, dass Merkel und Gabriel, die ihm unter Hinweis auf allerlei Schwierigkeiten in Deutschland und der Welt zum Weitermachen raten, vielleicht nur eine Krise in ihrer jeweils eigenen Partei vermeiden wollen? Fürchten die Parteichefs schlicht das Durcheinander einer Diskussion um einen neuen Bundespräsidenten? Das wäre ein aus Gaucks Sicht unwürdiges Motiv.

Ein paar gute Jahre aufsparen für private Gemeinsamkeit? Gauck mit Lebensgefährtin Daniela Schadt.

Quelle: dpa

Sollte Gauck bei dieser düsteren Deutung landen, bekämen Aspekte auf der persönlichen Seite der Waagschale plötzlich mehr Gewicht: die Schmerzen im Knie, die ihn beim Treppensteigen und bei längerem Stehen plagen, auch die Mahnungen seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, sich ein paar gute Jahre aufzusparen für private Gemeinsamkeit. In Gaucks Familie gibt es jemanden, der ihm sogar medizinische Tipps geben kann. Der Orthopäde Dr. Christian Gauck, Sohn des Bundespräsidenten, ist Oberarzt an einem Hamburger Krankenhaus; zu seinen Fachgebieten zählt das Kniegelenk. Der Vater allerdings, da ist Gauck ganz der Intellektuelle, hasst das Reduziertwerden aufs Medizinische.

Er habe sich vorgenommen, sagte Gauck jüngst, "ganz realistisch über die eigenen Kräfte und Möglichkeiten nachzudenken". Es war an einem jener Tage, als man in seiner Umgebung eher aufs Aufhören gewettet hätte. Doch jüngst streute er andere Hinweise. Mit den leidigen Knien gehe es wieder besser, er brauche jetzt keine Pillen und Spritzen mehr. Der oberste Mann im Staate hält derzeit alles gezielt in der Schwebe.

Diesmal könnten die Grünen dran sein

Erste Wenn-dann-Sondierungen zwischen Union und SPD für den Fall eines Verzichts von Gauck deuten auf ein Patt. Angela Merkel ließ die SPD wissen, sie könne in der Union nicht im Bundestagswahljahr 2017 einen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (60, SPD) durchsetzen. Umgekehrt gab SPD-Chef Sigmar Gabriel zu verstehen, seine Leute stünden nicht bereit, etwa Ursula von der Leyen (57, CDU) zu wählen. Ähnliche Blockaden könnten sich bei den Kandidaten Norbert Lammert (57, CDU) und Margot Käßmann (57) ergeben. So fallen derzeit viele tastende Blicke auf die Grünen, die – anders als die FDP mit Theodor Heuss und Walter Scheel – noch nie einen Bundespräsidenten gestellt haben.

Winfried Kretschmann (l), Katrin Göring-Eckardt, Joschka Fischer (r)

Quelle: dpa


Winfried Kretschmann (67, Grüne): Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg kletterte im April im "Politbarometer" auf Platz eins der beliebtesten Politiker in Deutschland. Ihm wird genug intellektuelle Substanz, aber auch Herzenswärme für den Job im Schloss Bellevue zugetraut. Doch wer sollte das Unikum Kretschmann in Stuttgart ersetzen? 


Katrin Göring-Eckardt (49, Grüne) könnte eine doppelte Quote erfüllen: erstmals eine Grüne und erstmals eine Frau. Die profilierte Protestantin wurde schon zweimal zur Bundestagsvizepräsidentin gewählt, im Jahr 2009 mit 473 Jastimmen und neun Neinstimmen. Allerdings würde der katholische Süden der Union bei Göring-Eckardt eher murren als bei Kretschmann, der katholisch ist und ein gutes Verhältnis zu CSU-Chef Horst Seehofer pflegt.

Joschka Fischer (Grüne), Alt-68er, ist im April 68  Jahre alt geworden. Unter den grünen Kandidaten könnte der frühere Außenminister am meisten den Intellekt funkeln lassen. Mit seinem Lebenslauf, der mit Straßenschlachten beginnt, könnte ein Bundespräsident Fischer bei zweifelnden jungen Leuten für Demokratie werben. Seine Ehe mit der Deutsch-Iranerin Minu Barati-Fischer ließe sich als Signal des Zusammenrückens über kulturelle Grenzen hinweg deuten. CDU und SPD müssten damit leben, dass Fischer einen sehr eigenen Kopf hat. In zentralen Fragen aber – europäische Einigung, atlantische Allianz – ist Fischer standfest.

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