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Niedersachsen Aygül Özkan ist aus dem Rampenlicht verschwunden
Nachrichten Politik Niedersachsen Aygül Özkan ist aus dem Rampenlicht verschwunden
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00:15 01.09.2016
Von Michael B. Berger
„Ich bin zu einer Art Symbol geworden – für die Aufstiegschancen von Moslems“: Heute arbeitet die frühere niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan in Berlin. Quelle: Foto: privat
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Hannover

Sie war die erste deutsche Muslima im Ministerrang – und das Medienecho auf die Ernennung Aygül Özkans zur niedersächsischen Sozialministerin war gewaltig. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hatte die Hamburgerin mit türkischen Wurzeln am 27. April 2010 als Nachfolgerin von Mechthild Ross-Luttmann berufen – und Fotografen und Reporter aus der gesamten Republik scharten sich um die junge Frau, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Landtag erschienen war. Das sei schon eine aufregende Zeit gewesen, sagt Özkan heute, die in Berlin als eine von mehreren Geschäftsführern ein Tochterunternehmen der Deutschen Bank leitet. Mit immerhin 2500 Beschäftigten. Ob das ein großer kultureller Sprung für sie gewesen sei – von der Politik in die Wirtschaft? „Nein, ich habe ja vor dem Wechsel in die Politik in der Wirtschaft gearbeitet“, sagt die heute 45 Jahre alte Juristin.

Neu für Aygül Özkan in Hannover war damals, dass plötzlich die Religion eine überaus wichtige Rolle einnahm – zumindest in der Außensicht und in den Fragen, die an sie herangetragen wurden. Spielte früher eher der Migrationshintergrund der in den Sechzigerjahren nach Hamburg gelangten Familie Özkan eine Rolle, so jetzt die Religion. Dabei stammt die Christdemokratin aus einer sehr liberalen muslimischen Familie, hat etwa beim Ramadan nicht gefastet. Aber sie findet im Glauben auch Stärke, sagt sie. Und sie hat mit dem Bekenntnis dazu im niedersächsischen Landtag großes Aufsehen erregt. Als sie nämlich bei der Vereidigung die Formel „So wahr mir Gott helfe“ verwendete. Özkan begründete ihre Verwendung der Gottesformel später damit, dass es schließlich auch im Islam den einen Gott gebe, den Christen, Moslems und Juden als den „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ verehrten. Dass sie ihr Verhalten überhaupt begründen musste, zeigte die Unkenntnis derer, die sie kritisierten. „Ich bin damals zu einer Art Symbol geworden – für die Aufstiegschancen von Moslems“, sagt sie heute.

Viele Fragen, die damals an sie herangetragen wurden, zeigten, wie fremd vielen Menschen in Niedersachsen der Islam war. Für zusätzliche Aufregung nach ihrer überraschenden Berufung sorgte ein Zeitungsinterview Özkans, in dem die Hamburgerin erklärte, am liebsten gar keine religiösen Symbole in Schulen sehen zu wollen. Da murrten plötzlich die CDU-Abgeordneten aus dem katholischen Emsland. Und Landesvater Wulff bemühte sich klarzustellen, Frau Özkan habe lediglich ihre persönliche Meinung kundgetan. „Ich habe in dem Interview nur für die Schule als weltanschaulich neutralen Ort geworben“, sagt die Hamburgerin. Und auch heute möchte sie keine bis auf einen Sehschlitz verhüllte Lehrerin im Nikab vor den Schülern sitzen sehen. Grundsätzlich sollte so etwas im Berufsleben ausgeschlossen bleiben. Von einem generellen Vermummungsverbot im öffentlichen Raum hält sie indes nichts. „Das stößt ganz klar auf verfassungsmäßige Vorbehalte“, sagt die Juristin. „Und im Übrigen: Wie wollen Sie so etwas denn praktisch durchsetzen, etwa bei Touristinnen aus Saudi-Arabien, die durch München, Garmisch-Partenkirchen oder auch Hannover flanieren und einkaufen wollen? Das geht doch gar nicht.“

Zum Flanieren kommt Özkan, die seit gut zwei Jahren in Berlin arbeitet, in ihrem neuen Job kaum. In der Woche arbeitet sie in Berlin, am Wochenende pendelt sie regelmäßig nach Hamburg, wo ihre Familie nach wie vor lebt. Doch hin und wieder kommt sie auch nach Hannover zurück, ihre Wahlheimat für vier Jahre. Hier hat sie nicht nur Freunde zurückgelassen, sondern auch ein Frauen-Netzwerk. In dem sitzen Bankerinnen und Politikerinnen aus allen Parteien. Özkan, ein überaus kommunikativer und herzlicher Mensch, hat es schon immer verstanden, über Parteigrenzen zu wirken. Die Stadt Hannover habe, sagt sie rückblickend, genau die richtige Größe, um solche Netzwerke auch zu pflegen.

Im neuen Job ist die Religion noch nie Thema gewesen. Dass man aus verschiedenen Ländern kommt, ist das Normale. „Wir haben Mitarbeiter aus 52 Nationen, da spielt das Religiöse keine Rolle“, sagt Aygül Özkan. Sie genießt es, jetzt nicht mehr so im öffentlichen Fokus zu stehen wie früher als Ministerin. Heute äußert sie sich nur noch zu politischen Themen, wenn sie es will. Denn trotz des beruflichen Rückzugs aus der Politik bleibe sie, sagt Özkan, „ein durch und durch politischer Mensch“.

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