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Das ist das ungewöhnlichste Wahllokal Deutschlands

Urnengang im Fitnesskeller Das ist das ungewöhnlichste Wahllokal Deutschlands

Laufband, Crosstrainer und Bügelbrett müssen raus. Zur Bundestagswahl wird der Fitness-Keller von Dagmar Müsing zum Wahllokal. Insgesamt 73.500 Wahllokale müssen deutschlandweit eingerichtet werden. In der Regel findet man sie in öffentlichen Einrichtungen – und manchmal auch im Feuerwehrhaus, Schützenclub oder Altenheim.

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Dagmar Müsing beim Bügeln in ihrem Fitness-Keller ein Kleidungsstück. Immer dann, wenn Wahlen in Deutschland sind, räumt die 61-Jährige ihren Keller in Buchholz leer. Statt Fitnessgeräten und Bügelbrett werden dort zur Bundestagswahl Urnen und Wahlkabinen stehen. 

Quelle: dpa

Buchholz. Wenn Dagmar Müsing wählen geht, muss sie nur die Kellertreppe heruntersteigen. Zwischen alten Schrankwänden mit Vasen, Blumengestecken und Geschirr befindet sich eins der ungewöhnlichsten Wahllokale Deutschlands. Immer dann, wenn Wahlen in Deutschland sind, räumt die 61-Jährige ihren Keller in Buchholz in der Nordheide leer. Statt Fitnessgeräten und Bügelbrett werden dort zur Bundestagswahl Urnen und Wahlkabinen stehen. Einen Tag lang werden die Menschen bei ihr ein und aus gehen. Doch das nimmt Müsing gern in Kauf.

„Ich finde es wichtig, dass die Leute zur Wahl gehen“, sagt Müsing. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das umso schwerer fällt, umso weiter das Wahllokal entfernt ist.“ Würde Müsing ihren Keller nicht anbieten, müssten die 325 Wahlberechtigten in ihrer Nachbarschaft mehrere Kilometer weit in die Buchholzer Ortschaft Trelde fahren. Seit 15 Jahren stellt Müsing deshalb ihren Keller gegen eine Aufwandsentschädigung zur Verfügung. „Das ist eine bürgernahe Lösung“, sagt Birgit Diekhöner von der Stadt Buchholz.

Insgesamt 73.500 Wahllokale nötig

Etwa 73.500 Wahllokale gibt es nach Angaben des Bundeswahlleiters bei der Bundestagswahl. Diese richten die Gemeinden ein - normalerweise in öffentlichen Einrichtungen wie Gemeindehäusern, Schulen, Kirchen oder Kindergärten. Doch mancher Wahlbezirk kann damit nicht dienen. „Wir wollen es nicht jedem Wahlberechtigten zumuten, bis ins Rathaus zu fahren“, sagt Claudia Richter. Sie ist für die Wahlen in Elze zuständig, einer 9000 Einwohner-Stadt bei Hildesheim. Deshalb können die Bürger ihre Stimme in einem nahe gelegenen Altenheim, Hotel und manchmal auch beim Schützenverein abgeben. Sogar eine Tierarztpraxis war früher mal dabei.

In anderen Ortschaften wählt man im Gerätehaus der Feuerwehr oder in der Kneipe. Buchholz liegt zwar vor den Toren von Hamburg, manche Ortsteile der Stadt sind jedoch sehr ländlich. Dort haben die letzten Kneipen schon vor Jahren dicht gemacht. Deshalb müssen manche Buchholzer in einem Gartenhaus oder eben in Frau Müsings Fitness-Keller zur Wahl gehen.

Dort weist an diesem Vormittag noch nichts daraufhin, dass hier am 24. September ein Wahllokal entsteht. Dagmar Müsing bügelt Wäsche vor dem Fernseher. Es laufen Nachrichten - wie eigentlich den ganzen Tag bei ihr. Die ehemalige Postbankangestellte interessiert sich sehr für Politik und alles, was in der Welt geschieht. Sie sagt auch ganz offen, was sie von US-Präsident Donald Trump hält, dem Parteiprogramm der AfD oder der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Veröffentlicht werden soll das aber nicht, denn als Wahlhelferin sollte sie möglichst neutral auftreten.

Normalweise trainiert Müsing im Keller vor dem Fernseher. Dort stehen nebeneinander aufgereiht Laufband, Fahrrad, Crosstrainer und Stepper. Doch zurzeit pausiert Müsing. „Ich habe mir das Knie verdreht.“ Was sie aber nicht davon abhalten wird, die schweren Fitnessgeräte mit ihrem Sohn oder einer Freundin aus dem Raum zu tragen. An ihrer Stelle werden bei der Bundestagswahl die Urnen stehen. Über eine Außentreppe kommen die Wähler in den Keller, müssen also nicht erst durchs Haus laufen. „Dann hätte ich das auch nicht gemacht“, sagt Müsing.

Gröde: Wahl im Wohnzimmer

Volker Mommsen hat damit kein Problem. Seit vielen Jahren wählen die Bürger der Hallig Gröde im nordfriesischen Wattenmeer in seinem Wohnzimmer. Allerdings gibt es auf dem winzigen Eiland auch nur neun Einwohner beziehungsweise Wahlberechtigte. Damit ist die Hallig Deutschlands kleinster Wahlbezirk. Zum Wählen könnten die Gröder auch in den öffentlichen Versammlungsraum im Bürgermeisterhaus gehen. „Aber der ist nicht so gemütlich“, sagt Mommsen.

In der Wohnstube des Bürgermeisters der Hallig Gröde (Kreis Nordfriesland) wurde auch schon oft gewählt. 

Quelle: dpa

Am Wahltag treffen sich die Hallig-Bewohner deshalb immer in seinem Wohnzimmer. „Man trinkt Kaffee, schnackt über Gott und die Welt.“ Doch diesmal wird die Urne leerbleiben. „Wir werden geschlossen Briefwahl machen“, sagt der 58-Jährige. Der Grund: Einige Gröder sind im Urlaub. Bei drei, vier Wählern wäre das Wahlgeheimnis nicht gewahrt.

Dagmar Müsing will das Wahllokal in ihrem Keller noch viele Jahre öffnen - auch wenn es jedes Mal viel Arbeit ist. „Das Spiel haben wir in diesem Jahr sogar zweimal“, sagt sie. Drei Wochen nach der Bundestagswahl folgt die vorgezogene Landtagswahl in Niedersachsen. „Den Keller räume ich aber nur einmal um.“ Und das Fitnessprogramm vor dem Fernseher? Das muss warten.

von Von Irena Güttel, dpa

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