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Antibiotikaeinsatz

Resistente Keime im Umkreis von einem Kilometer

In der Tiermast in Niedersachsen werden nahezu flächendeckend Antibiotika eingesetzt. Zur Gefahr für die Gesundheit könnten dabei resistente Keime werden. Diese breiten sich bis zu einem Kilometer rund um die Großmastanlagen aus und können mit Antibiotika nicht mehr beherrscht werden.

Foto: Nicht nur in der Hähnchenmast: Antibiotika werden in fast jedem Maststall eingesetzt.

Nicht nur in der Hähnchenmast: Antibiotika werden in fast jedem Maststall eingesetzt.

© dpa

Als die Linke Marianne König vor vier Wochen an das Rednerpult im Landtag trat, da brach ein kleiner Tumult im Plenum aus, dabei hatte König noch kein Wort gesagt. Woher die „anhaltende Unruhe“ rührte, ist im Protokoll der Sitzung nicht verzeichnet. Naheliegend ist, dass sie mit dem Gegenstand der Dringlichen Anfrage zusammenhing, die die Linke an die Landesregierung richten wollte: „Wie viel Antibiotika kommen in der Fleischproduktion zum Einsatz?“, wollte König wissen.

Zuvor war eine Studie aus Nordrhein-Westfalen bekannt geworden, wonach in der Hähnchenmast in 83 Prozent der überprüften Durchgänge Antibiotika verabreicht wurden. Der Befund löste auch heftige Reaktionen im Parlament in Niedersachsen aus. Landtagspräsident Herman Dinkla (CDU) rief den erregten Teil der Abgeordneten auf, den Saal zu verlassen. Die Damen und Herren könnten ja zurückkommen, „nachdem sich der Adrenalinspiegel gesenkt hat“, schlug Dinkla vor.

Überraschend für viele kam dann, dass Agrarminister Gert Lindemann (CDU) in seiner Antwort für die Hähnchenmast in Niedersachsen genau so hohe Werte bekannt gab: In 83 Prozent der Ende 2010 überprüften Mastdurchgänge in Niedersachsen wurden antimikrobiell wirksame Medikamente eingesetzt. In 27 Prozent der Fälle erhielten die Tiere in ihrem nur etwa 35 Tage dauernden Leben sogar bis zu acht verschiedene Antibiotika verabreicht.

Vier Wochen später weiß man: Der Antibiotika-Einsatz beschränkt sich nicht allein auf die Hähnchenmast. In fast allen Ställen des Landes kommen die Medikamente zum Einsatz – ob in der Schweine-, Puten- oder Rindermast. Mastkälber erhalten laut Agrarministerium sogar flächendeckend Antibiotika.

Kritiker der Massentierhaltung sehen einen Zusammenhang zwischen intensiver Tierhaltung und dem Problem zunehmend resistenter Keime, die mit Antibiotika nicht mehr beherrscht werden können. Hermann Focke, früher als Amtsveterinär im Kreis Cloppenburg für die Kontrolle der Mäster zuständig, sagt: „Die insbesondere als Mastbeschleuniger illegal eingesetzten Antibiotika verursachen bei Infektionserregern auf Dauer Resistenzen gegen die verabreichten Medikamente.“ Der mit dem Tierschutz-Forschungspreis der Freien Universität Berlin ausgezeichnete Veterinär hat ein Buch darüber geschrieben: „Die Natur schlägt zurück – Antibiotikamissbrauch in der intensiven Nutztierhaltung und Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt“ heißt es.

Laut einer neuen Studie der niederländischen Universität Utrecht treten gegen Antibiotika resistente Bakterienstämme, sogenannte MRSA-Krankenhauskeime, auch im Umkreis von einem Kilometer Entfernung von Großmastanlagen noch in der Außenluft auf. In Niedersachsen stehen solche Mastställe oft sehr nah an Wohnsiedlungen. Auch Lindemann betrachtet die Entwicklung von Resistenzen bei Krankenhauskeimen durch Antibiotika mit Sorge. „Je häufiger sie eingesetzt werden, desto erfolgreicher können sich die Keime darauf einstellen.“

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