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Erklärung

Das Schicksal der Heimkinder

Von Heinrich Thies

„Mit Trauer stellen wir fest, dass in unseren Einrichtungen der Jugendfürsorge in den fünfziger und sechziger Jahren schlimmes Unrecht geschehen ist.“ So lautet der erste Satz einer gemeinsamen Erklärung der evangelischen Landeskirche Hannover und des Diakonischen Werkes zum Schicksal früherer Heimkinder in kirchlichen Heimen.
„Das ist ein Sinnbild für die vielen Tausend Kinderseelen, die man in kirchlichen Kinderheimen ans Kreuz genagelt hat“, sagt Eckhardt Kowalke, der das Kreuz gemeinsam mit Gudrun Adrion gebaut hat.

„Das ist ein Sinnbild für die vielen Tausend Kinderseelen, die man in kirchlichen Kinderheimen ans Kreuz genagelt hat“, sagt Eckhardt Kowalke, der das Kreuz gemeinsam mit Gudrun Adrion gebaut hat.

© Frank Wilde

„Uns beschämt, dass die bedrückenden Einzelschicksale über lange Jahre verschwiegen wurden.“ Die Betroffenen zeigten sich zufrieden. „Großartig“, sagt der Sprecher der früheren Heimkinder, Jürgen Beverförden. „Diese klare Position haben wir gebraucht.“ Andere dagegen beklagen, dass von Entschädigungszahlungen und Rentenansprüchen in der Erklärung nicht die Rede ist. Diese Fragen soll dem runden Tisch überlassen bleiben, der unter Vorsitz der früheren Bundestagspräsidentin Antje Vollmer eine Vereinbarung auf Bundesebene herbeiführen will.

Die hannoversche Landeskirche will auf jeden Fall bei der Traumatherapie helfen – bei der Seelsorge sowieso. Mit einem Gottesdienst für ehemalige Heimkinder setzte Landesbischöfin Margot Käßmann am Mittwoch bereits ein Zeichen.

"Man durfte nicht lachen"

Vor der Herrenhäuser Kirche steht ein Holzkreuz, an das Dutzende von Puppen genagelt sind. „Im Namen des Herrn“, steht darüber. Das Kreuz ist ein Kunstwerk. Es soll provozieren. Die Erwartung erfüllt sich. Eltern beschweren sich bei der Kirchengemeinde, dass der Anblick der angenagelten Puppen ihre Kinder auf dem Weg zum Kindergarten verstört. Die Künstler werden daher gebeten, das Kreuz abzubauen, weigern sich aber.

Die Aufregung ist groß, war aber einkalkuliert. „Das ist ein Sinnbild für die vielen Tausend Kinderseelen, die man in kirchlichen Kinderheimen ans Kreuz genagelt hat“, sagt Eckhardt Kowalke, der das Kreuz gemeinsam mit Gudrun Adrion gebaut hat – basierend auf eigenen Erfahrungen im Jugendheim Freistatt bei Diepholz. „Es ist verständlich, wenn dieses Kreuz Anstoß erregt“, sagt der frühere Zögling. „Aber das Thema darf einfach nicht länger unter den Teppich gekehrt werden.“

Dies sieht auch Christoph Künkel, der Direktor des Diakonischen Werks Hannovers so, der am Mittwoch ehemalige Bewohner diakonischer Kinder- und Jugendheime nach Hannover eingeladen hat. „Wir wollen offiziell ein Signal dafür geben, dass Menschen, die in Heimen gequält und gedemütigt wurden, Gehör finden“, sagt Künkel. „Wir wollen offiziell um Entschuldigung bitten.“

Rund 50 Heimbewohner sind gekommen. Als zwei von ihnen von ihren Erfahrungen berichten, stockt den Besuchern der Atem. Eine Frau bricht weinend zusammen und muss hinausgeführt werden. „Die Schläge waren unberechenbar, berechenbar war nur der Schmerz“, sagt Jörg Walter, der von 1959 bis 1963 im Kinderheim „Rübezahl“ in der Nähe von Eschershausen untergebracht war. „Man musste die Hose runterziehen, und dann nahm die Erzieherin die Peitsche und schlug auf einen ein. Wer weinte, bekam noch was drauf.“

Die sogenannten Erzieherinnen ließen sich „Tanten“ nennen. Besonders schlimm sei es beim Spießrutenlauf gewesen, sagt Walter. „Die Kinder mussten einen Tunnel bilden und mit Ruten auf einen Leidensgefährten einschlagen. Danach herrschte dröhnende Stille.“

Rita Schulz kam als Dreijährige in die Pestalozzi-Stiftung nach Großburgwedel, nachdem ihre Mutter versucht hatte, sie umzubringen. „Man durfte nicht lachen“, erinnert sich die heute 63-Jährige. „Niemand hat mich in den Arm genommen, man hat mich nur mit dem Nachnamen angesprochen.“ Als „Promenadenmischung“ sei sie verhöhnt worden, sagt die Frau aus Faßberg bei Celle. Bis heute habe sie das Gefühl, wertlos zu sein.

