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Wird Trittin Kanzlerkandidat der Grünen?

Bundestagswahl Wird Trittin Kanzlerkandidat der Grünen?

Der grüne Fraktionsvorsitzende ist, nach dem Wechsel von Joschka Fischer aufs philosophische Altenteil, der Mann mit der größten internationalen Erfahrung in seiner Partei. Bei seinen Gesprächspartnern in der amerikanischen Hauptstadt hat er einen eindeutigen Eindruck hinterlassen: Da läuft sich einer warm für das Amt des Außenministers.

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Jürgen Trittin, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, läuft sich warm.

Quelle: dpa

Berlin. In Berlin ruht der Politikbetrieb im Wesentlichen, die Mächtigen treiben sich in der Welt herum oder machen Ferien. Ihre Ziele sind keineswegs zufällig gewählt, die Bundeskanzlerin war ja vor ihrem Urlaub auch deswegen in Afrika , weil dort die Zukunft vermutet wird. So ähnlich mögen auch die Beweggründe von Jürgen Trittin gewesen sei, der in den USA gewesen ist, in Washington vor allem. Der grüne Fraktionsvorsitzende ist, nach dem Wechsel von Joschka Fischer aufs philosophische Altenteil, der Mann mit der größten internationalen Erfahrung in seiner Partei. Bei seinen Gesprächspartnern in der amerikanischen Hauptstadt hat er einen eindeutigen Eindruck hinterlassen: Da läuft sich einer warm für das Amt des Außenministers. Auch das Fazit, das von drüben nach Berlin herübergeschwappt ist, klingt nicht übel. Es war eindeutige Mehrheitsmeinung, dass dieser seriöse, nachdenkliche Herr aus Deutschland das könnte. Als ein Botschaftsmitarbeiter ihn anredete klang sein „Herr Minister a.D.“ in aller Ohren wie ein „Herr Minister in spe“.

Womöglich ist das Ziel Auswärtiges Amt zu tief angesetzt. Die Grünen sind derzeit ja ein wenig unruhig in ihren Führungszirkeln, die Aussicht, dass sie womöglich in zwei Jahren mit einem eigenen Kanzlerkandidaten in den Bundestagswahlkampf ziehen müssen, hat sie ergriffen. Bei den Namen, die wie von selbst auf virtuellen Vorschlagslisten erschienen, steht stets der des früheren niedersächsischen Bundesratsministers und späteren Bundesumweltministers an erster Stelle.

Renate Künast, die sich gerade in ihrem Berliner Wahlkampf zu verlieren droht, kann ihrem Co-Vorsitzenden in der Bundestagsfraktion in der Breite des thematischen Angebots nicht folgen. Die Parteivorsitzenden Cem Özdemir und Claudia Roth können zwar nicht einfach so übergangen werden, aber gegen Özdemir spricht sein jugendliches Alter von 45 Jahren und gegen Claudia Roth spricht alles.

Über die Vorstellung, der Alte könnte womöglich zurückkommen, wenn er die Chance witterte, Kanzlerkandidat zu werden, haben sie bei den Grünen vor Wochen noch herzlich gelacht. Jetzt gefriert bei einigen das Lachen, weil man nie weiß, ob er nicht doch nur gebeten werden will. Die entscheidende Frage aber wäre dann, ob es genug Grüne gäbe, die ihn bitten würden. Wer immer dies versuchen würde, müsste freilich an Trittin vorbei – und der hat nicht vor, den alten Besserwisser noch einmal neben oder über sich zu dulden. Fischer und Trittin – das war noch nie ein Traumpaar der Grünen, wenn es je ein Arbeitsverhältnis war, dann hat sich auch das mittlerweile erledigt.

So einer, der Fischer überstanden hat und Gerhard Schröder getrotzt, ist soweit gereift, dass er sich eine Kandidatur zutrauen kann. Ganz so viele Häutungen wie die beiden Dorfbuben hat der Bremer Bürgersohn nicht durchgemacht, aber es hat doch Jahrzehnte gedauert, bis aus dem Staatsfeind, Rebellen, Choleriker der Diplomat, der Versöhner, der Staatsmann geworden ist. Wörtlich darf man das nicht nehmen, aber Trittin verfügt mittlerweile über genügend Selbstdisziplin, die Rolle auszufüllen. Immerhin schafft er es seit 30 Jahren, ein Grüner zu sein, obwohl ihm die grüne Folklore inzwischen innerlich arg zusetzt.

Der lange Bremer, der am Montag 57 Jahre alt wurde, weiß um seine Schwächen. „Er kommt immer so mokant rüber, vor allem im Fernsehen“, beschreibt eine Fraktionskollegin einfühlsam die größte Schwäche des bekennenden Spötters, „seine Ernsthaftigkeit nimmt man ihm dann umso weniger ab.“ Genau dahinter aber ist der frühe Staatsfeind am eifrigsten her.

Seit er vor seiner Umweltministerzeit den markanten Seehundschnauzbart aus Göttinger und hannoverschen Tagen abrasiert hat, ist rein äußerlich seine Seriosität beträchtlich gestiegen. Der Mann macht „bella figura“ , nur bei seinen Reden im Bundestag weiß er gelegentlich nicht, wohin mit seinen langen Armen. Auf Parteitagen vermag er nicht so fesselnd zu reden wie Joschka der Legendäre, aber sein schneidend scharfer Intellekt hat die Delegierten noch immer gepackt. Anders als früher Fischer an seiner robusten Körperlichkeit, lässt Trittin den Stress des politischen Alltags nicht an sich abtropfen, „er nimmt sich die Politik wirklich zu Herzen“, sagen seine Freunde. Seine angeschlagene Gesundheit nach einer ernsthaften Herzattacke könnte ein Grund sein, auf eine Kandidatur zu verzichten.

Noch etwas ist auffällig an dem bekennenden Linken. Trittin spricht erstaunlich respektvoll von Angela Merkel. Die beiden eint die Freude am strategischen Spiel in der Politik. Die fast Gleichaltrigen mit ihren so unterschiedlichen politischen Biografien könnten zusammen passen. In diesem Fall könnte es doch etwas werden mit dem Auswärtigen Amt.

Reinhard Urschel

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