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Niedersachsen David McAllister: Der Brite, der in Hannover regieren soll
Nachrichten Politik Niedersachsen David McAllister: Der Brite, der in Hannover regieren soll
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19:11 25.06.2010
Von Klaus Wallbaum
David McAllister Quelle: dpa

Der prominente Gastredner war irritiert. „Wie heißen Sie?“, fragte Alfred Dregger den Tagungspräsidenten von der Jungen Union. „McAllister“, antwortete der. „Wie?“ „McAllister!“ Dregger schwieg zwei Sekunden lang, woraufhin sein Gegenüber rasch nachlegte: „Ich habe gedient beim Panzerbataillon 74.“ Schon hellten sich die Gesichtszüge des alten Herrn auf: „Guter Mann“, sagte er und klopfte dem Jungpolitiker auf die Schulter.

Diese Anekdote vom Bezirkstag der Jungen Union Elbe-Weser 1989 erzählt David McAllister so komisch, dass alle Umstehenden lachen müssen. Ein kleiner Hinweis darauf, „gedient“ zu haben, konnte die Vorbehalte Alfred Dreggers gegenüber dem vermeintlichen Ausländer beseitigen. Das sagt viel über den damaligen Zustand der CDU. Nächste Woche schickt sich der Mann mit dem englischen Namen an, einer der mächtigsten CDU-Politiker in Deutschland zu werden, nämlich Ministerpräsident in Niedersachsen. Was Dregger dazu wohl gesagt hätte?

McAllister nimmt die aufgeregten Zeiten wie immer: vergnügt und mit einer guten Portion Selbstironie. In einer Pause der Landtagssitzung am Kaffeetisch spricht er ein paar gestelzt klingende, staatstragende Sätze und nimmt eine ernste Pose ein. „Ich übe schon mal für das neue Amt.“ Sich nicht allzu wichtig nehmen und den Alltag mit Humor würzen, so will er’s halten. Seine Zuschauer erleben ihn dann als völlig natürlich und ungekünstelt. Die britischen Wurzeln kommen zum Vorschein. „Wenn deutsche Politiker ironisch sind, wird das ständig missverstanden. In Großbritannien ist das ganz anders“, erklärt er, mit einem Unterton der Bewunderung für das Nachbarland.

Das Britische am Deutsch-Schotten McAllister steckt nicht nur im Namen, es hat ihn vor allem in seiner Kindheit stark geprägt. Sein Vater, ehemaliger Weltkriegssoldat, war Beschäftigter der britischen Rhein-Armee, die Mutter arbeitete als Deutsch- und Gesangslehrerin. Als Brite wurde er geboren, im Kleinkindalter kam die deutsche Staatsbürgerschaft hinzu. Mit den beiden älteren Schwestern lebte die Familie in der britischen Siedlung in West-Berlin nahe dem Olympiastadion. Zuhause wurde englisch gesprochen, David besuchte den britischen Kindergarten und die britische Schule, nutzte täglich den Bus der britischen Streitkräfte. Im heimischen Wohnzimmer lief der britische Soldatensender BFBS, beliebt waren die Cricket-Übertragungen im Radio, und der Vater las abends die vielen englischen Zeitungen, die er von der Arbeit mit nach Hause gebracht hatte. Zeitunglesen ist eine Leidenschaft, die der Politiker von seinem Vater geerbt hat.

Als James Buchanan McAllister Ende der siebziger Jahre pensioniert wurde, musste sich die Familie zwischen Deutschland und Großbritannien entscheiden. Die Eltern wollten aufs Land, zogen nach Bad Bederkesa im Kreis Cuxhaven, wo der elfjährige David „nur etwa vier Wochen“ brauchte, um die britischen Bräuche abzulegen und die norddeutsche Mentalität zu verinnerlichen – im Fußballverein, beim Tischtennisspielen, später auch im Schützenverein. In dieser ländlichen, konservativen Welt ist er emotional zu Hause. „Man kann in der Politik viele schöne Ämter übernehmen. Aber das schönste Amt ist und bleibt Schützenkönig in Bad Bederkesa“, hat er in den neunziger Jahren gesagt.

In seiner Kindheit und Jugend hatte McAllister intensiven Musikunterricht. Die ehrgeizige Mutter wollte aus dem Knaben einen Opernsänger machen. Dreimal die Woche musste er zur Chorprobe, Klavierunterricht kam noch obendrein. Im berühmten Berliner Staats- und Domchor wirkte er mit.

Die Kunst des genauen Zuhörens ist ihm aus dieser Zeit geblieben, ein besonderes Gespür für Stimmungen und Strömungen. Als 2007 der Protest der Milchbauern hochkochte, war es McAllister, der die Landesregierung alarmierte: „Da tut sich was.“ Wenn Ministerpräsident Christian Wulff in die Bundeshauptstadt strebte, Glanz und Glamour suchte, wollte sein CDU-Fraktionschef McAllister lieber aufs Land und Tacheles reden. So wie der frühere CDU-Landeschef Wilfried Hasselmann. „Ein kurzes Gespräch mit der Kindergärtnerin meiner Töchter bringt mir persönlich mehr als lange philosophische Fachgespräche über Erziehungsfragen“, meint er.