Mechthild Schulze kam 1960 als Kindergärtnerin in das gleiche Heim – „mit viel Idealismus“, wie sie sagt. Die Erzieherin kämpft mit den Tränen, als sie erzählt, was sie dort erlebte. „Der leitende Pfarrer hat ein Mädchen mit dem eigenen Schuh geschlagen. Als es am Boden lag, hat er einen Eimer Wasser über das Kind gegossen.“

Gerhard Haake, der von 1959 bis 1962 als Diakon im Stephansstift am Kronsberg in Hannover tätig war, hat den Eindruck, „dass einige Erzieher Vergnügen dabei hatten, wenn mal wieder einer richtig zusammengeschlagen wurde.“

Zu einem Eklat kommt es, als später der Archivleiter des Diakonischen Werks der EKD, Michael Häusler, sagt, dass es auch Kinder gegeben habe, die sich im Heim wohlgefühlt hätten. „Ich lach’ mich kaputt“, ruft jemand. Ein anderer brüllt: „Lüge.“ Ein Problem liegt darin, dass viele Akten bereits aus Datenschutzgründen vernichtet wurden, sodass manche heute ihr erlittenes Unrecht nicht mehr beweisen können. Niedersachsens Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann will mit gutem Beispiel vorangehen. „Wir haben 5000 Einzelakten gesichert. Jeder Betroffene sollte unbürokratisch Einsicht nehmen dürfen.“ Die persönliche Bilanz der Ministerin: „Außerordentlich beschämend.“

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  • Kider - KZ Sina – 19.11.10
    Liest man hier alle Kommentare, stellt man fest, die damaligen Heime waren Stätten, in denen sadistische Aufpasser ihre Neigungen ausleben durften, denn es gab ja keine Heimaufsicht!!! Die Jugendämter und die damalige Gesellschaft, allemal verkommen in ihrer Denkungsweise, noch immer Hitlerverliebt, drückten beide Augen fest zu. Ich selbst durfte ab 1958 im Alter von 7 Jahren, 14 Jahre erfahren, was es heißt unehelich zu sein,nämlich aus diesen Gründen wurde ich in ein Kinder - KZ vom Jugenamt gebracht. Diese Brutalitäten wede ich nie vergessen, auch bin ich Frauen äußerst misstrauisch!!! Wenn dann ein Herr Kottnick, Präsident der Diakonie behauptet, es waren bedauerliche Einzelfälle, und es gab keine Zwangsarbeit, könnte er auch aus der verlogenen damaligen Zeit stammen. Ich mußte mit 14 J. Tischdecken für die Gastronomie nähen und bekam jeden Freitag 1,-DM!!! Kein Schulabschluß, keine Ausbildung, denn in die Heimschule wurden wir unregelmäßig geschickt, alles was ich heute kann, habe ich mir selbst beigebracht, oder mit Hilfe von Freunden. Darum waren wir unsere gesamte Kindheit und Jugend eingesperrt, um blöd in eine Welt entlassen zu werden die wir nicht kannten. Ich wede diesen Staat verklagen, und wenn ich bis Straßburg gehe.
  • Kindergefängnis Maja – 09.06.10
    Auch ich war ein Heimkind,1958 wurde ich,8jährig, aus nichtigen Gründen vom Jugendamt Castrop-Rauxel in ein Kindergefängnis nach Hemer gebracht.Niemand,der selbst erlebt hat,wie man uns uneheliche Kinder mißhandelt hat, kann verstehen, was es heißt sich dafür zu schämen im Heim gewesen zu sein oder sich auch zu schämen nur auf der Welt zu sein, schließlich wurde uns ständig gesagt, daß wir die Brut des Teufels sind!!! Diese Tante Clara werde ich auch nie vergessen. All das passierte mit Wissen der Jugendämter, die heute alles gerne abstreiten, obwohl in meiner Akte Vermerke zu finden sind in der das Jugendamt angab, " Mit harter Hand " zu agieren. Das sollen mir diese Gutmenschen heute erklären.
  • Heimkind der 60 Jahre Babic – 08.06.10
    Es war sehr schlimm ein Heimkind zu sein, war im Pestalozzi-Stift Großburgwedel man kann nicht wieder geben was man da alles durch machen mußte, ich werde den Namen Schwester Jutta niemalsz vergessen.
  • Heimkinder hannoversche allgeine – 09.10.09
    Auch ich war in hannover (Birkenhof). Es war mir fehlende jungend. Kann bis heute nicht verstehen ,wie die stadt hannover ( Jungendamt). das Dulden konnte .Es kann keiner von den sagen ,sie hätten nichts gewusst .Es hat bis heute Spuren hinterlassen . Grüsse alle birka.
  • Heimkinder Fleur – 08.10.09
    Auch ich war ein Heimkind.7 Jahre lang.Hier in Hannover.Die Erzieherinnen ließen sich nicht Tante sondern Schwester nennen.Ich habe sozusagen die ganzen Schädigungen, die man durch den Heimaufenthalt bis zum heutigen Tag.Ich kann mich nicht erinnern das die Kinder miteinander gespielt haben.Spielsachen gab es sowie so nicht.Aber hier alles zu schreiben, würde den Rahmen sprengen.Erbarmungslose Schläge kannte ich auch.Auch stundenlanges Einsperren etc.Es hat aus mir ein sehr ängstlichen Menschen gemacht.Misstrauisch besonders Frauen gegenüber und Bindungsunfähig.Aber trotz Lieblosigkeit etc.war ich in der Lage mein Kind zu lieben.
    Es ist auch schwierig mit anderen über Kindheitserfahrungen zu sprechen.Dann kommt oft der Spruch :"Das ist doch schon so lange her !" Also schweigt man.Während ich dieses schreibe kommen wieder die Erinnerungen und wenn ich ehrlich bin laufen die Tränen.Ich wünsche niemanden die Jugend die ich gehabt habe.

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