Angstschweiß und Herzklopfen verbinden sich für viele Menschen mit den grauen Bauten am Rande der Autobahn, die einst die Grenzübergangsstelle Helmstedt-Marienborn bildeten. Bis zu tausend DDR-Bürger waren an diesem größten Grenzkontrollpunkt Europas damit beschäftigt, Autofahrer zwischen Ost und West zu kontrollieren.
Heute hat hier jeder freie Fahrt, der Kontrollpunkt ist zu einer Art Freilichtmuseum geworden – der „Gedenkstätte Deutsche Teilung“, die mit moderner Informationstechnik Gänsehaut vermittelt. Doch auch die Gegenwart hat einiges zu bieten. Wer sich in das Hinterland des Kontrollmonstrums begibt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Ort, nach dem der Grenzübergang benannt wurde, ist zum Beispiel der älteste Wallfahrtsort Deutschlands. Im Mittelalter nämlich erschien hier einem Schafhirten an einem Brunnen die Jungfrau Maria, und es versteht sich fast von selbst, dass dem Brunnenwasser seither überirdische Heilkraft zugeschrieben wird.
In DDR-Zeiten, als Marienborn im Sperrgebiet lag, wollte man natürlich nicht so viel davon wissen. Aber heute ist der Brunnen rund um die Uhr öffentlich zugänglich, und täglich kommen viele Menschen vorbei, die sich das Heilwasser in Kanistern abfüllen und mit nach Hause nehmen.
„Ja, es ist ein Gnadenort“, sagt Erika Kiwitt. Die 81-Jährige, früher Finanzbuchhalterin im Grenzbahnhof Marienborn, zeigt den Besuchern nicht nur die zum Brunnen gehörende Marienkapelle, sondern auch die schöne Klosterkirche aus dem 12. Jahrhundert und den angeschlossenen Kreuzgang. Ungeheure Kunstschätze finden sich in St. Marien – zum Beispiel ein geschnitzter Flügelaltar, der Riemenschneider zugeschrieben wird.
Der zu neuem Leben erwachte Wallfahrtsort lockt vor allem im Mai zu den Festen der Marienverehrung Tausende. „Aber 90 Prozent kommen aus Niedersachsen“, sagt Erika Kiwitt. „Zu DDR-Zeiten sind wir hier vom Glauben abgekommen.“ In Marienborn gehören von knapp 500 Einwohnern nur noch 31 der evangelischen Kirche an, hinzu kommen fünf katholische Familien.
Unterhalb des Kirchenhügels erhebt sich eine klassizistische Orangerie. In dem alten Gemäuer hat sich ein Bistro eingenistet, das wie eine Grenzer-Kantine anmutet und den verwitterten Charme der DDR-Gastronomie atmet. „3 Bier zum Preis von 4“, lockt ein Schild vor der Tür, die sich nur an Wochenenden öffnet. Ein Touristenmagnet ist etwas anderes. Auch die Jägerklause, wie das Café unter der Woche geschlossen, zieht nicht gerade die Massen an. Dennoch hat sich die Gemeinde den Fremdenverkehr auf die Fahnen geschrieben. Mit gutem Grund. So reichlich sprudeln die Einnahmequellen sonst nicht.
Ein ähnliches Bild bietet sich im Nachbarort Harbke, zu dessen Gemeinde einst die Grenzübergangsstelle gehörte. Die Hauptattraktion des Ortes ist wie in alten Zeiten der Schlosspark mit angeschlossenem „Lustwald“, einer der ältesten Landschaftsparks Deutschlands mit herrlichen Blutbuchen und Trompetenbäumen und einem Gingkobaum, den schon Goethe bewunderte. Märchenhaft erhebt sich neben dem Park die Ruine des einstigen Schlosses, das zu DDR-Zeiten zu einem Hühnerstall umfunktioniert worden war. In altem Glanz dagegen präsentiert sich die 1752 erbaute Schlosskirche St. Levin.
Bald soll noch eine Attraktion dazukommen. Da nämlich, wo der Braunkohletagebau die Umgebung Harbkes in eine Mondlandschaft verwandelte, entsteht ein riesiger, grenzüberschreitender See, der das sachsen-anhaltinische Harbke mit dem niedersächsischen Helmstedt verbindet. Der See wächst bereits. Wenn alles gut geht und dem Ort eine Tragödie wie in Nachterstedt erspart bleibt, kann man schon 2015 darin baden.
