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Niedersachsen „Du bist Christ. Du bist manipuliert“
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08:04 13.04.2012
Von Thorsten Fuchs
Hunderttausende Koran-Exemplare wollen die Salafisten in deutschen Großstädten verteilen. Quelle: Symbolfoto
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Hannover

Erst mal die Antwort, bitte. Die Antwort auf die entscheidende Frage. Von ihr hängt es ab, ob Murat sich auf ein Gespräch einlässt oder nicht. Er hat wenig Zeit, er will einen Freund besuchen und sitzt schon auf dem Rad. Also stellt er erst mal seine Frage: „Bist du Muslim oder Christ?“ Christ. Nun überlegt Murat. Einerseits ist es die falsche Antwort, denn er weiß nun, dass er jemanden vor sich hat, den, wie er später sagen wird, die Hölle erwartet.

Andererseits ist vielleicht noch etwas zu retten. Murats Rad hat einen niedrigen Rahmen, so kommt er mit seinem langen schwarzen Gewand besser vom Sattel. Murat stellt sein Rad ab. „Gehen wir hinein“, sagt er und zeigt auf das zweistöckige, gelb geklinkerte Gebäude in der hannoverschen Nordstadt.

Von außen ist nicht zu erkennen, dass es sich um eine Moschee handelt. Die Aufschrift neben der Tür, „Deutschsprachiger Islamkreis“, das ist der einzige Hinweis. Bei Verfassungsschützern ist dieser Bau dennoch wohlbekannt. Das Haus in der Kornstraße, gelegen zwischen Handwerksbetrieben und Bestattungsunternehmen, gilt als das Zentrum der Salafisten in Hannover, als wichtigster Treffpunkt der radikalen Islamisten in Niedersachsen neben dem Zentrum in Braunschweig. Unter anderem ist Pierre Vogel hier aufgetreten, der wegen seiner extremen Ansichten als „Hassprediger“ bezeichnete Konvertit.

Murat führt an einem Tor vorbei, an dem „Eingang für Damen“ steht. Sie haben einen gesonderten Eingang für Frauen? „Selbstverständlich“, sagt er und dreht sich nicht mal um. Es gibt eine Menge Dinge, von denen Murat meint, dass sie wirklich keiner Erklärung bedürfen.

Die Salafisten sind eine kleine Gruppe. 3000 bis 5000 Menschen werden ihr in Deutschland zugerechnet. Und doch stehen sie seit einigen Tagen wieder im Fokus. Was an einer Aktion liegt, die zunächst einmal sehr harmlos klingt. Salafisten wollen den Koran verteilen,  Hunderttausende Exemplare in vielen deutschen Städten, am kommenden Wochenende auch in Hannover.

Dagegen ist nicht viel einzuwenden, das Verteilen der Heiligen Schrift gehört zum festen Repertoire auch christlicher Gruppen. Die Salafisten jedoch gelten für den Verfassungsschutz als „Sammelbecken gewalt­bereiter Islamisten“. Die terroristische Sauerland-Gruppe zum Beispiel stand unter salafistischem Einfluss. Der Initiator der Koran-Verteilung, der Kölner Prediger und Geschäftsmann Ibrahim Abou-Nagie, ist wegen öffentlicher Anstiftung zu Straftaten angeklagt. Daher ist die Aufregung nun groß. Der SPD-Innenexperte Michael Hartmann will ein Verbot der Salafisten prüfen lassen. Die Ulmer Druckerei, die die vielen Koran-Ausgaben herstellt, prüft, ob sie den Auftrag zurückgibt. Sollte ein Ziel der Salafisten eine möglichst laute öffentliche Begleitung der Aktion gewesen sein, hätten sie zumindest dies schon erreicht.

Von all dem Ärger hat Murat nichts mitbekommen. Den Koran verteilen, davon weiß er, aber Ärger? Murat liest keine deutschen Zeitungen, und falls doch mal, vertraut er ihnen nicht. Mit seinem knöchellangen schwarzen Kittel, dem Vollbart und dem um den Kopf gebundenen schwarz-weißen Tuch wirkt der Mittdreißiger wie übrig geblieben aus einer anderen Zeit. Sein einziges Zugeständnis an die Moderne ist eine gefütterte schwarze Plastikjacke gegen den Regen. „Die Sache mit den beiden Türmen in Amerika, das waren nicht die Muslime“, wird er später im Gespräch über die Anschläge vom 11. September 2001 sagen. Sondern? „Das waren die Amerikaner selbst.“ Murat pflegt seine eigene Wahrheit, da würden Zeitungen nur schaden.

