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Wulff sucht das direkte Gespräch mit Bürgern

„Schützen Sie Ihre Privatsphäre!“ Wulff sucht das direkte Gespräch mit Bürgern

Die Medien haben den politischen Auf- und Abstieg von Christian Wulff intensiv begleitet. Noch heute wirkt der frühere Bundespräsident angefressen, wenn er über die Zeit vor seinem Rücktritt spricht.

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Der frühere Bundespräsident und Ex-Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff (CDU) im Bergwerksmuseum am Bergwerk Rammelsberg in Goslar.

Quelle: dpa

Goslar. Der Rat, den Christian Wulff für Julia Engelmann parat hat, ist eindeutig: „Schützen Sie Ihre Privatsphäre!“ Und: „Zumachen, immer!“ Diese Lehre habe er aus seinen eigenen Erfahrungen mit den Medien gezogen, sagt Wulff, richtet sich in seinem roten Lehnsessel auf und sieht die 23-Jährige Poetry-Slammerin eindringlich an.

Der frühere Bundespräsident ist nach Goslar gekommen, um mit der erfolgreichen Jung-Poetin, deren Werke im Internet millionenfach angeklickt werden, über das „Leben in der Öffentlichkeit“ zu sprechen. Der Alt-Bundespräsident macht sich Sorgen über eine sinkende Bereitschaft, öffentlich Ämter anzunehmen. Denn man setzte sich der Gefahr aus, „unter starker Kritik bis hin zu Häme und Gehässigkeit zu leiden“, sagt Wulff der Deutschen Presse-Agentur vor Beginn der Veranstaltung. Vor allem im Internet sei der Umgangston „häufig rüde und verletzend. Und das halten nicht alle durch.“ Dabei seien Politiker „besser als ihr Ruf. Und Demokratie braucht Menschen, die sich einsetzen und engagieren“.

Wulff zeigt sich locker

Offiziell geredet wird dann in der historischen Waschkaue des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg. Alle Plätze sind besetzt. „Das Interesse ist riesig. Wir hätten noch viel mehr Eintrittskarten vergeben können“, sagt Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk (CDU), der Wulff für die Veranstaltung gewonnen hat. Die Stimmung ist gelöst. Julia Engelmann („Ich bin Poetin“) gibt eine Kostprobe ihres Könnens. Beifall. Auch Wulff zeigt sich locker. Legerer Anzug, offenes Hemd, leichte Bräune. Engelmanns Poesie gefällt ihm. Dank seiner etwa gleich alten Tochter sei er auf die Künstlerin aufmerksam geworden.

"Das hat viel zerstört"

Als der 56-Jährige zur „Causa Wulff“ befragt wird, wirkt der Alt-Bundespräsident allerdings angefressen. „Das waren extreme Monate“, sagt er mehrfach. Auf ihn sei damals - 2012 - eine regelrechte „Hexenjagd“ gemacht worden. „Das hat viel zerstört.“ Dass sich die Öffentlichkeit mit Politikern befasse, sei erforderlich und völlig in Ordnung, sagt Wulff. Das müsse aber sachlich, „mit Respekt und Wertschätzung“ geschehen. Was einige Medien mit ihm und seiner Familie veranstaltet hätten, sei dagegen kaum zu ertragen gewesen. Als Beispiel nennt er „auflauerndes Fotografieren“. Ein Fotograf habe sich sogar in einer Mülltonne verschanzt, um Bilder aus seiner Privatsphäre knipsen zu können.

Unabhängig davon sieht Wulff die politische Diskussionskultur in Deutschland in Gefahr, weil Themen zunehmend skandalisiert würden. Vor allem, „was sich im Netz tummelt“, sei „ungeheuerlich“. Es sei „beklagenswert, wie Politiker dort niedergemacht werden“. So verwundere es kaum, dass immer weniger Menschen politische Funktionen übernehmen wollten. Ein weiterer Grund dafür sei die fehlende Anerkennung politischer Arbeit. Es gebe kaum Lob, fast nur Kritik.
Wulff selbst lobt die Arbeit der Bundeskanzlerin. Angela Merkel mache „in dieser wahnsinnig schwierigen Situation“ einen „guten Job“. Auch vor Frank-Walter Steinmeier habe er „großen Respekt“, sagt Wulff. Der Außenminister habe den Iran in die Völkergemeinschaft zurückgeholt. Lob bekommt auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. Er sehe nirgendwo Andere, „die es besser machen könnten“, urteilt Wulff.

Das unmittelbare Gespräch mit den Bürgern

In seiner jetzigen Rolle strebe er im übrigen nicht mehr nach schneller medialer Aufmerksamkeit, sagt der frühere niedersächsische Ministerpräsident. Es sei „großartig“, nicht mehr so wie früher in der Öffentlichkeit zu stehen. Stattdessen suche er lieber bei kleineren Veranstaltungen „das unmittelbare Gespräch“ mit den Bürgern - so wie an diesem Abend in Goslar. „Darin sehe ich meine Mission.“ Und dann hält Wulff er ein flammendes Plädoyer für Europa. Man könne zwar stolz auf Deutschland sein und auf das, was dieses Land erreicht habe, findet der Ex-Bundespräsident. Aber wenn Europa nicht vereint agiere, verliere es jeden Einfluss in der Welt. Europa-Zweiflern empfiehlt er, „auf die Soldatenfriedhöfe zu gehen“.

Und Wulff bekräftigt seinen mittlerweile legendären Satz, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Dieser gelte heute mehr denn je. Am Rand der Veranstaltung sagte Wulff, es sei eindeutig, dass die „Millionen Muslime mit ihrer Religion, mit ihren Moscheen, mit ihren Religionslehrern, mit ihren Imamen dazugehören“. Nur Menschen, „die hier gleichberechtigt sind, die angenommen sind, werden sich integrieren“. Wer sage, „die Muslime gehören nicht dazu, der muss sich nicht wundern, wenn es Integrationsprobleme gibt“.

Das Goslarer Publikum warnt Wulff davor, denjenigen zu folgen, die einfache Lösungen versprechen: „Das ist doch alles Quatsch.“

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