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Deutschland / Welt Die Wählerin, das unbekannte Wesen
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00:16 05.09.2015
Nachholbedarf: In Sachen Frauenrechte ist Saudi-Arabien unterentwickelt. Quelle: afp
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Riad

Für die Heimat des Propheten Mohammed ist es eine historische Premiere, für Jamal al-Saadi ein persönlicher Triumph. In aller Frühe ist die Lehrerin im traditionellen langen, schwarzen Mantel, der Abaya, auf dem Meldeamt von Mekka erschienen und hat sich als erste Frau in ganz Saudi-Arabien für die Kommunalwahlen am 12. Dezember 2015 registrieren lassen. Bis Mitte September können sich die weiblichen Untertanen des saudischen Königshauses in die Listen eintragen lassen - als Wählerinnen und als Kandidatinnen. Möglich macht dies ein Dekret des im Januar verstorbenen Monarchen Abdullah. Es stammt aus dem Jahr 2011 und weckt Hoffnungen, dass die 284 neuen Kommunalparlamente bunter, lebendiger und demokratischer denn je zusammengesetzt sein werden.

Nicht nur die weibliche Beteiligung ist neu. Der König ernennt auch nicht mehr wie bisher die Hälfte, sondern nur noch ein Drittel aller Deputierten; die vom Volk Gewählten haben also künftig die Mehrheit. Wirklich zu entscheiden allerdings haben die Mandatsträger nicht viel, vor allem weil die Hoheit über die städtischen Budgets in der Hauptstadt Riad liegt.

Saudi-Arabien hat bei Frauenrechten nach wie vor enormen Nachholbedarf, trotz solch kleiner Lichtblicke. Auf dem „Gender Gap Index“ des Genfer Weltwirtschaftsforums, der Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter bewertet, rangierte das Königreich 2014 unter den Schlusslichtern auf Rang 130 von 142. Die Benachteiligung der Frauen ist flächendeckend, ihre Abhängigkeit von Männern lückenlos. Frauen dürfen nicht Auto fahren. Ohne schriftliche Zustimmung ihres männlichen Vormunds, egal ob Ehemann, Bruder oder Onkel, können sie nicht reisen, arbeiten, zum Arzt gehen, ihren Pass erneuern oder ein Bankkonto eröffnen. Das erste und einzige weibliche Kabinettsmitglied, Vize-Erziehungsministerin Norah al-Fayez, wurde vom neuen König Salman auf Druck konservativer Kreise entlassen, weil sie sich für Sportunterricht an Mädchenschulen eingesetzt hatte.

Gerade junge Frauen jedoch pochen immer selbstbewusster auf ein Ende ihrer Diskriminierung im Namen der Scharia. Zehntausende haben mit staatlichen Stipendien im Ausland studiert und andere Welten kennengelernt. Sie sind hoch qualifiziert und mit neuen Ideen zurückgekommen. Zu Hause aber müssen sie sich wieder bevormunden lassen wie kleine Kinder.

Vielleicht liegt es an dieser Gesamtsituation, dass sich die Euphorie der Frauen vor den Wahlen arg in Grenzen hält. Zur Halbzeit der Registrierungsphase verzeichneten abgelegene Provinzen im Süden erst ein Dutzend Meldungen. Die meisten Wählerinnen wissen gar nichts von ihren neuen Rechten - oder es gibt niemanden, der sie zum Amt fährt. Oder sie besitzen keinen eigenen Ausweis. Selbst in der relativ aufgeklärten Hafenstadt Dschidda blieb der Ansturm bisher aus. Landesweit stagniert die Quote bei etwa 5 Prozent.

Während 5000 Männer antreten, um eins der 2100 Mandate zu ergattern, trauen sich bislang lediglich 70 Frauen aus der 28-Millionen-Nation eine Kandidatur zu. Es wird ihnen aber auch schwer genug gemacht. Porträtfotos auf Wahlplakaten sind verboten, und nur ein Drittel aller 1263 Wahllokale ist für Frauen reserviert; in dem puritanischen Gottesstaat dürfen die Geschlechter nicht zusammen an den Urnen anstehen.

Obendrein machen konservative Kleriker und ihre Anhänger gegen das Frauenwahlrecht mobil. „Ich wähle nur eine Frau, wenn sie Muffins für alle im Viertel backt“, höhnte einer auf Twitter. Aktivistinnen wie Nouf al-Sadiq, die lange für das Frauenwahlrecht gestritten haben, lassen sich davon nicht entmutigen. „Das ist ein wichtiger Schritt zur besseren Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben - und zur inneren Mäßigung unserer Gesellschaft.“

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