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Niedersachsen "Manche haben eine große Wut"
Nachrichten Politik Niedersachsen "Manche haben eine große Wut"
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00:15 24.07.2016
Von Michael B. Berger
Christian Hantel beschäftigt sich mit der Radikalisierung islamischer Jugendlicher. Quelle: Samantha Franson
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Herr Hantel, Sie befassen sich in Niedersachsen beruflich mit jungen Moslems, die sich radikalisieren. Glauben Sie, dass die Terrororganisation IS hinter dem Amoklauf in Würzburg steckt?

Das werden die Ermittlungen zeigen. Fest steht, dass der IS eine Doppelstrategie fährt. Das sind zum einen minutiös geplante größere Anschläge, die auch koordiniert sind, das andere sind „kleinere“ Anschläge von Menschen, die sichselbst radikalisiert haben. Das kann durch einen sogenannten Tipping Point passieren, beim Würzburger Amoklauf kann es sehr gut sein, dass die Nachricht vom Tod eines guten Freundes in Afghanistan den jungen Mann zu dieser fürchterlichen Übersprungshandlung veranlasst hat. So, wie es derzeit aussieht, hat der Würzburger Täter keine klassische Radikalisierung hinter sich.

Aber es gibt Videos von ihm, die der IS verbreitet ...
So ein Video kann man schnell hochladen. Der IS hat ohne Zweifel die Fähigkeit, solche Taten für sich zu vereinnahmen – im Sinne seiner Doppelstrategie. Der Amoklauf in Würzburg oder die Terrorfahrt in Nizza bleiben nicht ohne Folgen. Sie können eine Wirkung bei labilen, unsicheren Menschen erzeugen. Das ist ein neues Phänomen, dass sich Menschen, die sich in einer persönlichen Krise befinden, zu solchen Gewalttaten hinreißen lassen, die politisch in gewisser Weise verklärt werden.

Fürchten Sie, dass es zu Nachahmer-Taten kommt?
Ja, ohne Zweifel. Die große mediale Aufmerksamkeit kann andere verführen, auf diesen „Todes-Zug“ mit aufzuspringen, und sie zu Nachahmertaten verlocken. Wir sind da mit einem neuen Phänomen konfrontiert. Manche der Täter sind gar keine besonders gläubigen Moslems, erfahren aber durch den Islam oder auch die IS-Propaganda plötzlich eine Identität, die sie aufwertet.

Sie haben vielfach mit unbegleiteten Jugendlichen zu tun. Muss man jetzt vor diesen Flüchtlingen Angst bekommen?
Nein, das wäre in mehrfacher Hinsicht falsch. Zum einen bin ich fest überzeugt, dass der Amoklauf von Würzburg ein Einzelfall ist. Zum anderen will der IS doch genau diese Wirkung erzeugen, er will Unsicherheit schaffen, er will, dass es zu einem Riss in unserer Gesellschaft kommt, dass Flüchtlinge ausgegrenzt werden.

Aber kommen nicht viele Jugendliche beschädigt durch fürchterliche Fluchterlebnisse zu uns?
Ja, aber das heißt noch längst nicht, dass sie zu Gewalttätern werden. Viele der Jugendlichen haben auf ihrer Flucht oft Unglaubliches erlebt, von Misshandlungen, Vergewaltigungen bis hin zu Gefängnisaufenthalten. Manche sind tief traumatisiert, manche haben auch eine große Wut in sich, über die sie kaum sprechen können. Aber dass es dann zu einem derartigen Gewaltausbruch kommt wie in Würzburg, bleibt hoffentlich selten. Man kann die Traumatisierungen aufarbeiten – mit professioneller Hilfe, mit viel Fürsorge.

Wie viele Fälle haben Sie in Ihrer Beratungsstelle bearbeitet?
Etwa über 100 Fälle, derzeit beschäftigen wir uns mit 65 Anfragen. Sie kommen von Kommunen, von Schulen, aus Familien, die sich fragen, ob sich ihre Schützlinge radikalisieren.

Kann man denn wirklich erkennen, ob jemand zum Extremisten wird?
Nicht nach einer festen Schablone. Man muss sich in vielen Gesprächen jeden Einzelfall sehr genau anschauen. Es gibt einige klassische Phasen der Radikalisierung, die sich in der ersten Phase ohne äußere Anzeichen vollzieht, gewissermaßen nur im Kopf. Kommen plötzlich neue Freunde ins Spiel, eine andere Kleidung, ein Salafistenbart, kann das ein Anzeichen für eine Radikalisierung sein, muss es aber nicht. Das muss man wirklich mühsam im Einzelfall klären, manchmal gibt es auch klassische kulturelle Missverständnisse.

Nennen Sie eines.
Nun, das Arabische klingt für unsere Ohren schon sehr aggressiv. In einem Fall, den wir prüften, wurde der Junge verdächtigt, ein radikaler Salafist zu sein, nur weil er sich arabische Videos anschaute.

In zwei Fällen wurden die Sicherheitsbehörden eingeschaltet. Geschah das auf Ihre Initiative hin?
In einem Fall war es die Schule, die die Polizei einschaltete. Ein anderer ist noch in Bearbeitung.

Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) warnt nach dem Axt-Angriff in Würzburg vor falschen Schlüssen in der Flüchtlingspolitik. „Wir müssen nach diesem fürchterlichen Amoklauf unsere Bemühungen um Integration und auch Hilfe ausbauen, auch die Therapie für traumatisierte Jugendliche, die zu uns geflüchtet sind“, sagte Rundt der HAZ.

Michael B. Berger 23.07.2016

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