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„Althusmann hat nicht getäuscht“

Plagiatsaffäre „Althusmann hat nicht getäuscht“

Der Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Instituts für öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover, Professor Homburg, äußert sich zu Plagiatsvorwürfen gegen Kultusminister. Gegen den ermittelt die Uni Potsdam weiter wegen Täuschung.

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Stefan Homburg ist 50 Jahre alt, Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Instituts für öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover. Außerdem arbeitet er als Steuerberater. Seit 1996 war er in verschiedenen Gremien als Berater für die Bundesregierung tätig, wirkte in der Föderalismuskommission und im Rat für nachhaltige Entwicklung mit. Homburg hatte zeitweise auch Angela Merkel beraten, deren Kurs der Euro-Skeptiker heute kritisch sieht.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Herr Prof. Homburg, Sie haben die Doktorarbeit von Minister Althusmann gelesen. Hat er versucht zu täuschen? Hat er Formulierungen als seine dargestellt, die nicht seine waren?

Nein, einen Täuschungsversuch kann man ihm nicht nachweisen. Der Doktorgrad kann entzogen werden, wenn der Doktorand jemand bestochen oder getäuscht hat in dem Sinne, dass er Gedanken als seine ausgegeben hat, die vorher jemand anders formuliert hatte. Althusmann hat aber stets Fußnoten gesetzt und auf Quellen hingewiesen, sogar häufiger als eigentlich in der Wirtschaftswissenschaft üblich. Insofern besteht ein gewaltiger Unterschied etwa zum Fall Karl-Theodor zu Guttenberg, der eindeutig als ein Plagiat bezeichnet werden kann.

Althusmann hat häufig in seine Fußnoten „vergleiche“ geschrieben, dann aber fast wörtlich aus anderen Werken Passagen übernommen. Erweckt er damit nicht den Eindruck, dass der von ihm geäußerte Gedanke lediglich in ähnlicher Form auch in einer anderen Quelle zu finden ist? Hätte er nicht korrekt zitieren und die Übernahme von Texten mit Anführungszeichen kenntlich machen müssen?

In der Wirtschaftswissenschaft wird sehr häufig indirekt zitiert. Viele Verweise in Althusmanns Arbeit betreffen Aussagen in Lehrbüchern. Ich vertrete die Ansicht, dass er dort gar keine Quelle hätte angeben müssen, weil es sich um in der Wirtschaftswissenschaft gebräuchliches Wissen handelt. Ich selbst benutze selten den Hinweis „vergleiche“. In wirtschaftswissenschaftlichen Standardwerken wird das uneinheitlich gehandhabt, mal mit und mal ohne „vergleiche“. Es gibt hier keine allgemeinverbindlichen Regeln.

Hat er nicht fremde Formulierungen übernommen, obwohl doch seine eigenen gefragt gewesen wären?

Wer sich längere Zeit intensiv mit Literatur zu einer bestimmten Fragestellung beschäftigt, übernimmt automatisch einen Teil dieser Formulierungen für sich selbst. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, sofern auf Quellen hingewiesen wird. Das hat Althusmann getan, wie gesagt häufiger als nötig. Er hat seine Zitierweise fast an die der Juristen angelehnt, die viel öfter auch allgemeine Lehrbuchweisheiten mit Quellen belegen.

Aber wo bleibt dann die Eigenleistung von Althusmanns Arbeit – wenn diese überwiegend aus, wie auch immer kenntlich gemachten, Zitaten besteht?

Die „Zeit“ hat eine Analyse zu Althusmanns Arbeit veröffentlicht, die meiner Ansicht nach aus vielen Fragwürdigkeiten besteht. Da wird ihm etwa vorgehalten, über die Hälfte des Textes bestehe aus Zitaten. Über diese Kritik kann ich mich nur wundern. Die Wissenschaft ist ein sozialer Prozess, keine individuelle Einzelleistung. Wir stehen als Wissenschaftler immer auf den Schultern von Giganten. Wer der Meinung ist, die eigene Genialität erspare das Literaturstudium, der liegt verkehrt. Selbst wenn der Anteil von Zitaten in einer Arbeit 80 oder gar 90 Prozent betrüge, würde ich dies nicht als störend empfinden. Wir müssen uns vor der Vorstellung hüten, eine Doktorarbeit bestehe nur aus bahnbrechenden neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen wie einst der Entdeckung der Doppelhelix in der DNS-Struktur. Tatsächlich ist die Doktorarbeit nur ein Gesellenstück. Wer sie schafft, belegt damit, dass er konzentriert und diszipliniert ein komplexes Thema bearbeiten kann. Er muss keinen herausragenden wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn liefern.

Wie hoch ist denn der Erkenntnisgewinn in der Arbeit von Althusmann? Ist er nicht so gering, dass man Zweifel an seinem Doktortitel haben muss?

Die eigene gedankliche Leistung Althusmanns in seiner Arbeit ist offensichtlich als gering bewertet worden – sonst hätte er nicht nur eine schwache Note bekommen. Tatsache ist aber: Er hat die Voraussetzungen erfüllt und den Titel bekommen. Wenn man jetzt die Anforderungen an die Doktorarbeit erhöht, könnte man gleich Hunderte von Dissertationen einsammeln. Es ist aber unfair, im Nachhinein die Regeln zu verändern. Ein Titel kann aberkannt werden, wenn getäuscht wurde. Das ist hier offensichtlich nicht der Fall. Althusmann hat die Doktorprüfung bestanden und genießt jetzt Vertrauensschutz für seinen Titel.

Was erwarten Sie von der Uni Potsdam?

Ich halte es auf der Basis der Vorwürfe für vollkommen undenkbar, dass ihm der Doktorgrad entzogen wird. Die Streitschrift in der „Zeit“ verwendet eigentümliche Begriffe, spricht von „verschleiertem Kopieren“, „fremden Federn“, „Nebelbomben“ oder „ausgefransten Zitaten“. Das sind schwer nachvollziehbare Definitionen. Die Autoren verweisen auf angeblich klare Zitierregeln, deren Nachweis sie schuldig bleiben. Das ist mir in 30 Jahren Wissenschaft, davon 20 Jahre als Professor, noch nicht widerfahren.

Hält Althusmann die Debatte durch?

Auf keinen Fall sollte er voreilige Schlüsse ziehen und zurücktreten. Wenn sich sein Fall zu einem Sommertheater entwickelt und der Druck immer stärker wird, bekommt die Debatte vielleicht eine eigene Dynamik. Aber was geschähe, wenn Althusmann dem Druck nicht standhielte? Politiker aller Parteien wären aufgefordert, auf der Basis äußerst fragwürdiger Vorwürfe alle ungeliebten Politiker mit Doktortiteln abzuschießen. Und das nur, weil das öffentliche Bild vom Doktor offenbar ein falsches ist und viele mit überhöhten Anforderungen auftreten.

Interview: Klaus Wallbaum und Marina Kormbaki

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