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Althusmann: „Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu“

Interview Althusmann: „Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu“

Minister Bernd Althusmann spricht im Interview über seine Pläne als neuer Vorsitzender der Kultusministerkonferenz.

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„Bei den Schulabbrecherzahlen müssen wir zwingend besser werden“: Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann.

Quelle: Nico Herzog

Es ist nicht einmal ein Jahr her, dass Sie niedersächsischer Kultusminister wurden, am Montag übernehmen Sie sogar den Vorsitz der Kultusminister-Konferenz (KMK).

Die Präsidentschaft ist eine besondere Herausforderung, zumal sie etwas überraschend und früher als gedacht auf Niedersachsen zukam. Da ich jedoch fast ein Jahr Staatssekretär im Kultusministerium war, bevor ich Minister wurde, glaube ich, mit schulischen Bildungsfragen gut vertraut zu sein. Allerdings hat die KMK-Präsidentschaft ein deutlich weiteres thematisches Spektrum.

Ihr Vorgänger schied im Dezember mit der Ankündigung aus, fünf Bundesländer strebten gemeinsame Abiturprüfungen an. Sie hatten damals noch zurückhaltend auf diesen Vorstoß reagiert.

Ich habe auch beim Treffen der Kultus- und Wissenschaftsminister der CDU/FDP-regierten Länder deutlich gemacht, dass Niedersachsen sich erst nach Beendigung des doppelten Abiturjahrgangs an der dazu eingerichteten Länderarbeitsgruppe beteiligen wird. Das wird wahrscheinlich ab Juni sein, frühestens aber im April. Dann soll ein Pool an Aufgaben für ein gemeinsames Abitur erarbeitet werden. Auch Ferientermine müssen abgestimmt werden. Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu.

Sie bezeichnen sich gern als Bildungsföderalisten. Wie verträgt sich das mit dem Zentralabitur?

Im Gegensatz zu einigen SPD-Vertretern empfinde ich gemeinsame Rahmenbedingungen für das Abitur als wichtiges Signal – auch an die Eltern. Sie können den Bildungsföderalismus oft nicht nachvollziehen, wenn sie von einem Bundesland ins andere ziehen und dabei auf unterschiedliche Schulsysteme stoßen. Ich füge noch ergänzend hinzu: Wer die allgemeine Hochschulreife vergleichbarer machen will, darf die Klassen fünf bis zehn im Sekundarbereich I nicht aus dem Blick verlieren.

Müssten diese Schüler nicht heute schon auf das Zentralabitur vorbereitet werden?

Erste Vorarbeiten durch die fünf Länder hat es da bereits gegeben. Wir wollen erst einmal die große Organisations- und Logistikleistung des doppelten Abiturjahrgangs hinter uns bringen. Dann steigen wir in die Vorbereitungen ein.

Mit welchem Anspruch an sich selbst übernehmen Sie die Präsidentschaft?

Niemand sollte Bildungspolitik neu erfinden wollen. Ich habe nur die Aufgabe, zwischen den Bundesländern zu koordinieren und auf Bundesebene Gespräche zu führen, auch bei strittigen Fragen.

Auch beim geplanten Bildungspaket für Kinder von Hartz-IV-Empfängern und Geringverdienern?

Ja. Ich plane, mich mit Frau von der Leyen über die Umsetzung des Bildungspakets zu unterhalten, um Detailfragen der Länder zu klären. Wir stimmen mit dem Bundesarbeitsministerium darin überein, dass kein zusätzlicher Verwaltungsaufwand in unseren Schulen entstehen darf, um Bildungsleistungen für Schüler aus sozial schwächeren Verhältnissen bereitzustellen. Aber die Bundesländer und Kommunen müssen in die Lage versetzt werden, die Umsetzung auch tatsächlich leisten zu können. Da gibt es noch Abstimmungsbedarf. Ebenso sehe ich Abstimmungsbedarf mit dem Bund bei der Finanzierung der Studienplätze für die bis zu 60.000 zusätzlichen Studierenden, die im Zuge der ausgesetzten Wehrpflicht geschaffen werden sollen. Zwar hat man sich offensichtlich darauf verständigt, die Kosten zu teilen, aber die Länder sollen die Mittel vorstrecken. Hier wären zur Deckung zusätzlicher Kosten unter Umständen auch Vorauszahlungen des Bundesanteiles sinnvoll.

Als KMK-Vorsitzender werden Sie sich auch mit der Bologna-Reform befassen müssen. Mecklenburg-Vorpommern hat den Diplom-Abschluss bei Ingenieuren wieder eingeführt.

Ich bin skeptisch, ob der von Mecklenburg-Vorpommern eingeschlagene Weg richtig ist. Er könnte gewertet werden, als wolle man Bologna rückgängig machen. Es gibt meines Erachtens keine bundesweite Tendenz, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Angesichts der geforderten Vergleichbarkeit der Abschlüsse ist es wichtig, dass wir zwar auch Schwächen des Bologna-Prozesses beheben, aber dann doch zukunftsgerichtet diskutieren. Zumal auch die Wirtschaftsvertreter ein unübersichtliches Geflecht von Abschlüssen ablehnen.

Die Wirtschaftsvertreter beklagen eine mangelnde Ausbildungsreife bei Jugendlichen. Was planen Sie da?

Bundesweit machen sieben Prozent eines Jahrgangs keinen Schulabschluss, knapp 20 Prozent brechen ihre Berufsausbildung ab. Wir müssen hier zwingend besser werden, auch angesichts des drohenden Fachkräftemangels. Alle Bundesländer unternehmen erhebliche Anstrengungen, um die Berufsorientierung in den Schulen zu stärken – wir auch: Die neue Oberschule wird eine starke Berufsorientierung bieten.

2009 befanden sich rund 350.000 Jugendliche im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung.

Hier gibt es erhebliche Staueffekte. Wir brauchen eine rasche Überprüfung der vielen Maßnahmen, die dort bestehen, eine Komprimierung auf die wirklich wirksamen und eine stärkere Abstimmung der einzelnen Programme aufeinander. Wir sollten zudem noch stärker auf regionale Fördernetzwerke zwischen Schulen und Wirtschaft setzen.

Liegt nicht doch ein Schatten auf ihrem Präsidentschaftsantritt – so kurz nachdem die Staatsanwaltschaft Akten wegen des Verdachts der Beschäftigung Scheinselbstständiger aus Ihrem Haus mitgenommen hat?

Nein, die Ermittlungen richten sich gegen unbekannt, nicht gegen einzelne Personen. Die Vorgänge reichen ins Jahr 2002 zurück. Wir werden alles daran setzen, dass der Sachverhalt schnellstmöglich aufgeklärt wird.

Interview: Marina Kormbaki

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