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Bleibt der Atommüll für immer in der „Turnhalle“?

Endlagersuche Bleibt der Atommüll für immer in der „Turnhalle“?

Hoch radioaktiver Atommüll ist derzeit an über 16 Standorten in der ganzen Republik verteilt. Vielfach ist der Müll nur schwach geschützt – nicht nur Kernkraftgegner sprechen von „besseren Turnhallen“. Indes glaubt man in hannoverschen Reihen nicht, dass bis 2050 ein Endlager zur Verfügung steht.

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Im Wartestand: In Castoren soll hoch radioaktiver Müll 40 Jahre lang sicher lagern. Experten meinen jetzt aber, dass die Sicherheitsnachweise auf eine Frist von 80 Jahren erhöht werden müssten. Ob die Behälter das durchhalten?

Quelle: dpa

Hannover. „Die Uhr tickt“, sagt Ralf Güldner, Eon-Manager und Präsident des Deutschen Atomforums. Von einem Problem, das gelöst werden müsse, spricht Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel. In einem sind sich der Atommanager und der Grünen-Politiker völlig einig: Über die Zukunft der atomaren Zwischenlager muss man sich verschärft Gedanken machen. Denn aus einem Provisorium könnte rasch ein Problem werden.
Über 16 Standorte ist derzeit hoch radioaktiver Müll in der gesamten Bundesrepublik verteilt. Der bekannteste Standort ist das Zwischenlager Gorleben. Es liegt unweit des Gorlebener Salzstocks, der früher als atomares Endlager auserkoren war. In Gorleben lagern 113 Castorbehälter, ausgelegt ist die offene Halle indes für 420 Behälter. Das ist ein knappes Viertel der gesamten brisanten Fracht, die Jahrzehnte zwischengelagert werden muss, damit sich der hoch radioaktive Müll erst einmal von 400 auf 200 Grad abkühlt.

Ehrgeizige Ziele der Bundesregierung

Ein Großteil der heißen Fracht liegt derzeit direkt an den Kernkraftwerken – Folge des ersten Ausstiegsbeschlusses der früheren rot-grünen Bundesregierung aus dem Jahr 2000 und des Verbots der Wiederaufarbeitung des Atommülls. Für 40 Jahre wurden diese neuen Zwischenlager genehmigt. Vielfach sind sie nur schwach geschützt – nicht nur Kernkraftgegner sprechen von „besseren Turnhallen“, von denen manche etwa bei einem Flugzeugabsturz kaum Sicherheit böten.

„Diese 40 Jahre waren auch ein politisch beschlossener Zeitraum“, sagt Atommanager Güldner. Er wisse indes nicht, ob der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin erwartet habe, dass bis zu diesem Zeitraum auch ein Endlager eröffnet werden könne, das den Müll aufnehmen könnte.

Die amtierende Bundesregierung verfolgt reichlich ehrgeizige Ziele. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bekräftigt stets, dass bis 2031 ein neuer Standort ausgeguckt werden soll. Der könnte dann 2050 eröffnet werden. Dann bräuchte man, so die Logik des Bundesumweltministeriums, die derzeit noch bestehenden Genehmigungen für die Zwischenlager nur zu verlängern. Doch lagerübergreifend gibt es an dieser Planung sehr große Zweifel.

Symposium in Hannover

„Man braucht eine vernünftige Anschlusslösung“, sagt etwa Jan Backmann, Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Kieler Umweltministerium, auf einem Symposium in Hannover. „Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit dem Endlager, aber für die Bevölkerung sind die Zwischenlager wesentlich greifbarer.“ Auch der Hannoveraner Wenzel glaubt nicht, dass bereits 2050 ein Endlager zur Verfügung steht.

„Auch wenn das nicht jeden in Niedersachsen freut, bin ich der Ansicht, dass wir in Gorleben ein geeignetes Zwischenlager haben, das rein technisch betrachtet voll aufnahmefähig ist, aber im Standortauswahlgesetz mit einem Nebensatz aus dem Rennen gekippt worden ist“, sagt Atommanager Güldner – und trifft damit auf erwartbaren Widerspruch des niedersächsischen Umweltministers Wenzel.

Der will verhindern, dass sich die Berliner Überlegungen wieder auf ein einziges großes Zwischenlager konzentrieren, das möglichst nah an einem künftigen Endlager liegen sollte. „Mit der vorzeitigen Auswahl eines Zwischenlagers wären zusätzliche Konflikte erneut programmiert“, sagt Wenzel der HAZ.

Der Kieler Fachmann Backmann schlägt mit seinem Minister Robert Habeck eine „konsolidierende Zwischenlagerung“ vor, die sich auf drei bis fünf Standorte in der Bundesrepublik verteilt. Diese Zwischenlager müssten mit „heißen Zellen“ ausgestattet sein, die es ermöglichen, die Castortransportbehälter auch zu öffnen, etwa um mürbe gewordene Dichtungen an den Behältern zu ersetzen oder den Müll zu konditionieren. „Das Jahr 2016 sollte einige Weichenstellungen bringen“, sagt Güldner. „Der Atomausstieg ist beschlossen, der hoch radioaktive Müll da. Nun brauchen wir einen dritten Konsens in der Entsorgungsfrage, um das Problem nicht wieder auf spätere Zeiten zu verschieben.“ Zumindest in diesem Punkt scheint der Atommanager von dem Grünen Wenzel nicht völlig weit entfernt. „Das Thema Zwischenlagerung wird die Debatte in den nächsten Jahrzehnten noch stärker bestimmen.“     

Auch die Castoren altern

Hoch radioaktive Fracht wird in Deutschland in Castoren gelagert – das sind Spezialbehälter, die nicht nur extrem hohe Temperaturen verkraften müssen, sondern auch die Explosion eines Flüssiggas-
Tankwagens direkt nebenan. Der Begriff Castor steht für das englische „cask for storage and transport of radioactive material“. Allerdings sind auch die stahlharten Castoren endlich, wie der Physiker Wolfgang Neumann von Intac Hannover auf einem Symposium erläuterte. Probleme könnte die Alterung der Behälterdeckeldichtungen bereiten, sagt der Physiker. Bisher werde für diese Dichtungen ein Nachweis für 40 Jahre verlangt. Man brauche wohl aber Sicherheitsnachweise für weitere 40 Jahre. Ein Austausch der Dichtungen könne nur in besonders abgesicherten Räumen geschehen, in sogenannten heißen Zellen.

Die Castoren wurden auch zum Sinnbild des Streits um die Zukunft der Kernenergie, weshalb die Atomtransporte von der Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague ins Zwischenlager Gorleben besonders umstritten waren. Der letzte Castortransport fand im Jahr 2011 statt.     

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