Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Land setzt Antibiotika-Kontrolleure ein
Nachrichten Politik Niedersachsen Land setzt Antibiotika-Kontrolleure ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 20.02.2015
Junge Putenküken am Futterspender. Quelle: Carmen Jaspersen
Anzeige
Hannover

Bis zum Jahr 2020 will die Landesregierung den Antibiotika-Verbrauch in der Tiermast um mindestens die Hälfte reduzieren – und darüber auch die Kontrolle behalten. Am Dienstag verabschiedete das Kabinett eine Verordnung, wonach beim Landesamt für Verbraucherschutz (Laves) in Oldenburg 25 neue Stellen für Antibiotika-Kontrolleure eingerichtet werden. Zuvor hatten die Kommunen gefordert, die Kontrollen den Landkreisen zu überlassen, deren Kreisveterinärämter ohnehin für den Tierschutz in den Ställen zuständig sind. Auch Innenminister Boris Pistorius (SPD) hatte diese Position in der gestrigen Kabinettssitzung noch einmal wiederholt. „Wir haben uns letztlich aber für die Übertragung der Aufgabe an das Laves entschieden“, sagte Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne). Damit solle Kompetenz gebündelt werden.

Die 25 Kontrolleure, überwiegend Tierärzte, sollen ab August in Betriebe gehen, die zuviele Antibiotika verbrauchen, um diese zu beraten. Finanziert werden sollen sie über Gebühren, maximal 500 Euro pro Kontrolle. Der Hintergrund ist, dass ein Bundesgesetz seit Sommer 2014 von Tierhaltern wie Tierärzten verlangt, in einer bundesweiten Datenbank einzugeben, wieviele Antibiotika sie einsetzen. Die Zahlen des ersten halben Jahres seien noch nicht ausgewertet, aber die Tendenz sei absehbar, so Meyer: Rund 856 Tonnen Antibiotika gehen jährlich in Niedersachsen und einigen benachbarten Landkreisen in die Tiermast. Studien hätten gezeigt, dass 92 Prozent aller Masthähnchen in ihren 30 bis 40 Tagen Lebenszeit mit Antibiotika behandelt worden seien, ein Viertel sogar mit bis zu acht Präparaten.

Als Ursache für diese Entwicklung vermutet Meyer vor allem zwei Umstände: Zum einen würde in Großstallanlagen der ganze Bestand mit Antibiotika versorgt werden, wenn nur einzelne Tiere krank seien. Und Tierärzte hätten in Deutschland das Recht die Medikamente wie Apotheker zu verkaufen.

Das Bundesgesetz sieht ein so genanntes Benchmarking vor: Den Betrieben wird keine Antibiotika-Höchstgrenze gesetzt, statt dessen muss das Viertel mit dem höchsten Verbrauch besser werden. Das entspräche in Niedersachsen 5000 bis 7000 Betrieben, die dann aufgefordert würden, ein Konzept vorzulegen, wie sie den Verbrauch reduzieren wollen, so Meyer. Reagieren sie auf die Aufforderung nicht, drohen ihnen Sanktionen bis hin zur Betriebsschließung.

Der Präsident des niedersächsischen Landvolks, Werner Hilse, kritisierte das pauschale Ziel der Reduzierung um 50 Prozent. „Unsere Betriebsleiter haben bereits bisher Antibiotika nur nach entsprechender Diagnostik und Anordnung der Tierärzte an ihre Nutztiere gegeben“, sagte Hilse. Zu befürchten sei, dass  die Zahl resistenter Keime zukünftig sogar noch steigen werde, beispielsweise durch vorzeitig abgebrochene Behandlungen.

Das Unheil durch die Heilmittel

Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin gilt als Grund für die Zunahme multiresistenter Keime. Gegen diese Erreger sind einfache Antibiotika oft machtlos, sie können daher zu einer tödlichen Gefahr vor allem für Krankenhauspatienten werden. Um diese Entwicklung zu stoppen, fordert die niedersächsische Landesregierung, Antibiotika der dritten und vierten Generation, so genannte Reserve-Antibiotika, für die Tiermedizin zu verbieten. Dafür hat sich bislang aber noch keine Mehrheit auf Bundesebene gefunden.

Vorbild im Kampf gegen multiresistente Keime sind die Niederlande. Hier ist es mithilfe einer zentralen Datenbank gelungen, den Antibiotika-Einsatz in der Tiermast deutlich zu reduzieren. Außerdem werden in Holland Risikopatienten in Kliniken bereits seit den 1980er Jahren isoliert. Schweinehalter werden als Risikopatienten angesehen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Was wollen wir künftig essen? Was erwarten wir von der Qualität unserer Lebensmittel? Und wie soll das bezahlt werden? Im ausverkauften HAZ-Forum haben Leser ihre Fragen zum Thema Verbraucherschutz an Landwirtschaftsminister Christian Meyer und weitere Gäste gestellt.

30.01.2015
Der Norden Jahreshauptversammlung in Hannover - Landvolk Niedersachsen schimpft auf Minister Meyer

Die jährliche Hauptversammlung des Landvolks war für einen Landwirtschaftsminister in Niedersachsen bislang ein Pflichttermin. Doch das Fehlen von Christian Meyer am Mittwoch nutzte der wiedergewählte Landvolk-Präsident Werner Hilse dennoch zu Kritik an der Landesregierung.

06.12.2014
Niedersachsen Agrarminister spricht mit Landwirten - „Dem Minister fehlt es an Respekt“

Landwirte und Landesregierung verstehen sich derzeit so schlecht wie lange nicht. Auch ein Spitzengespräch konnte die Wogen nicht glätten. Jetzt kursiert ein Brief von Landvolkpräsident Werner Hilse an seine Kreisvorsitzenden, in dem er sich auf vier Seiten bitterlich über Agrarminister Christian Meyer beklagt.

Karl Doeleke 10.10.2014

Der Landesschülerrat will weitere Demonstrationen organisieren, wenn es nicht bald zu einer Einigung über die an vielen Gymnasien in Niedersachsen gestrichenen Klassenfahrten kommt. Lehrer weigern sich, auf Klassenfahrt zu gehen, weil sie seit Sommer eine Stunde mehr unterrichten müssen.

17.02.2015
Niedersachsen Nach Anschlagsdrohung in Braunschweig - Pistorius sieht Terrorgefahr noch nicht gebannt

Nach der Absage des Braunschweiger Karnevalsumzugs wegen eines möglichen Terroranschlags gibt Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) noch keine Entwarnung. Er mache schon seit Monaten aufmerksam auf eine „abstrakte Gefahrenlage, die jederzeit im Einzelfall und mit Einzeltätern in eine konkrete Gefahr umschlagen kann.“

Michael B. Berger 19.02.2015
Niedersachsen Boris Pistorius zur Terrordrohung - „Wir hatten belastbare Hinweise“

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius will weiterhin keine Details zur Terrordrohung nennen, die am Sonntag zur Absage des Braunschweiger Karnevalsumzug geführt hatte. „Wir hatten belastbare Hinweise“, sagt Pistorius am Montag im Interview mit der HAZ und fordert zur Solidarität mit „den friedlichen Moslems“ auf.

19.02.2015
Anzeige