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Deutschland / Welt Wofür steht Martin Schulz?
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22:31 25.01.2017
Richtet den Blick nach oben: Martin Schulz. Quelle: AP
Berlin

Wie schnell der Ruhm der Welt vergeht, erlebt Sigmar Gabriel am Mittwoch um kurz vor eins. Die Sondersitzung der SPD-Fraktion im Reichstag ist zu Ende, jetzt strömen die Abgeordneten aus dem Sitzungssaal in Richtung Fahrstuhl. Normalerweise hätte er an dieser Stelle seinen großen Auftritt. Kameras, Mikrofone, ein paar Sätze zur aktuellen Politik, ein paar Witze mit den wartenden Journalisten. Aber an diesem Tag dreht sich kaum noch jemand um, als Gabriel den Saal verlässt. Beinahe unbehelligt kann er mit der Masse der Parlamentarier in Richtung Ausgang verschwinden. Der amtierende SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsminister, Vizekanzler und baldige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland ist jetzt einer von vielen.

Als der Fahrstuhl mit Sigmar Gabriel längst auf dem Weg nach unten ist, betritt der neue starke Mann der Sozialdemokratie die Bühne. Da steht er nun also im Scheinwerferlicht, Martin Schulz, 61, aus Würselen, von den allermeisten viel zu lange gnadenlos unterschätzt. Er hat gerade donnernden Applaus von den Abgeordneten bekommen, für eine kämpferische Rede, die mit einem Versprechen geendet hat. In acht Monaten werde er wieder an dieser Stelle sprechen. Und dann sei die SPD-Fraktion nicht mehr nur ein Teil, sondern der größte Teil der Bundesregierung. Und er, Schulz, werde dann Bundeskanzler.

Schulz will Aufbruchstimmung vermitteln

Aufbruchsstimmung zu verbreiten, Zuversicht und gute Laune – das ist in diesen Tagen die wichtigste Aufgabe des Martin Schulz. Und es ist das, was dem scheidenden SPD-Chef Sigmar Gabriel wohl am schwersten gefallen wäre, wenn er sich selbst zum Kanzlerkandidaten ausgerufen hätte. Insofern hat sich die Nominierung des Mannes aus dem südlichen Nordrhein-Westfalen schon gelohnt.

Das sehen sie auch in der NRW-Landesgruppe der SPD so, wo Schulz an diesem Tag ebenfalls seinen Antrittsbesuch abhält. In dem bevölkerungsreichsten Bundesland wird gleich zweimal in diesem Jahr gewählt, im Mai der Landtag, im September die Abgeordneten für den Bundestag. Entsprechend groß war die Sehnsucht nach dem Aufbruchssignal, das viele in der Nominierung von Schulz jetzt sehen. Mit ihm geht ein Ruck durch die Partei. Viele Abgeordnete berichten, dass ihr Handy angesichts der Vielzahl an geradezu euphorischen Nachrichten aus dem Wahlkreis nicht mehr still stehe. Auch so kann sich seine Stimmung drehen.

Würselens SPD-Chef ist begeistert

Andreas Dumke ist Stadtverbandsvorsitzender der SPD in Würselen. Er kennt Martin Schulz, seit der in den Achtzigern die Buchhandlung an der Kaiserstraße führte. Heute gehört sie Dumkes Frau Martina. Der örtliche SPD-Chef ist begeistert von dem Mann, den sie in Würselen nur „unseren Martin“ nennen. „Er ist ein Charaktertyp, er kann die Menschen begeistern“, schwärmt Dumke. „Er kann der SPD eine Seele geben.“ Mit Martin Schulz werde die Sozialdemokratie wieder eine Partei der sozialen Gerechtigkeit, „das steht ganz oben auf seiner Agenda“. Und nicht zuletzt werde mit ihm „der Unterhaltungswert von Politik steigen“. Viele sehen das ähnlich.

Öffentlich setzt Schulz an diesem Tag zwei Botschaften. Erstens: Die einfachen Menschen, die Familien und Paare, die jeden Tag zu kämpfen hätten, sollten im Mittelpunkt allen sozialdemokratischen Denkens und Handelns stehen. Und natürlich auch im Mittelpunkt des Wahlkampfes. Zweitens: Die SPD werde die Demokratie verteidigen und eine Schutzmauer gegen demokratiefeindliche Kräfte bilden. Ohne den AfD-Politiker Björn Höcke beim Namen zu nennen, kritisiert Schulz, dass dieser trotz seiner Ausfälle über die deutsche Geschichte in der AfD bleiben dürfe.