Der See würde Helmstedt ebenso aufwerten wie Harbke. „Unsere tragenden Säulen waren der Tagebau, das Kraftwerk und die Grenze“, sagt Harbkes Tourismusbeauftragter Roland Rohr. „Nacheinander hat alles dichtgemacht, jetzt haben wir nur noch die Erholung.“ Dabei geht es aber ausschließlich um Tagesgäste, das Schlosspark-Hotel öffnet nur bei besonderen Anlässen.
Der Vater des Gemeindeangestellten war 30 Jahre in Harbke als Bergbauingenieur tätig und erlebte mit, als Ende der siebziger Jahre die Zeit des grenzüberschreitenden Tagebaus eingeleitet wurde. Ohne Zaun und Kontrollposten! „Das war einmalig an so ’ner Grenze“, schwärmt Rudolf Rohr noch heute. „Und hat alles einwandfrei geklappt, ohne Zwischenfälle.“
Heute ist die Grenze nur noch zu erahnen. Ganz selbstverständlich fahren die Harbker nach Helmstedt zum Einkaufen und flanieren über den kopfsteingepflasterten Marktplatz der Nachbarstadt. Und in Helmstedt ist das Projekt „Grenzenlos – Wege zum Nachbarn“ entstanden, das vom örtlichen Zonenrand-Museum über das Grenzmuseum Hötensleben bis zur Gedenkstätte Marienborn Besichtigungstouren in die Vergangenheit organisiert.
Doch die Euphorie hat sich gelegt. „Da ist viel Neid“, sagt Rohr junior. In der Tat. Der Wegfall der Zonenrandförderung und der Subventionsfluss in Richtung Osten machen Helmstedt zu schaffen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 9,7 Prozent, und die Einwohnerzahl schrumpft – von 28 500 auf 24 500. Vor allem die Jungen und Hochqualifizierten ziehen fort und beschleunigen den Teufelskreis.
Damit gleichen sich die Orte östlich und westlich der Grenze an. Besonders hart getroffen hat es Wefensleben. 1990 waren noch 3189 Bürger registriert, derzeit sind es 2074. Verantwortlich für den Einwohnerschwund ist die örtliche Plattenbausiedlung, das sogenannte Stasi-Dorf, in dem einst die Mitarbeiter der Grenzübergangsstelle Marienborn unter sich waren. Heute stehen etliche Wohnung leer. Dabei sind die meisten Häuser frisch gestrichen.
Ganz anders sieht es da im Asylbewerberwohnheim im Harbker Ortsteil „Autobahn“ aus. Es scheint, als sei vor diesem früheren Kasernengelände ein Teil der Mauer stehen geblieben. Vergitterte Fenster mit rostigen Eisenstangen begrüßen den Besucher. Obwohl 150 Asylbewerber in den tristen Wohnblocks unweit der Grenzübergangsstelle untergebracht sind, ist kaum jemand zu sehen. „Die meisten sind irgendwo zu Besuch“, sagt Mohammed Rasul Hussein, ein 22-jähriger Iraker, der seit fünf Jahren als „Geduldeter“ in diesem unwirtlichen Teil Harbkes untergebracht ist. „Hier ist es furchtbar, man fühlt sich nicht wie in Deutschland“, sagt der Kurde, der für einen gehbehinderten Freund mit dem Rad nach Helmstedt zum Einkaufen fährt. „Ein Bus fährt nur nach Oschersleben.“
Es hat den Anschein, als habe man die Menschen hier vergessen. „Niemand kümmert sich um uns, keiner repariert die kaputten Gemeinschaftsklos“, klagt der junge Iraker. Vor einigen Jahren wurden die Asylbewerber noch bekocht. Die 61-jährige Ute Oppermann aus Marienborn zum Beispiel hat hier in der Küche gearbeitet, nachdem sie ihren Küchenjob in der Grenzübergangsstelle verlor. Heute muss in dem privat betriebenen Heim jeder für sich selbst sorgen.
Die gestrandeten Grenzgänger erinnern daran, dass Flüchtlingselend nicht überall im deutsch-deutschen Grenzgebiet der Vergangenheit angehört.
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