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„Ich kenne niemanden im Kosovo“

Abschiebung von 125 Asylbewerbern „Ich kenne niemanden im Kosovo“

Das Land Niedersachsen wendet erstmals das schärfere Asylrecht an: 125 Asylbewerber wurden am Mittwoch mit dem Flugzeug von Langenhagen aus in den Kosovo abgeschoben.

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„Ein Mann vom Landkreis in meinem Zimmer“: Mit dem Flugzeug wurden viele lange geduldete Menschen aus Niedersachsen in den Kosovo abgeschoben.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Mittwoch am frühen Morgen in Friesoythe. Gzim B. wollte gerade aufstehen, frühstücken, zur Schule gehen. Seit 1988 ist seine Familie in Deutschland. „Plötzlich stand ein Mann vom Landkreis Cloppenburg in meinem Zimmer“, erzählt der 15-Jährige am Handy, da befindet er sich bereits im Terminal D am Flughafen in Langenhagen. Zwei Stunden später wird er in einer vom Land gecharterten Boeing 737-800 nach Pristina im Kosovo abgeschoben.

So oder so ähnlich ist es vielen abgelehnten Asylbewerbern in Niedersachsen am Mittwoch ergangen, ganz überwiegend langjährig geduldete Menschen aus dem Kosovo, aus Albanien und Serbien. Nach vielen Jahren in Niedersachsen dürfen sie plötzlich nicht mehr bleiben. Das ist das neue schärfere Asylrecht, das Bundestag und Bundesrat unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise Ende Oktober verabschiedet haben.

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Fotostrecke Politik Niedersachsen: Land schiebt mehr als 100 Flüchtlinge ab

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Gzim B., seine Geschwister und Eltern sind Roma aus dem Kosovo. Sie wurden von der Polizei in einem Kleintransporter zunächst nach Cloppenburg in die Kreisstadt gefahren. Dort mussten sie mit weiteren abgelehnten Asylbewerbern in einen Reisebus steigen, der sie nach Langenhagen brachte. Am Terminal D fuhren Mittwochmittag immer neue Busse, Kleintransporter und Pkw mit Kennzeichen aus Braunschweig, Uelzen, Oldenburg und Cuxhaven vor. 125 Menschen mit Koffern oder Plastiktüten stiegen aus, in die sie das Nötigste gepackt hatten - sie hatten erst am Morgen erfahren, dass sie nicht mehr bleiben dürfen. Alte Menschen waren darunter und ganz junge wie Gzim B., der nach dem Hauptschulabschluss zur Realschule gehen wollte. „Meine Zukunft ist zerstört“, sagte er. „Ich kenne niemanden im Kosovo. Ich war noch nie dort.“

Erst zu Jahresbeginn hatte Innenminister Boris Pistorius per Erlass angeordnet, dass Abschiebungen immer vorher anzukündigen sind. Doch das war, bevor in nur einem Jahr eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Der Erlass ist vom Bundesrecht überholt. Entsprechend unglücklich waren sie bei SPD und Grünen im Landtag. Auch der Flüchtlingsrat übte Kritik. „Diese Leute sind hier aufgewachsen und haben hier ihre Heimat“, sagte Kai Weber. „Sie werden in ein Land abgeschoben, dessen Sprache sie oft nicht einmal sprechen.“

Innenminister Boris Pistorius rechtfertigte die Abschiebung. „Das ist ein völlig normaler Vorgang. In anderen Bundesländern ist das schon viel öfter passiert“, sagte der SPD-Politiker. Dass es einen solchen Flug geben soll, habe die Landesregierung im November angekündigt. Die Rechtslage sei eindeutig. In keinem der Fälle gebe es ein Ausweisungshindernis. Der SPD-Abgeordnete Ulrich Watermann sagte, nach dem Asylkompromiss gebe es wenig rechtliche Handhabe. Man habe immer davor gewarnt, dass viele langjährige Geduldete betroffen seien. „Man hätte einen Schnitt machen müssen. Aber dafür gab es keine Mehrheit.“

Gzim B. sagte Mittwochabend, der Flug nach Pristina sei „okay“ gewesen. „Jetzt wissen wir aber nicht wohin. Wir haben keine Bleibe. Keine Ahnung, wo sie uns jetzt hinschicken.“ Dann hat er keine Zeit mehr. Er muss sich registrieren lassen. Die Temperatur am Abend in der Hauptstadt des Kosovo: ein Grad Celsius.

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