Die Begegnung mit ihm ist ein Zufallstreffen. Murat ist kein offizieller Repräsentant des „Deutschsprachigen Islamkreises“. Er ist nur der Einzige, der sich an diesem Nachmittag in den schlichten Räumen in der Kornstraße 25 aufhält. „Ich bin einfach jemand, der sehr viel betet“, sagt er. Arbeiten müsse er derzeit nicht. Die Bandscheibe. Davon abgesehen wirkt er einfach wie ein sehr typischer Salafist, in jeder Hinsicht.

Da ist zunächst einmal die Frage nach der Gewalt. Die meisten Salafisten, da sind sich die Experten einig, pflegen einen konservativen bis archaischen Islam, lehnen offene Aggression jedoch ab. „Strafen ist allein eine Sache Gottes“, sagt Murat. „Ich könnte nicht mal einen Grashalm knicken.“ Wenn etwas irritiert, dann ist es diese maßlose Friedfertigkeit.

In einem anderen Punkt legt Murat dagegen aber rasch jede Zurückhaltung ab. Das Missionieren ist für Salafisten eine der wichtigsten Aufgaben, und da muss bei Murat dann eben auch der Besuch beim Freund zurückstehen. „Du bist Christ, du bist manipuliert“, erklärt er seinem Gegenüber. Aber zum Glück kenne er „den einzigen Weg, den richtigen Weg, den intelligenten Weg“. Und während er logisch zu erklären versucht, warum seine Art des Islams die einzige Lösung ist, fixiert er sein Gegenüber mit festem Blick, hebt den Zeigefinger, zeigt in Richtung seines Gesprächspartners, berührt ihn am Arm, am Oberkörper und rückt bis auf Griffweite heran. Murat lässt keinen Raum für andere Gedanken, für einen anderen Glauben.

Auf diese, ja: bedrängende Art verbreitet er ein Weltbild, in dem es stets eine klare Zweiteilung gibt: Gott und den Teufel, Himmel und Hölle, wir und die anderen. Frauen sind im Zweifel stets das Böse. Einer Frau die Hand schütteln? „Nein“, sagt Murat. „Das geht nicht.“ Einmal habe er das getan, obwohl er verheiratet war. „Danach habe ich eine Stunde Verwirrung gespürt. Erotische Verwirrung, verstehst du?“ Er wolle das, versichert er, nie wieder tun.

Man kann all das für sehr, sehr eigenartig halten. Aber offenbar hat es seinen Reiz. Nicht so sehr für andere Muslime und ihre Gemeinden, die mit den Salafisten überwiegend nichts zu tun haben wollen. Aber vor allem für Konvertiten, die hier einfache Lösungen für eine komplizierte Welt suchen. „Sie leben in einer Sonderwelt mit allen Kennzeichen einer Sekte“, sagt Prof. Jens Reinbold, Islambeauftragter der hannoverschen Landeskirche. „Da gibt es viel Nestwärme nach innen und eine harte Haltung nach außen.“

In seine wie auch andere Beratungsstellen in ganz Deutschland kommen immer wieder Eltern, deren Kinder in die Salafistenszene geraten sind und dann den Kontakt abgebrochen haben. „Das große Problem ist, dass sie ihre Mitglieder aus allen Bezügen herauslösen“, erklärt Reinbold.

Von Murat sind zwischen allem Missionarischen stets nur Bruchstücke an Persönlichem zu erfahren. Der Vater Türke, die Mutter Araberin. „Ich bin Araber.“ Früher spielten Alkohol, andere Drogen und Partys in seinem Leben die Hauptrolle. „Der Teufel hatte mich krank gemacht.“ Vor einem Jahr dann die Erleuchtung. Seiner Frau ist sein Fanatismus offenbar nicht geheuer. Mit ihr und dem Jugendamt streitet er um die Kinder. Deshalb erlaubt er auch kein Foto von sich. „Ich habe schon Krieg genug.“

Mehr sagt er darüber nicht. Aber er hat zum Abschied noch einen Rat. „Nimm den Islam“, sagt er. „Rette dich!“ Und dabei kommt er noch einmal ganz, ganz nah.

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