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Niedersachsen Bundespräsident Wulff und sein türkischer Amtskollege in Osnabrück
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21:51 20.09.2011
Mit offenen Armen: Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode begrüßt den türkischen Präsidenten Abdullah Gül und Bundespräsident Christian Wulff. Quelle: dpa
Osnabrück/Berlin

Als die beiden Staatspräsidenten unter viel Beifall die Aula der Universität Osnabrück betreten, erhebt sich auch Gülsen Altiner von ihrem Stuhl in der letzten Reihe. Die junge Frau aus Hannover-Linden schaut zufrieden zu, wie Bundespräsident Christian Wulff den türkischen Präsidenten Abdullah Gül nach vorn geleitet. Wulff will seinem Amtskollegen in der eigenen Heimatstadt zeigen, was die Universität unternimmt, um den Islam als Teil des deutschen Wissenschaftsbetriebes zu etablieren. Gülsen Altiner, die selbstbewusst ihr helles Kopftuch trägt, ist da ein gutes Beispiel: In wenigen Tagen wird sie an der Osnabrücker Uni einen Weiterbildungskurs für Imame und andere islamische Seelsorger in Niedersachsen beenden. „Es ist eine Anerkennung, dass wir hier sein dürfen“, sagt die Muslimin.

Anerkennung und Lob gibt es auch vom Präsidenten aus der Türkei: 4,5 Millionen Muslime lebten in Deutschland, zahlten hier ihre Steuern und viele von ihnen würden als deutsche Staatsbürger an den Wahlen teilnehmen, rechnet Abdullah Gül vor. „Sie gehören zu Deutschland.“ Umso mehr freue er sich über den Ausbau des Osnabrücker Zentrums für interkulturelle Islamstudien. Vor allem die Ausbildung von islamischen Religionslehrern liegt Gül am Herzen. Muslime in Deutschland sollten die deutsche Sprache „perfekt beherrschen“ und ihre eigene Religion von verantwortungsvoll ausgebildeten Lehrern vermittelt bekommen, sagt der Präsident. „Dann können sie auch einen Beitrag für dieses Land leisten.“ Dem Zentrum an der Osnabrücker Universität verspricht Gül die Unterstützung der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet.

Gerade diese Zusage ist für die beiden Osnabrücker Professoren Bülent Ucar und Rauf Cylan besonders wichtig. Denn der lange Arm der Diyanet-Behörde reicht bis in viele der Moscheen in Deutschland. Den Besuch und das Lob des türkischen Präsidenten versteht Professor Cylan deshalb auch als ein Signal „in Richtung der türkischen Community hier in Deutschland“. Die Ambitionen der Osnabrücker Universität finden dort bisher nicht durchweg Zustimmung. Gerade unter den Abgesandten von Diyanet in Deutschland gab oder gibt es Skepsis. Umso wichtiger, dass Professor Ucar den beiden Präsidenten nun vom Ausbau des Instituts berichten konnte: „Hier entsteht mit sieben Professuren eines der größten Zentren für Islamstudien in Deutschland.“ Das Ziel: Künftig sollen die Imame, also die islamischen Prediger, ihr komplettes Studium in Deutschland absolvieren können.

Christian Wulff hat in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident den Ausbau des Zentrums an der Universität gefördert. Das haben ihm die Wissenschaftler am Dienstag gleich mehrfach bescheinigt. In der Universitätsaula erinnert der Bundespräsident nun auch an die Bedeutung dieses Engagements für christliche Minderheiten in anderen Ländern: „Wenn wir selbst vorbildhaft mit religiösen Minderheiten umgehen, dann können wir weltweit auch besser für die Rechte religiöser Minderheiten eintreten“, sagt Wulff unter Hinweis auf das Schicksal verfolgter Christen in Pakistan und im Irak, aber auch auf Probleme von Christen in der Türkei.

Vor Güls Abreise aus Berlin ist dort die bis dahin freundliche Atmosphäre des Staatsbesuch einer geschäftsmäßigen Tonlage gewichen. Nach türkischen Medienberichten hat der Visite am Vorabend sogar ein Eklat gedroht: Denn wegen der anonymen Bombendrohung will die deutsche Seite zunächst Güls Rede in der Berliner Humboldt-Universität aus Sicherheitsgründen absagen, was der türkische Präsident schroff zurückgewiesen haben soll: „Entweder halte ich diese Rede“, wird er zitiert, „oder ich kehre sofort in die Türkei zurück. Die Ansprache hat schließlich mit zweistündiger Verspätung begonnen. Der türkische Präsident macht den Berichten zufolge Anhänger der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK für die Bombendrohung verantwortlich. „Ich werde mich aber nicht dem Terror beugen.“

Am Dienstag hat sich die Lage nach außen hin wieder entspannt, Harmonie will sich aber auch beim Treffen Güls mit Kanzlerin Angela Merkel nicht einstellen. Nach dem Gespräch heißt es aus deutschen Regierungskreisen, man habe „die ganze Bandbreite der deutsch-türkischen Beziehungen erörtert“. Beim umstrittenen Thema des türkischen EU-Beitritts hätten beide Seiten ihren Standpunkt dargelegt, was nichts anderes bedeutet, als dass es keine Übereinstimmung gibt. Gül hatte am Montag bereits zum Auftakt seines Staatsbesuchs den Wunsch seines Landes nach einer Vollmitgliedschaft in der EU bekräftigt. Merkel hat der Türkei hingegen nur eine „strategische Partnerschaft“ angeboten, die die Türkei ablehnt.

Im Flugzeug von Berlin nach Osnabrück erfahren Abdullah Gül und Christian Wulff von dem schweren Bombenanschlag in Ankara. In Osnabrück spricht der Bundespräsident seinem türkischen Amtskollegen und den Angehörigen der Opfer in der Türkei öffentlich seine Anteilnahme aus. Gül selbst verurteilt den Terrorismus scharf. Der Ort für diese Bekundungen hätte nicht besser gewählt sein können: Beide Präsidenten stehen zu diesem Zeitpunkt im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses, in dem 1648 protestantische und katholische Fürsten nach dem Dreißigjährigen Krieg Frieden geschlossen haben – eine Symbolkraft, an die Osnabrücks Oberbürgermeister Boris Pistorius die Gäste zuvor erinnert hat.

Wie fern die Türkei diesem Frieden immer noch ist, muss Präsident Gül später noch auf Osnabrücks Rathausplatz erleben. Von dort dringen die Rufe kurdischer Demonstranten bis in die Fenster des historischen Rathauses vor. Lautstark fordern die Protestierenden Freiheit für den Kurdenführer Abdullah Öcalan, der auf der türkischen Gefängnisinsel Inrali inhaftiert ist. Erst als die Polizei auf Wunsch der türkischen Sicherheitskräfte die Demonstranten abdrängt, verschwinden die Plakate mit den Fotos getöteter Kurden. Die Plätze vorn am Absperrgitter nehmen nun die Anhänger des Präsidenten mit ihren roten Nationalfähnchen, Stern und Halbmond ein – ein Chor aus widerstreitenden „Öcalan“- und „Turkiye“- Rufen begleitet die Präsidenten noch auf ihrem Weg vom Rathaus zur benachbarten Marienkirche.

Bernhard Remmers und Reinhard Urschel

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