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Von Servicestelle zu falschen Ärzten geschickt

Zentrale Terminvergabe Von Servicestelle zu falschen Ärzten geschickt

Die im Januar angelaufene zentrale Terminvergabe für Fachärzte funktioniert in Niedersachsen noch schlechter als bisher schon diskutiert: Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) vermittelt Patienten auch zu Medizinern, die nicht zur Diagnose passen.

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Quelle: Symbolbild

Hannover. Die Ursache dafür liegt in der Software der KVN, die Zusatzqualifikationen der Ärzte nicht erkennt. Die Terminvergabe soll eigentlich garantieren, dass kein Kassenpatient länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin warten muss.

Mitarbeiter einer Arztpraxis in Burgdorf berichten zum Beispiel von einem Patienten aus Celle, der über diffuse Schmerzen am Fuß klagt. Ein Neurologe soll darum prüfen, ob eine Störung der Nerven der Auslöser ist. Da bei allen Fachärzten in Celle die Wartezimmer voll sind, wendet sich der Patient an die Terminservicestelle der KVN. Der Mitarbeiter im Callcenter findet eine Praxis in Burgdorf. Doch die Freude über die schnelle Vermittlung ist nur von kurzer Dauer: Denn die Burgdorfer Praxis hat überhaupt kein Gerät zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit.

„Solche Fehler kommen immer wieder vor“, sagt eine Mitarbeiterin des Burgdorfer Neurologen. „Wir haben das der KVN bereits mehrmals gemeldet - geändert hat sich nichts.“

Andere Ärzte sind mittlerweile so verärgert, dass sie sich aus der Liste der Terminservicestelle wieder streichen ließen. Ein auf Darmerkrankungen spezialisierter Chirurg aus Hannover beispielsweise war es leid, Patienten mit Hammerzehen oder Schulterleiden immer wieder enttäuschen zu müssen. Denn auch solche Patienten hatte die KVN zu ihm geschickt.

Die Erklärung für die Vermittlungsprobleme findet sich im Computerprogramm der Servicestelle. Die von einer Berliner Firma entwickelte Software liste nur die Fachgruppen der Ärzte auf, erläutert Projektleiter Sebastian Bernhardt. Die Mitarbeiter im Callcenter können also lediglich sehen, ob sie es mit einem Neurologen, Chirurgen oder Gynäkologen zu tun haben. Spezialisierungen, mögliche Zusatzqualifikationen oder Einschränkungen der Ärzte bleiben ihnen verborgen.

Im Zweifel müsse der Patient in der vermittelten Praxis anrufen und nachfragen, ob die dortigen Ärzte ihm wie gewünscht helfen könnten, heißt es bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin: Der Gesetzgeber verlange nur die Vermittlung zu einem Fachmediziner, „nicht aber zu einem Arzt, der spezifische Leistungen erbringen kann“. Im Zweifelsfall muss sich der Patient vom Callcenter erneut vermitteln lassen - mit dem Risiko, wieder den falschen Arzt zu erwischen.

Die Servicestelle der KVN hat im ersten halben Jahr 7401 Termine vermittelt. Bundesweit seien es rund 61 000 Termine gewesen, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen der „Bild“-Zeitung und folgert: „Die Terminservicestellen werden nicht wirklich gebraucht.“

KVN hält Zentrale für überflüssig

Seit dem 25. Januar vermittelt eine Telefonzentrale der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) Kassenpatienten bei Bedarf an einen Facharzt. Die Terminservicestelle dürfen jedoch nur Versicherte in Anspruch nehmen, die eine speziell gekennzeichnete Überweisung des Hausarztes haben. Die KVN vermittelt innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Facharzt oder – falls das nicht gelingt – in einem Krankenhaus.
Die KVN macht keinen Hehl daraus, dass sie den Service für überflüssig hält. Auf der entsprechenden Internetseite ist groß aufgelistet, was die Servicestelle nicht leistet, die Telefonnummer (05  11) 56 99 97 93 ist dort allerdings gar nicht hervorgehoben. Mit der Servicestelle reagiert der Gesetzgeber auf Beschwerden, dass Kassenpatienten zu lange auf einen Termin warten müssen. In Hannover sind nach einer HAZ-Umfrage besonders Hautärzte und Neurologen betroffen. Dort beträgt die Wartezeit auf einen Termin rund drei Monate.

