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Aldin Kusur geht ins Gefängnis

Muslimischer Anstaltsseelsorger Aldin Kusur geht ins Gefängnis

Allah, sagt Aldin Kusur, vergibt auch den Menschen, die im Gefängnis gelandet sind – „wenn sie mit ihren schlechten Taten aufhören und sie bereuen“. Diese Botschaft will der Imam der Bosnischen Gemeinde in Zukunft in die Justizvollzugsanstalt Hannover an der Schulenburger Landstraße tragen.

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„Ich hoffe, dass ich den Menschen helfen kann, einen Weg aus der Krise zu finden.“

Quelle: Rainer Surrey

Hannover . Der 30-Jährige ist einer von dann 33 muslimischen Seelsorgern, die das Land am Dienstag bestellt. Bei einer Feierstunde bekommt er von Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz die Anerkennungsurkunde überreicht.

Die Möglichkeit für christliche Gefangene, einen Geistlichen als Seelsorger in Anspruch nehmen zu können, gibt es schon lange. Doch muslimische Seelsorger in den Gefängnissen des Landes sind relativ neu. Ende 2012 hat der damalige Justizminister Bernd Busemann (CDU) eine entsprechende Vereinbarung mit den muslimischen Verbänden Ditib und Schura unterschrieben. Sie beruht auf der Weimarer Reichsverfassung, die Religionsgemeinschaften den Zugang zu den Gefängnissen garantiert, und sollte ein weiterer Baustein zur besseren Integration der Muslime sein. Inzwischen steht das auch im Niedersächsischen Justizvollzugsgesetz.

Die neue Landesregierung hat die Zusammenarbeit ausgebaut. Bis zum Sommer waren 25 muslimische Seelsorger in Niedersachsen zugelassen, in Zukunft werden es 33 sein. Die Imame werden dann erstmals fest bestimmten Gefängnissen zugeordnet. Aldin Kusur wird einer von sechs Muslimen sein, die Gefangene in der JVA Hannover betreuen. Kleinere Anstalten wie die in Uelzen haben nur einen.

Im Haushalt hat das Land 44.000 Euro für die muslimische Seelsorge bereitgestellt. Imam Kusur übernimmt die Aufgabe ehrenamtlich. „Die Schura hat mich gefragt“, erzählt der 30-Jährige, und er hat zugesagt, auch, weil er die JVA gut kennt. Sie befindet sich in der Nähe seiner Wohnung, die im selben Gebäude wie die Bosnische Moschee an der Schulenburger Landstraße liegt.

Viele Häftlinge teilen ihren Glauben nicht mit

Der Imam wird sich dort um die Gefangenen aus Ex-Jugoslawien kümmern. Dabei hat der Vater von zwei Töchtern, sechseinhalb und eineinhalb Jahre alt, eigentlich schon genug zu tun. Von morgens an ist Kusur in der Moschee, und er bleibt dort bis zum späten Abend. Seiner Gemeinde gehören etwa 1000 Menschen an, schätzt er. „Es kommen aber mehr.“ In Hannover leben etwa 5000 Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien. Kusur selbst ist im bosnischen Doboj geboren, kam 1992 mit seiner Mutter als Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland, ging 1995 zurück. Seit 2011 ist er nach zehn Jahren Imam-Ausbildung in Hannover.

Für seine neue Arbeit stellen sich ihm auch ganz praktische Fragen: „Wer im Gefängnis sitzt, ist meistens vorher nicht in die Moschee gekommen“, glaubt er. Er will sich nicht aufdrängen. Die Gefangenen müssen die Betreuung auch wünschen. Und ob ein schiitischer Gefangener Seelsorge eines Sunniten akzeptiert, weiß er noch nicht. Er stellt sich zunächst auf ein paar Stunden einmal in der Woche ein. „Wenn es mehr Bedarf gibt, dann komme ich auch öfter.“ 700 Haftplätze gibt es in der JVA Hannover, etwa acht Prozent der Gefangenen landesweit geben an, Muslime zu sein, geschätzt sind es laut Justizministerium etwa 400. Viele Häftlinge teilen ihren Glauben nicht mit.

Und dann ist da noch die Frage der Radikalisierung im Gefängnis, die sich in diesen Tagen stellt. Es gibt Geschichten von jungen Menschen, die im Gefängnis zu Fanatikern wurden und nach Syrien in den Krieg der Terrormiliz IS zogen, das weiß auch Kusur. Vielleicht kann da gerade er als junger Imam helfen. „Das Land muss vorsichtig sein“, sagt er, „dass Unfähige nicht radikale Ideen in die Gefängnisse tragen.“ Eine Aufgabe, die nur das Land und die Verbände Schura und Ditib gemeinsam schaffen, glaubt er.

Kusur will für die Häftlinge auch in ganz praktischen Fragen da sein – nicht nur Antworten auf religiöse Fragen geben und mit ihnen beten. Es geht auch darum, dass er helfen kann, den Kontakt zu den Familien aufrecht zu erhalten und die Gefangenen auf die Freiheit vorzubereiten. „Ich hoffe, dass ich den Menschen helfen kann, einen Weg aus ihrer Krise zu finden, dass sie Arbeit und zurück in die Gesellschaft finden.“ Die Aufgabe ist neu für ihn. „Ich habe aber schon Menschen betreut, die ins Gefängnis gehen mussten.“ Er hält es bei seiner zukünftigen Aufgabe mit der Überlieferung des Propheten Mohammed: Man soll auch denen helfen, die Unrecht getan haben.

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