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20:11 11.05.2018
In einem Land, das von viel mehr Vielfalt geprägt wird, als Horst Seehofer verhindern kann, ist das Führungsteam weiterhin alt, weiß und vorwiegend männlich – ein Unding, findet Gastautorin Ninja LaGrande. Quelle: Montage: RND: Fotos: dpa (4)
Hannover

“Wir können zum Mond fliegen, aber dafür wurde noch nichts erfunden?“, fragt die ältere Dame neben mir entrüstet die Apothekerin. “Da muss einfach Luft dran“, sagt die Apothekerin und meint die Entzündung am Finger der Frau. Da muss Luft dran. So ein simpler Satz. Da hilft nichts, da muss einfach Luft dran. Ich packe das Nasenspray in den Rucksack und spaziere nach Hause. Wenn es doch nur immer so leicht wäre.

171 Tage Luft mussten da dran. 171 Tage dauerte es von der Bundestagswahl bis zur Wahl Merkels als Neue-alte-für-immer-Bundeskanzlerin. So viel Luft war noch nie. Und nach diesem halben Jahr voller Orientierungs- und Hilflosigkeit ist Deutschland nun gerüstet für all die Dinge, die da kommen mögen.

Oder? Ist das die Regierung, die mich und meine Interessen vertreten kann? Eine sogenannte neue Regierung, die – statt ordentlich zu baden und sich auch mal unter den Achseln zu waschen – nur ein frisches Kleid angezogen hat? Wer sitzt jetzt an den Hebeln, die unter anderem die Zukunft für mein Kind bestimmen?

Niemand hat das Recht, mir und allen anderen eine Definition von Heimat überzustülpen

Er hat’s geschafft. Horst Seehofer hat die blau-weiße Grenze überschritten. Er scheint so glücklich wie lange nicht mehr. Was auch daran liegen könnte, dass er sich jetzt endlich um den Erhalt des Abendlandes kümmern darf. Innenminister, was heißt das schon? Heimat! Heimatminister, das ist was Großes! Und weil das Abendland kurz vorm Untergang steht, braucht Seehofer so viele Staatssekretäre wie kein anderer Minister.

Frauen haben da natürlich nichts zu suchen. Alte, weiße Männer wissen immer noch am besten, wie Leitkultur und Religionsfreiheit für 83 Millionen Menschen auszulegen sind. Und der Islam gehört in jedem Fall nicht dazu. Wo kämen wir auch hin, wenn Artikel 4 des Grundgesetzes tatsächlich für alle Religionen gelten würde. Statt “Gesetz ist Gesetz“ heißt Seehofers Linie also “Mach es zu deinem Projekt“.

Meine Heimat ist ein buntes Stadtviertel, in dem sich niemand Gedanken darum macht, wer dazugehören darf und wer nicht. Um mich herum sprechen Menschen verschiedenste Sprachen, Kinder werden gemeinsam groß und – es mag verwunderlich klingen – aber um mich herum leben sehr viele Frauen. Und alle zusammen sorgen dafür, dass da so etwas wie Heimat entsteht. Für ein so individuelles und persönliches Gefühl gibt es keine Anleitung. Niemand hat das Recht, mir und allen anderen eine Definition von Heimat überzustülpen. Vor allem, wenn diese Kruzifixe, Bier und blau-weiße Fähnchen beinhaltet.

“Immerhin“ reicht nicht

Daneben Jens Spahn als neuer Gesundheitsminister. Dessen Ziel es zu sein scheint, mir und allen anderen Menschen das Leben noch etwas schwerer zu machen. Während er darüber fantasiert, ungeborenes Leben retten zu können, indem er weiterhin dafür einsteht, Ärzten Informationsweitergabe zum Thema Schwangerschaftsabbruch zu verbieten, schneidet er vermutlich ein Stück seines 21-Euro-Borchardt-Schnitzels ab und lacht: “Niemand muss in Deutschland hungern!“ Dabei immer mit dem Daumen auf dem Smartphone.

Spahn hat übrigens fünf Staatssekretäre weniger als Seehofer, aber braucht eigentlich keinen davon, weil er seine Arbeit einfach die Online-Gemeinde machen lässt: “Was hilft da?“ Und das sind nur zwei Kandidaten des neuen Kabinetts, die mich so richtig optimistisch in die Zukunft blicken lassen.

Das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren – immerhin jünger als beim Team davor. Sechs der 15 Ministerposten werden von Frauen besetzt. Immerhin. An der Spitze steht weiterhin auch eine Frau. Immerhin. Immerhin reicht mir aber nicht. Katarina Barley ist die einzige Ministerin mit Migrationsgeschichte – ihr Vater ist Brite. In einem Land, das von viel mehr Vielfalt geprägt wird, als Horst Seehofer verhindern kann, ist das Führungsteam weiterhin alt und weiß.

Eine Volksvertretung, die aussieht wie die grauen Herren aus “Momo“

Ich erinnere mich an das erste Foto des neuen kanadischen Kabinetts unter Premier Justin Trudeau. Die 30-köpfige Regierung bestand genau zur Hälfte aus Frauen. Trudeau nahm Geflüchtete, Sikhs und einen Inuit mit ins Team. Das ist eine Volksvertretung, die ihren Namen verdient. Eine Volksvertretung, gegen die die deutsche Regierungsmannschaft in Sachen Vielfältigkeit aussieht wie die grauen Herren aus “Momo“. Diversität kann man einfach machen, man muss es nur wollen.

Aber was erwarte ich auch von einer Kanzlerin, die Schwierigkeiten hat, sich selbst als Feministin zu bezeichnen? Für die das Internet Neuland ist? Und die sich schwergetan hat mit der völligen Gleichstellung von homosexuellen Beziehungen?

Ich bin Mitte dreißig und selbstständig. Für mich gibt es keine Unterscheidung zwischen on- und offline. Ich habe ein Kind, das kaum privilegierter aufwachsen könnte und dessen Vater sich völlig gleichberechtigt um Erziehung, Sorge und Haushalt kümmert. Über Dinge wie Ehegattensplitting und Betreuungsgeld kann ich nur lachen, weil sie in meiner Lebensrealität nicht vorkommen.

Frischluft für die Köpfe

Aus meiner Situation heraus erwarte ich von einem Gesundheitsminister, der sich angeblich so sehr um ungeborenes Leben sorgt, dass er die Situationen von Hebammen massiv verbessert und für eine flächendeckende Geburtenversorgung eintritt. Ich erwarte von einem Innenminister, die Situation von Geflüchteten im Land zu verbessern, statt gemütlich am rechten Rand zu fischen und provokative Reden zu schwingen.

Ich erwarte von einer Regierung im Jahr 2018, dass sie divers, zielstrebig und vorbildlich ist. Und nicht, dass es tatsächlich noch ein Thema sein muss, dass alle Ministerinnen und Minister mehr Männer als Frauen in Spitzenpositionen einsetzen. Oder, dass – statt über Ministerposten für Menschen mit Migrationsgeschichte – auch fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch über Ost und West lamentiert wird.

Da kann so viel Luft dran, dass alle Berliner Regierungsgebäude bis zur nächsten Wahl durchlüften müssten. Frischluft für die Köpfe – damit die auch endlich im Jahr 2018 ankommen.

Ninia LaGrande Quelle: dpa/Horst Galusch

Zur Person: Ninia LaGrande ist Autorin, Moderatorin und Slam-Poetin aus Hannover. Die 35-Jährige bloggt über Girlpower, Poesie, Hochhausfassaden und Mode.

Von Ninja LaGrande

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