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Niedersachsen Was wollen Sie in der Bildungspolitik ändern, Herr Tonne?
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15:56 19.11.2017
Der designierte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Quelle: dpa
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Sie wollen neuer Kultusminister werden - ist das nicht eigentlich der schwierigste und unbeliebteste Posten im Kabinett?

Diese Einschätzung teile ich nicht. Das ist eine der spannendsten Aufgaben, die man auf Landesebene haben kann: Wenn einem die Chance gegeben wird, Kultuspolitik zu gestalten. Denn in jeder Gemeinde, quer durchs Land, sieht man ganz unmittelbar, was man mit Bildungspolitik vor Ort bewirken kann.

Im Koalitionsvertrag steht, Sie wollen 1000 neue Lehrerstellen schaffen. Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt - wie wollen Sie Lehrer für den Schuldienst gewinnen?

Der Koalitionsvertrag ist ein Auftrag, den sich SPD und CDU für fünf Jahre geben wollen. Das ist nichts, was wir nach drei Monaten umgesetzt haben werden, das muss man schrittweise angehen. Wir müssen auf ganz vielen Ebenen Entscheidungen treffen, die die Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte angenehmer gestalten, die die finanzielle Vergütung erhöhen. Damit wollen wir den Beruf attraktiver machen. Es geht auch um die Frage: Was machen wir mit Studien- und Seminarplätzen, damit wir mehr Lehrer ausbilden können?

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Niedersachsen wird in Zukunft von einer Großen Koalition regiert. Diese Personen sollen Minister werden. 

Und so wollen Sie zu einer Unterrichtsversorgung von 100 Prozent kommen?

Ich selber werbe sehr dafür, dass wir unseren Blick mal von dieser sehr abstrakten Debatte von 100 Prozent lösen. Wir tun ja so: Bei 100,1 Prozent ist alles rosarot und bei 99,9 bricht alles zusammen. Es geht doch darum, dass Unterricht stattfindet, und nicht darum, dass wir Debatten über Zahlen führen.

Die Besoldungsstruktur für Lehrer soll laut Koalitionsvertrag überarbeitet werden. Was bedeutet das genau?

Wir haben inzwischen eine Reihe von Studien zur Arbeitsbelastung. Alle Seiten haben Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass unsere Lehrkräfte eine hohe Arbeitsbelastung haben. Man muss überprüfen, was wir tun können, um zu einer Entlastung zu kommen. Dazu gehört auch die Frage: Ist die Besoldungsstruktur eigentlich noch angemessen? Wir werden 2018 das erste Mal Lehrkräfte an Grund-, Haupt- und Realschulen haben, die die neue Ausbildung durchlaufen haben. Und wir haben gesagt, wir nehmen das zum Anlass, die Struktur insgesamt zu überprüfen.

Was wäre der erste Schritt?

Im Koalitionsvertrag haben wir ja schon gesagt, dass wir als ersten Schritt die Stellen von Grundschulleitern an kleinen Grundschulen auf die Besoldungsstufe A13 anheben wollen. Das ist ein deutlicher Unterschied und eine Wertschätzung. Wir wollen das Thema aber vernünftig mit den Verbänden abstimmen.

Das Stichdatum für die Einschulung soll künftig flexibel gestaltet werden. Was soll das heißen?

Wir haben eine Petition im Landtag von nahezu 20 000 Unterzeichnern, die gefragt haben: Warum haben wir diese starre Stichtagsregelung? Der Einschulungsstichtag ist im Laufe der Jahre so nach hinten verlegt worden, dass die Kinder bei der Einschulung immer jünger geworden sind. Das ist für einige gut, für andere aber schlecht. Wir wollen den Schulen mehr Entscheidungsspielraum geben. Ein fünfjähriges Kind ist nicht immer so weit wie ein anderes Kind in dem Alter. Künftig können die Schulen sagen: Es gibt hier einen Korridor, in dem Rahmen bewegen wir uns. Und dann können die Schulen mit den Eltern und den Landkreisen entscheiden.

Zur Person

Grant Hendrik Tonne (41) ist designierter niedersächsischer Kultusminister. Der Jurist aus Nienburg (Weser) war bislang Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Er ist Vater vier Kindern - davon sind drei im schulpflichtigen Alter. 

Inklusion war ein großes Thema im Wahlkampf. Sie wollen jetzt dort, wo es die Förderschule Lernen noch gibt, den Schulträgern ermöglichen, diesen Schultyp vier Jahre weiter laufen lassen. Was ist der Sinn dieser Regelung?

Um jedes Misstrauen rauszunehmen: Jedes Kind in Niedersachsen, das inklusiv beschult werden möchte, wird inklusiv beschult. Alles, was wir verhandelt haben, heißt nicht, dass Inklusion ausgesetzt oder verlangsamt wird. Wir sind uns in der neuen Koalition mit der CDU einig: Wir wollen Inklusion. Wir tragen nur der unterschiedlichen Entwicklung in den Regionen Rechnung. Die neue Regelung ist Teil eines Baukastens für die Schulträger. Wir haben gesagt: Ihr könnt die Möglichkeit verlängern, für den Sekundarbereich I die Förderschule Lernen anzuwählen. Wenn der Schulträger das möchte, muss er darlegen, wie der Weg zu einer inklusiven Schule aussehen soll.

Haben Sie ausgerechnet, wie viel die verlängerte Laufzeit für die Förderschulen kosten wird?

Eine Berechnung ist schwierig, man kann derzeit nur schätzen, wie viele Schulträger von der Regelung Gebrauch machen und an der Förderschule Lernen festhalten werden. Alle sind sich dessen bewusst, dass das eine richtige Stange Geld kosten wird. Das detailgenau auszurechnen, ist eine Aufgabe, die wir sofort nach dem Antritt der neuen Landesregierung umsetzen müssen.

Was waren Sie eigentlich selber für ein Schüler? Sind sie mal sitzengeblieben?

Sitzengeblieben bin ich nicht. Ich habe ein ganz solides Abitur gemacht. Meine starken Fächer waren die Naturwissenschaften - Mathematik und Biologie waren meine Leistungskurse. Fremdsprachen waren etwas schwieriger. Das lag daran, dass ich beim Vokabellernen in der 7./8. Klasse vielleicht intensiver hätte lernen müssen. 

Interview: Doris Heimann/dpa

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