mak

 

Projekt der Techniker Krankenkasse funktioniert

Patienten und Ärzte haben mit dem Vermittlungsservice der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) häufig Probleme. Grund dafür ist die Software, die der Vermittlungsstelle zur Verfügung steht: Sie führt die genauen Spezialisierungen nicht auf. So kommt es immer wieder vor, dass zum Beispiel Patienten mit Problemen im Knie zum auf Darmerkrankungen spezialisierten Chirurgen geschickt werden. Wesentlich besser funktioniert offenbar ein Projekt der Techniker Krankenkasse (TK) in Hannover, das ebenfalls Patienten an Ärzte vermittelt.

Schmerzen im Unterbauch können viele Ursachen haben. Wenn eine Patientin solche Symptome schildert, weiß Gerd Kolbert nicht sofort, ob er diese lindern kann. Der Chirurg ist auf Erkrankungen des End- und Dickdarms spezialisiert, möglicherweise aber wäre die Kranke bei einem Orthopäden, Gynäkologen oder Schmerztherapeuten besser aufgehoben. „Wenn eine solche Patientin bei der Suche nach der richtigen Diagnose auf sich allein gestellt ist, hat sie inklusive aller Wartezeiten eine Arzt-Odyssee von mehreren Monaten vor sich“, sagt der Mediziner. Innerhalb des hannoverschen NVM-Praxisnetzwerkes dauere das hingegen höchstens vier Wochen.

Das Kürzel NVM steht für Neue Versorgungsformen Management GmbH. Die Gesellschaft koordiniert im Auftrag der TK sieben Praxen mit 25 Fachärzten aus einem Dutzend Fachrichtungen in der Landeshauptstadt. Für die Kasse sei das ein Testlauf, um die ambulante Versorgung der Versicherten zu verbessern, sagt die Leiterin der Landesvertretung Niedersachsen, Inken Holldorf. Das niedersächsische Modellprojekt laufe seit Anfang 2013 „und bisher sehr gut“.

Für die Patienten ist die Teilnahme kostenlos – von 79 000 TK-Versicherten in der Stadt Hannover haben sich 2700 eingeschrieben. Sie profitieren von einer schnellen Terminvergabe, kurzen Wartezeiten und besonderen Sprechzeiten für Berufstätige. Die kurzen Wege zwischen den Praxen nützten aber auch den Ärzten, sagt Kolbert: „Schon durch das Vermeiden von Doppeluntersuchungen sparen wir viel Zeit.“ Zudem helfe der kollegiale Austausch bei der Diagnostik.

Die Krankenkasse lässt sich das Projekt knapp 100 000 Euro pro Jahr kosten. Neben dem Marketing-Effekt erhofft sie sich davon auf Dauer sinkende Kosten in der ambulanten Versorgung und Einsparungen beim Krankengeld, wenn sich auf diese Weise Zeiten der Arbeitsunfähigkeit verkürzen oder vermeiden lassen. Die beteiligten Praxen bekommen im Schnitt je Quartal 4 bis 5 Euro pro eingeschriebenem TK-Patient. „Die Vergütung allein ist bestimmt nicht unser Anreiz“, sagt Kolbert.

Die Patienten bewerten das Netzwerk positiv. Zwei Drittel der Anrufer bekommen den Erfahrungen zufolge innerhalb von fünf Werktagen einen Termin, drei von vier Patienten müssten in der Praxis nicht länger als eine Viertelstunde auf den Arzt warten, heißt es. Rund die Hälfte der Versicherten lobt, dass die Fachmediziner sehr individuell auf ihr Anliegen eingehen. Weniger als jedem zehnten Patienten wurden sogenannte Igel-Leistungen angeboten, die Versicherte aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.

Neben Niedersachsen testet die TK Praxisnetze auch in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern. Ob die Pilotprojekte zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen an anderen Orten werden sollen, sei offen, sagt Holldorf. Die Entscheidung darüber falle voraussichtlich bis Ende nächsten Jahres.

Von Jens Heitmann

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