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Niedersachsen Finanzbeamte halfen in Hannover bei der Judenverfolgung
Nachrichten Politik Niedersachsen Finanzbeamte halfen in Hannover bei der Judenverfolgung
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13:34 08.04.2011
Von Klaus Wallbaum
Die Oberfinanzdirektion Niedersachsen in Hannover. Quelle: Martin Steiner

Die Finanzbehörden in Niedersachsen waren stärker als weithin bekannt in das NS-Unrechtssystem verstrickt. In Hannover hat die Oberfinanzdirektion (OFD) am Donnerstag die Studie des Historikers Christoph Franke vorgestellt, der in etwa 3000 Akten dieser Behörde aus der Zeit zwischen 1931 und 1945 erschreckende Details gefunden hat: Es habe ein „Netzwerk der Ausplünderung“ gegeben, vor allem jüdische Geschäftsleute und Familien seien systematisch unter Druck gesetzt, verfolgt und schließlich zur Abgabe ihres Eigentums an den Staat gedrängt worden. Hand in Hand hätten Beschäftigte des hannoverschen Oberfinanzpräsidenten, Vorgängerbehörde der OFD, mit der Gestapo und dem Zoll zusammengearbeitet.

Die 350 Seiten starke Untersuchung sei eine „Pionierarbeit“, lobte der hannoversche Historiker Hans-Dieter Schmid. Erstmals in Deutschland sei die Tätigkeit der „Devisenbewirtschaftung“ bei einer Finanzbehörde so gründlich aufbereitet worden. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass vor elf Jahren die alten OFD-Aktenbestände dem Hauptstaatsarchiv übergeben wurden und Geschichtswissenschaftler ein Forschungsprojekt dazu begründeten. Wenn das Archivrecht nicht noch geändert worden wäre, hätte man die Unterlagen erst in einigen Jahrzehnten einsehen können – denn für Steuerakten galt noch bis 2002 eine generelle Sperrfrist von 80 Jahren.

Der Autor spricht nun in seinem Titel vom „legalisierten Unrecht“. Viele der Mitarbeiter des Oberfinanzpräsidenten, die zumeist keine Nazis waren, hätten das System wegen der geltenden Gesetze mitgetragen – also unter dem Mantel der Legalität geraubt, erpresst und Menschen in die Enge getrieben. Dabei seien rassistische Überzeugungstäter aktiv gewesen, wozu Franke auch den antisemitischen Abteilungsleiter Paul Armstedt zählt, aber auch „Schutzengel“ wie den Juristen Herbert Weyher, der beispielsweise den hannoverschen jüdischen Rechtsanwalt Horst Berkowitz vor allzu drastischer Verfolgung bewahrte.

Das Schicksal der Betroffenen habe eben oft davon abgehangen, welcher Mitarbeiter der Behörde ihren Fall zu bearbeiten hatte. Begleitet worden sei ihre Tätigkeit von immer schärfer werdenden Vorschriften, die etwa von auswanderungwilligen Juden einen immer größeren Abschlag beim Devisenumtausch verlangten – 1939 lag der Betrag sogar bei 96 Prozent. Viele Eigentümer seien kriminalisiert worden, sodass ihr Vermögen beschlagnahmt und im nächsten Schritt einkassiert wurde.

Franke stellte seine Untersuchung in der OFD vor. Die Behörde will damit nach den Worten von Finanzpräsident Christoph Arntz einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte leisten. Der Züricher Richard Wolff, Enkel des gleichnamigen Stadtoldendorfer Textilunternehmers („Rothschild & Söhne“), berichtete über das Schicksal seiner Familie.

Sein Großvater sei von den Nazis unter Druck gesetzt worden, musste erst Gemälde, Schmuck und dann das Unternehmen abgeben. Spitzel wurden im Betrieb eingesetzt, Gerüchte in Umlauf gebracht, Anschuldigungen erhoben. Als der Großvater inhaftiert wurde, zwang man ihn im Gefängnis zum Verkauf des Werkes. Er selbst wurde später ins Konzentrationslager gesteckt, während über die Geschicke der Firma fortan der Holzmindener NSDAP-Kreisleiter entschied.

Großvater Wolff verstarb im KZ, sein Sohn bemühte sich nach dem Kriegsende um Wiedergutmachung, sei aber bei der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten auf Widerstand gestoßen. Der Leiter der Behörde hatte das Kriegsende unbehelligt im Amt überstanden.

Christoph Franke: „Legalisiertes Unrecht, Devisenbewirtschaftung und Judenverfolgung am Beispiel des Oberfinanzpräsidiums Hannover 1931–1945“. Hahnsche Buchhandlung Hannover, 29 Euro.

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