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Das Wendland probt den Widerstand

Castor-Transport Das Wendland probt den Widerstand

Wendland im Widerstand: Mit phantasievollen Protestaktionen laufen sich Atomgegner warm für den Castor-Transport. An 17 Stellen ist es den Protestlern im Wendland gelungen, rund um Gorleben Zufahrtsstraßen zu sperren.

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An 17 Stellen verbarrikadierten Atomkraftgegner im Wendland Zufahrtsstraßen rund um Gorleben.

Quelle: dpa

Kaffeetafel auf der Straßenkreuzung. Wendländer aller Altersklassen nehmen an einem langen Tisch auf der Bundesstraße 71 in Bergen/Dumme Platz. Sie trinken Kaffee, essen Butterkuchen und freuen sich diebisch, dass es ihnen gelungen ist, den Verkehr lahmzulegen. „Atompolitiker sicher endlagern“, steht auf einem Banner, das sie über die Straße gespannt haben. „Castor-Alarm.“

Sie luden zu Chorproben, Tanzstunden, Geburtstagsfeiern, Fahrradrallyes, Trettreckerwettrennen oder eben schlicht zum Kaffeetrinken – natürlich alles unter freiem Himmel. Das Ergebnis war immer das gleiche: eine Straßenblockade. An 17 Stellen ist es den Atomkraftgegnern im Wendland am Sonnabend gelungen, rund um Gorleben Zufahrtsstraßen zu sperren – mit Treckern, frisch gefällten Baumstämmen, gelben Anti-Atom-Fässern, Malkreide, Dosenwerfbuden oder Sambatänzern.

Pünktlich zur Wiederaufnahme der Erkundungsarbeiten im Salzstock von Gorleben protestierten rund 1500 Wendländer gegen das Festhalten an die alten Endlager-Pläne. Gleichzeitig demonstrierten sie, dass sie alles tun werden, um die für Anfang November vorgesehenen Atommülltransporte mit allen Mitteln ihres bunten Widerstands aufzuhalten. „Wir nennen es Warmlaufen“, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative, Wolfgang Ehmke. „Im November werden Zehntausende kommen. Das wird die größte Demo unserer 33-jährigen Geschichte.“

Es begann symbolträchtig mit einem Fahrradkorso vor der Polizeikaserne in Lüchow und endete mit einer Abschlusskundgebung vor dem Verladekran in Dannenberg. Es war zugleich ein großes Fest und ein Akt der Verzweiflung. Zumindest einige Stunden lang durften sich die Atomkraftgegner als Damen und Herren der Straße fühlen. Denn die Polizei hielt sich vornehm zurück und beschränkte sich darauf, die ohnehin blockierten Straßen für den öffentlichen Verkehr zu sperren. „Wollen Sie zu der Veranstaltung?“, fragt eine freundliche Polizistin. „Dann dürfen Sie natürlich durch.“

Nicht so entspannt ist ein Lastwagenfahrer aus den Niederlanden, der in eine Blockade zwischen Zarenthien und Waddeweitz geraten ist. Der Mann fleht die Blockierer an, ihn durchzulassen. „Ich möchte so gern noch eine Nacht bei meiner Familie verbringen, am Montag muss ich schon wieder nach Schweden.“ Und die Atomkraftgegner, zumeist Bauern von der Bäuerlichen Notgemeinschaft, haben ein Einsehen und lassen den Mann passieren. Einer der Wortführer ist Christoph Schäfer.

Begleitet von seinem 18-jährigen Sohn Johannes und einem Lehrling ist der Landwirt gleich mit zwei Treckern angerückt. „Das macht uns schon stinkig, dass die sich so skrupellos über alle Bedenken hinwegsetzen“, sagt der Biobauer aus dem Rundlingsdorf Güstritz, der auf 240 Hektar Kartoffeln, Möhren und Sellerie anbaut – unter anderem für den Babynahrungsmittelhersteller Hipp. „Wenn hier ein Endlager entstehen sollte, kann ich meinen Beruf an den Nagel hängen“, sagt der Agraringenieur mit der grünen Pudelmütze. „Hipp verlangt schon jetzt, dass alle Kontaminationsrisiken ausgeschlossen sind.“

Christoph Schäfer hat mit 16 – das ist 30 Jahre her – das erste Mal an einer Anti-Atom-Demo teilgenommen. Wie üblich sieht er auch diesmal viele bekannte Gesichter. Zum Beispiel Rebecca Harms. Die Wendländerin jettet als Vorsitzende der Grünen-Fraktion im EU-Parlament quer durch Europa, wenn aber auf den vertrauten Straßen ihrer Heimat protestiert wird, ist sie fast immer dabei.

Das gilt auch für Marianne Fitzen, die mit 86 Jahren die Grande Dame der Protestbewegung ist und für ihren unermüdlichen Einsatz gerade in Berlin mit dem Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung ausgezeichnet wurde. „Widerstand hält jung“, sagt die alte Dame, die an einen Stock gestützt an einem „Straßenfest“ in Lübbow auf der Bundesstraße zwischen Lüchow und Salzwedel teilnimmt.

Die Gewaltszenen in Stuttgart hätten sie aber auch an die brutalen Polizeieinsätze im Wendland erinnert, sagt die Anti-Atom-Veteranin. „Da kam alles wieder hoch.“ Im Wendland bleibt der Protest trotz kleiner Scharmützel vor dem von einer Polizeikette bewachten Verladekran auf dem Dannenberger Güterbahnhof friedlich. Neben den Blockaden prägen phantasievolle Aktionen das Bild.

In Gaedelitz bei Gorleben beerdigt der 75-jährige Bauer und Gastwirt Horst Wiese zum Beispiel mit schwarz gewandeten Gleichgesinnten in einer ironischen Trauerzeremonie die Atomindustrie. Immer wieder trifft man dieser Tage auch im Wendland auf Bundeskanzlerin Angela Merkel – allerorten präsent als Feindbild. Auf einer überdimensionalen, gelben Toilette aus Pappmaché unter einer Eisenbahnbrücke etwa prangt der böse Spruch: „Angela sorgt für den Beschiss.“

Der Widerstand gegen die Atompläne soll sich nicht auf Proteste beschränken. Gegen die drohende Enteignung der Salzrechte wollen sich die betroffenen Grundeigentümer auch gerichtlich zur Wehr setzen. Der Gartower Schlossherr Andreas Graf von Bernstorff, einer der größten Waldbesitzer Niedersachsens, will erneut vor das Oberverwaltungsgericht Lüneburg ziehen, um zu verhindern, dass im Untergrund seiner Gartower Wälder einmal Atommüll gelagert wird.

Dabei zieht der Graf an einem Strang mit der evangelischen Kirchenkreis, der ebenfalls im Besitz von Wäldern im Bereich des Erkundungsbergwerks ist. Wenn die Castoren rollen, geht der Schlossherr gemeinsam mit den Pastoren auch wieder auf die Straße.

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