Harte Auseinandersetzung im Wahlkampf

Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sich Schulz für den Wahlkampf vorgenommen hat. Es wird eine harte Auseinandersetzung geben, ohne Kabinettsdisziplin wird Schulz versuchen, die Kanzlerin vor sich herzutreiben. Und er wird sich scharf gegen rechts abgrenzen, um die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren.

Inhaltlich wird es um Politik für die arbeitende Mitte der Gesellschaft gehen. Bei welcher Verdienstgrenze diese Mitte aufhört und die Oberschicht beginnt, das ist eine der Fragen, die Schulz in den kommenden Wochen beantworten muss. Genauso wie die Frage, was er in der Familien-, Steuer-, Renten- und Arbeitsmarktpolitik vorhat. Bislang ist nur wenig über die Positionen des designierten Kanzlerkandidaten bekannt.

Weder ein klassischer Linker noch ein konservativer Sozialdemokrat

So viel kann man sagen: Schulz ist weder ein klassischer Linker noch ein konservativer Sozialdemokrat. Er selbst bezeichnet sich als „Pragmatiker“. Das kann ein Vorteil sein, weil Schulz seine innenpolitischen Positionen noch definieren kann, ohne unglaubwürdig zu werden. Umfallen allerdings darf er dann nicht mehr, wenn er sich erst mal festgelegt hat.

Mit Spannung wird eine Rede erwartet, die er am Sonntag anlässlich der Vorstandsklausur der SPD halten soll. In den kommenden Tagen werde er vor allem an diesem Manuskript arbeiten, sagt einer, der ihn gut kennt. Vor gut gemeinten Ratschlägen wird er sich dabei kaum retten können. „Jeder will jetzt etwas von ihm“, heißt es in seinem engsten Umfeld. Um sich nicht zu verzetteln, werde Schulz vor allem auf die Menschen hören, die ihm schon seit Langem nahestehen. Es soll eine Weile dauern, ehe Schulz Vertrauen zu anderen Menschen fasst. Dann aber soll er eine treue Seele sein.

Der wichtigste Mann im Netzwerk von Martin Schulz in Berlin ist Markus Engels. Mit verschiedenen Titeln war Engels für Schulz zu dessen Zeit als Präsident des Europaparlamentes tätig. Engels Aufgabe aber war immer die gleiche: Kontakte in die deutsche Hauptstadt zu pflegen. Engels war wichtigster Ansprechpartner für Politiker und für Medienvertreter. Alle in der SPD gehen davon aus, dass er im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen wird. Welche genau, ist noch unklar.

Gabriel und Schulz – eine echte Männerfreundschaft

Die zweite wichtige Person im Kosmos des Martin Schulz ist Achim Post. Der Bundestagsabgeordnete der SPD leitete viele Jahre die Internationale Abteilung im Willy-Brandt-Haus und war damit so etwas wie der Außenminister seiner Partei. Als Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) verfügt er über ein exzellentes internationales Netzwerk und hat den letzten Europawahlkampf aus nächster Nähe miterlebt.

Andere Menschen, die Schulz als politische Freunde bezeichnet, sind sein früherer Kabinettschef Markus Winkler und sein Sprecher Andreas Kleiner.

Und dann ist da natürlich noch Sigmar Gabriel. Allen Unkenrufen zum Trotz scheint die politische Freundschaft der beiden Männer den Wettbewerb um die Führungsrolle einigermaßen unbeschadet überstanden zu haben. Gabriel hat Schulz versprochen, eine dienende Rolle im Wahlkampf zu spielen. Sein Instinkt und sein Gespür könnten für Schulz noch wertvoll werden, wenn er Angela Merkel erfolgreich die Stirn bieten will.

Dass er das will, daran lässt der Rheinländer keinen Zweifel. Die Sturzgeburt seiner Nominierung will er bald vergessen machen. „Das war ein guter Start heute“, sagt er noch. Der Wahlkampf hat jetzt begonnen.

Von RND/ Andreas Niesmann und Jan Sternberg

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