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Deutschland / Welt Zapfenstreich für die letzten Rekruten der Bundeswehr
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13:03 30.06.2011
Von Dirk Schmaler
Gründlicher Kehraus vor der Auskleidung: Rekruten in Munster bereiten den Abschied von der Bundeswehr vor. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Das Ende kam plötzlich. Und es kam aus dem Fernsehgerät. Karl-Werner Ley erinnert sich an den Abend im September des vergangenen Jahres noch sehr genau. Der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) saß in der ARD-Talkshow „Beckmann“ und erklärte dort überraschend, die Musterung sei ebenso wie die Wehrpflicht nicht mehr zu rechtfertigen und werde nun abgeschafft. „Das war schon ein kleiner Schock“, sagt der Leiter des Kreiswehrersatzamtes in Hannover. Seine Behörde hatte genau diese Aufgabe: die Musterung von jungen Männern für den Wehrdienst. Nach der TV-Show war diese Aufgabe erledigt. Und damit auch ein über alle Maßen prägender Abschnitt bundesrepublikanischer Geschichte.

„Wir haben hier jedes Jahr knapp 12 000 junge Männer gemustert“, sagt Ley. Für die Ärzte und Psychologen, die diese jungen Männer Tag für Tag begutachtet und für tauglich oder untauglich oder eingeschränkt tauglich erklärt haben, erscheint die Musterung wenig spektakulär. „Das ist wie eine ganz normale Untersuchung“, erklärt Sibylle Teichert, die seit 15 Jahren Wehrpflichtige begutachet. Und all die vielen mal lustigen, mal trostlosen Geschichten über die Musterung? „Ich glaube, das ist ein Mythos.“

Vielleicht stimmt das. Und dennoch kann sich fast jeder männliche Erwachsene an diesen besonderen Arztbesuch erinnern. Und eine Anekdote zum Besten geben. Von dem kuriosen „Bitte mal husten!“ der Amtsärztin, von den kalten Fluren, auf denen man in Sporthose harrte auf die Dinge, die da kommen mögen. Und von denen, die es irgendwie „geschafft“ haben, sich untauglich mustern zu lassen. Mit seltsamen Attesten über psychische Störungen, mit plötzlich auftretenden Rückenbeschwerden, mit Knoblauch auf der Haut oder Rauschmittel im Blut. „Mit der Zeit bekommt man ein Gespür dafür, wie glaubhaft die jungen Männer sind“, sagt die 51-jährige Ärztin Teichert. Ab morgen ist auch damit Schluss. Die Zukunft des Kreiswehrersatzamtes ist ungewiss. Sicher ist nur, dass sich der Staat künftig ganz auf diejenigen konzentrieren kann, die freiwillig zur Bundeswehr wollen. Auch das ist das Ende einer Ära.

"Niemand darf zum Dienst mit der Waffe gezwungen werden"

Denn die Geschichte der Wehrpflicht war von Anfang an auch eine Geschichte der Pflichtentziehung. Wer mit Waffen nichts am Hut hatte, für den begann eine Prozedur, die ein für deutsche Staatsbürger ungewohntes Maß an Pathos enthielt: die Befragung des eigenen Gewissens. Dieser für juristische Verhältnisse unbestimmte Begriff hat die Bundesrepublik mehr verändert als viele andere – obwohl die Verfasser im zu gründenden Deutschland ohne Armee dies damals kaum absehen konnten. „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“, heißt es schon seit 1949 in Artikel 4 des Grundgesetzes.

Der Artikel überstand die erst in den fünfziger Jahren beschlossene Wiederbewaffnung Westdeutschlands unverändert – und entfaltete erst danach seine unerwartete Wirkung. Als 1957 die ersten 10 000 Grundwehrdienstleistenden in die Kasernen eingezogen waren, gab es in den Folgejahren einen erstaunlichen Nebeneffekt: Zur neuen Bundeswehr entwickelte sich ein weiteres Heer von Verweigerern. Der Zivildienstleistende war geboren – und zwar genauso ungewollt, wie er nun mit der Aussetzung der Wehrpflicht ungewollt wieder verschwinden wird.

Zunächst stellten die Verweigerer aus Gewissensgründen die junge Bundesrepublik vor Schwierigkeiten. Niemand wusste so recht, was mit ihnen zu tun war. Erst im Frühjahr 1961 traten die ersten 340 Kriegsdienstverweigerer ihren zivilen Dienst an. Sie mussten bis 1976 vor sogenannten „Prüfungsausschüssen“ Rede und Antwort stehen, nicht wenige Fälle landeten später bei den Verwaltungsgerichten. Die Vorbehalte gegen die wahlweise als „Verpisser“ oder „Robbenzähler“ verspotteten Kriegsdienstverweigerer waren groß. Adolf Kreb, erster Präsident des 1973 eingerichteten Bundesamtes für den Zivildienst, erinnert sich noch eher vornehm an die teils feindselige Stimmung gegen die Zivildienstleistenden. „Manche gebrauchten die Vokabel Drückeberger“, sagte er kürzlich.

In den achtziger Jahren, als die Ausschüsse wegfielen, mussten die Verweigerer Begründungen schreiben, warum ihnen der Dienst mit der Waffe nicht möglich sei. Zur Bekundung ihrer Ernsthaftigkeit wurde die Dauer des Zivildienstes stattdessen kurzerhand ein paar Monate verlängert.

Da waren aus den „Drückebergern“ von einst längst wichtige Stützen der Sozialsysteme geworden. Während die „Bundis“ in ihren Kasernen hockten, Karten spielten und sich auf einen Angriff vorbereiteten, pflegten die „Zivis“ alte Menschen, betreuten Behinderte. Sie fuhren Rettungswagen, engagierten sich im Naturschutz. Viele hatten das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun – wenn auch nicht freiwillig.

Zudem waren die Zivildienstleistenden längst billige Arbeitskräfte in einem immer teurer werdenden Sozialsystem geworden. Wolfgang Oltmanns, bisher Leiter der Zivildienstleistenden beim Deutschen Roten Kreuz in Cloppenburg, ist sogar der Meinung, der Ersatzdienst habe die Gesellschaft besser gemacht. „Diese Erfahrungen im sozialen Bereich prägen Menschen für ein Leben“, sagt er und fügt hinzu: „Unsere Gesellschaft wird darunter leiden, wenn der Zivildienst nun wegfällt.“ Die Zahlen sprechen dafür. Allein beim Deutschen Roten Kreuz haben seit 1961 bundesweit 285 000 junge Männer 430 Millionen Dienststunden geleistet.

Der neue Bundesfreiwilligendienst wird dieses Arbeitspensum nicht ersetzen – auch weil nicht alle Arbeiten auf den ersten Blick attraktiv erscheinen mögen. Bei DRK-Mann Oltmanns hatte in der vergangenen Woche erstmals ein Freiwilliger seinen Dienst in der Behindertenbetreuung begonnen. Nach zwei Tagen Arbeit sagte er, dass ihm der Job nicht gefalle. Am dritten Morgen ist er einfach nicht mehr erschienen. War ja freiwillig.

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