Manchmal sucht er ganz bewusst die Welt der einfachen Leute auf; er liebt das Essen bei McDonald’s und den Urlaub im Strandkorb in Cuxhaven, den lockeren Plausch in der Kneipe. Demonstrativ normal will er sein, wohl auch, um das „normale Leben“ nicht zu verpassen und um den Druck des politischen Geschäfts auszugleichen. Das Zuhause im Kreis Cuxhaven ist ein Rückzugsraum neben der oft schrillen Politikwelt. Seine Frau Dunja hat er 1991 beim Jurastudium in Hannover kennengelernt, McAllister hatte damals eine Studentenwohnung im Ihme-Zentrum. Zwölf Jahre später heiratete das Paar in der evangelischen Kirche, der Bräutigam trug den Kilt. Bei der Hochzeitsfeier waren die Verwandten aus Glasgow und Birmingham in Großbritannien dabei, auch Cousins und Cousinen aus Toronto und Florida. „Ich bin ein überzeugter Transatlantiker“, sagt er über sich.

Zur Besonderheit des Politikers McAllister gehört eine Schlagfertigkeit in politischen Debatten, die er vor allem zwischen 2003 und 2005 im Landtag mit Sigmar Gabriel als ebenbürtigem SPD-Widerpart auslebte. In Wahlkämpfen kann er leidenschaftlich streiten und seine Anhängerschaft richtig begeistern, auch ausgelassen feiern bis spät in die Nacht. Oft sitzt er schon am nächsten Morgen wieder am Schreibtisch, liest Akten und verteilt reichlich Arbeitsaufträge an seinen Stab. Legendär sind seine Zettel mit Anmerkungen in grüner Tinte, die er verteilt, um politische Prozesse anzustoßen oder extrem langatmige Entscheidungsprozesse zu beschleunigen.

Die Mitarbeiter haben es nicht leicht mit ihm, denn McAllister gibt sich selten mit dem ersten Rat zufrieden, er hakt nach und hinterfragt. Alle vorschnell gegebenen Erklärungen und scheinbar klaren Antworten sind ihm suspekt. „Ist das wirklich abgeklopft?“, fragt er dann, und nichts hasst der Christdemokrat mehr, als von selbstgerechten Ratgebern in eine Ecke getrieben und zur eiligen Entscheidung gedrängt zu werden. Dann wird er auch mal ungeduldig und schimpft auf die anderen – auch Minister waren davor bisher nicht gefeit. Das ist ein Kontrast zum kontrollierten, immer um den äußeren Schein bemühten Wulff.

„Wieso mit dem Kopf durch die Wand, wenn zwei Meter daneben eine Tür ist“, lautet ein Leitspruch. Ein Ministerpräsident McAllister dürfte manche ideologische Debatte entkrampfen, etwa den unendlichen Streit über Gesamtschulen und über die Kernenergie. Die nötigen Investitionen ins Schienen- und Straßennetz dürfte er vorantreiben, dies ist ihm immer ein wichtiges Anliegen gewesen.

Aber anders als der zögerliche Wulff brütet McAllister nicht im stillen Kämmerlein über solche Fragen. Er hat viele Freunde und Vertraute, die ihm Tipps geben, einer der engsten ist sein Ziehvater, der frühere Landtagsabgeordnete Martin Döscher. Auch der Bundestagsabgeordnete Enak Ferlemann zählt dazu, zudem einige Mitstreiter aus der Fraktion. Ein Netzwerk an Vertrauten in den verschiedenen Ministerien, im Bundestag und in den Kommunen ist entstanden. Und McAllister reitet auf einer Welle der Popularität in der CDU. Die Parteibasis schätzt seine Volksnähe, seine direkte, unverblümte Art. Auch, dass er mal aus der Haut fahren kann.

In sieben Jahren als Fraktionschef der CDU hat er der Versuchung widerstanden, sich gegen seinen Freund Christian Wulff zu profilieren. Manche aus dem engeren Umfeld hatten ihm zum Widerstand geraten, zuletzt Anfang des Jahres, als zwischen Wulff und der großen Fraktionsmehrheit ein Streit über den Abriss des Landtagsplenarsaals eskalierte. McAllister scheute den offenen Konflikt – auch um den Preis, als „treuer Vasall“ verspottet zu werden. Einige Neinstimmen bei seiner Wiederwahl zum Fraktionschef im April haben womöglich hier ihre Ursache. Am Ende dürfte sich die Wulff-Treue für ihn auszahlen – ein reibungsloser Übergang steht bevor, wenn Christian Wulff nächste Woche tatsächlich ins Bundespräsidialamt umzieht.

Mit 39 wird er der zehnte und zugleich bei Amtsbeginn jüngste Ministerpräsident des Landes sein. Eine Zwischenstation für mehr? Wohin führt der Weg von McAllister noch? Vor sieben Jahren schrieben die „Scotland News“ aus Anlass seiner Wahl zum CDU-Fraktionschef: „McAllister – Chancellor 2010“. Die Jahreszahl stimmt, der Titel nicht – für die Kanzlerschaft ist es dann doch entschieden zu früh.

Kommentare
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Mannomann. Es wird einsam um die Schwarze Mamba. Schwupps, da ist auch der Rüttgers weg, der selbst ernannte Johannes Rau des Ruhrgebiets und Arbeiterführer von eigenen Gnaden. Wir haben uns immer gefragt, wie man es auch ohne Inklusionsschulen mit einer derartig nuschligen Aussprache überhaupt so weit bringen konnte.

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