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Eltern protestieren gegen Unterrichtsausfall

Arbeitskreis „Landunter“ Eltern protestieren gegen Unterrichtsausfall

Eigentlich hat die Elftklässlerin an diesem Tag acht Stunden Unterricht. Ein Blick ins Internet auf die Homepage ihrer Schule am frühen Morgen verrät ihr, dass vier Stunden ausfallen, weil Lehrer erkrankt sind.

Die Gymnasiastin geht für zwei Stunden in die Schule, dann wieder nach Hause und als sie wiederkommt, um noch einmal an zwei Stunden Unterricht teilzunehmen, wird ihr mitgeteilt, dass auch diese leider ausfallen müssen. Acht Stunden Unterricht, sechs davon können nicht erteilt werden.

Pascal Zimmer hört immer wieder von Geschichten dieser Art. „Die Unterrichtsversorgung ist nicht so, wie sie sein sollte“, sagt der Vorsitzende des Landeselternrats. Nach seinen Berechnungen fällt im Bezirk Lüneburg jede zehnte Stunde aus. Dabei hatte Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) im November noch stolz verkündet, dass die Unterrichtsversorgung im Landesschnitt bei 100,2 Prozent und damit über den Erwartungen liegt. Bei den Grundschulen wird im Landesschnitt eine Versorgung von 102,6 Prozent erreicht, bei Gymnasien 99,8, bei Realschulen 99, bei Hauptschulen 98,6, bei Gesamtschulen 98,2 und bei Förderschulen 99,1 Prozent.

„Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, da nützt auch die Schönrechnerei nichts“, sagt auch Knut Gerschau aus Hannover. Der Vater zweier schulpflichtiger Töchter hat zusammen mit anderen Eltern die Landesarbeitsgemeinschaft Unterrichtsversorgung, kurz „Landunter“, gegründet. Vor allem Gymnasien seien betroffen, sagt er. „Hier wird das Wegfallen von Pflichtstunden bereits zu Jahresbeginn fest eingeplant.“ Mit Postkartenaktionen und Unterrichtstunden, die im Internet per Ebay versteigert werden, möchte die Elterninitiative in den nächsten Wochen auf den Missstand aufmerksam machen. Zudem werden im Internet anonymisiert Beispiele von Unterrichtsausfall gesammelt.

Nach Angaben eines Ministeriumssprechers liegen dem Kultusministerium aktuell keine Beschwerden über mangelnde Unterrichtsversorgung an einzelnen Schulen vor: „Davon ist uns nichts bekannt.“

Die statistische Unterrichtsversorgung erfasst nur, ob alle Schulen rein rechnerisch genügend Lehrer haben, um die Pflichtstunden zu erteilen. Nicht berücksichtigt sind Ausfälle durch Krankheiten oder Schwangerschaften. Wenn ein Lehrer erkrankt, müssen ihn die Kollegen vertreten und sammeln dadurch ihrerseits Überstunden an. Erst wenn ein Pädagoge länger als sechs Wochen am Stück ausfällt, können die Schulen für ihn einen eigenen Vertretungslehrer einstellen.

An den Gymnasien herrsche ein großer Leistungsdruck, sagt Doris Vehlies, die sich ebenfalls bei „Landunter“ engagiert. „Die Stofffülle ist enorm, und durch das Zentralabitur haben dann am Ende alle Schüler dieselben Aufgaben, auf individuelle Nachteile wird da keine Rücksicht genommen.“ Zudem seien die Klassen und Lerngruppen viel zu groß. „Es gibt Leistungskurse mit 30 Schülern, da ist der Lärmpegel enorm.“

Heidrun Korsch, Vorsitzende der Direktorenvereinigung und Leiterin eines Gymnasiums in Hann. Münden, weiß von Eltern zu berichten, die besorgt seien, weil in einer 5. Klasse zwei Wochen lang die Englischlehrerin erkrankt ist. „Die Angst ist aber unbegründet“, sagt sie, „das kann man wieder aufholen.“ Schwieriger sei es mit dem Fachunterricht in der Oberstufe: „Das kann man kaum kurzfristig vertreten.“

„An den Schulen ist keine Luft, um Ausfälle auszugleichen“, kritisiert der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Eberhard Brandt, „alles ist auf Kante genäht.“ Einen Pool für Vertretungsstunden gebe es nicht. Das sei wie bei einer zu kurzen Bettdecke: „Wenn man sie nach unten zieht, um die Füße zu wärmen, friert man an der Brust.“

Experten raten, fünf Prozent mehr Lehrer einzustellen als eigentlich benötigt werden, um so eine Vertretungsreserve zu haben. So wünschenswert das auch wäre, wahrscheinlich fänden sich gar nicht die erforderlichen Lehrer, gibt Korsch zu bedenken: „Wenn ein Musiklehrer ausfällt, bekommt man kaum Ersatz.“

Auch der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz, sprich von einem „fächerspezifischen Fehl“: „Was nützt der Deutschlehrer, wenn der Chemielehrer krank wird?“ Quereinsteiger allein, zumal wenn sie nicht ausreichend pädagogisch begleitet würden, könnten den Mangel nicht ausgleichen.

Die Elterninitiative „Landunter“ ist auch im Internet zu erreichen.

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