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Grüne und CDU - geht das, Frau Piel?

HAZ-Kandidatensofa Grüne und CDU - geht das, Frau Piel?

Vor der Landtagswahl bringt die HAZ die Spitzenkandidaten in die Wohnzimmer der Leser. Die Grüne Anja Piel war zu Gast bei der Sozialpädagogin Andrea Strodtmann – und hat mit ihr über Bildungspolitik, Müllberge und mögliche Koalitionen gesprochen.

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„Nicht nur Armut verwalten“: HAZ-Leserin Andrea Strodtmann (links) im Gespräch mit der Spitzenkandidatin der Grünen, Anja Piel.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Das herbstliche Wetter im Wahlkampf hat Anja Piel, Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl, eine kräftige Erkältung eingebrockt. Umso dankbarer ist sie für die heiße Tasse Tee, die sie auf dem Sofa von Andrea Strodtmann im hannoverschen Stadtteil Limmer bekommt. Bei den Fragen wird die Grünen-Politikerin nicht geschont.

Andrea Strodtmann: Die Grünen haben in der letzten Legislaturperiode in Niedersachsen mit der SPD koaliert. In Berlin will man mit der CDU und CSU zusammengehen - wie kriegt man diesen Spagat hin?

Anja Piel: Die Verhandlungen in Berlin laufen, und ob die Parteien da wirklich zusammenkommen, muss sich erst noch zeigen. Es ist nicht so, dass alle bei den Grünen sich freuen, dass wir über Jamaika verhandeln. Es kann unter bestimmten Voraussetzungen Sinn machen, aber es wird über Inhalte entschieden. Und es ist in der Tat ein Spagat.

Andrea Strodtmann: Wer die AfD wählt, tut das oft als Protest. Wie wollen Sie Menschen erreichen, die sich so zurückgesetzt fühlen?

Anja Piel: Ich glaube, die alteingesessenen Parteien tun sich schwer, immer ein offenes Ohr zu haben. Wir müssen lernen, besser zuzuhören. Wenn ich jemanden habe, der Angst oder Ärger verspürt, dann muss ich in der Lage sein, da erst einmal zuzuhören und in einen echten Austausch zu kommen. Es macht keinen Sinn, dass ich ihm sofort sage: Das ist alles rassistisch, was du da sagst.

Andrea Strodtmann: Ich arbeite im sozialen Bereich und mir fällt auf, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Es gibt Menschen, die arbeiten 40 Stunden in der Woche und können davon nicht leben - wie kann man denen besser unter die Arme greifen?

Anja Piel: Die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro war ein Grundstein, aber das reicht noch nicht. Ein wichtiger Schritt ist, dass wir zu einer armutsfesten Rente kommen, also eine Garantierente. Wir versuchen da, auf Landesebene etwas zu bewirken, aber das ist ein Thema für die Bundespolitik. Der Bund muss stärker dahin kommen, dass nicht Armut verwaltet wird, sondern dass arme Menschen gefördert werden.

Andrea Strodtmann: Manchmal gelingt es der Politik nicht, die tatsächliche Lebenslage von armen Menschen in den Blick zu nehmen. In NRW ist es vorgekommen, dass man für sozial benachteiligte Kinder Gratis-Eintrittskarten für das Schwimmbad verteilt hat. Das war gut gemeint, aber nicht hilfreich und eher beschämend, denn man hat übersehen, dass die Kinder häufig nicht schwimmen konnten. Wenn man nicht in Kontakt mit den Menschen ist, dann passiert so etwas.

Vor der Landtagswahl kommen die Spitzenkandidaten in die Wohnzimmer der Leser. In dieser Folge besucht die Grünen-Spitzenkandidatin Anja Piel die Sozialpädagogin Andrea Strodtmann.

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Anja Piel: Es ist ein Grundproblem von Politik, dass am Runden Tisch Dinge ausgedacht werden, die dann aber in der Praxis nicht immer funktionieren. Deshalb versuche ich, in vielen Bereichen zu hospitieren, um einen Blick für die Realitäten zu bekommen. Mir ist etwa erst bei einer Hospitation im Jugendknast klar geworden, dass eines der größten Hindernisse für den Neustart nach der Haft ein Riesenberg Schulden ist, den die meisten angehäuft haben. Wenn man aber verhindern will, dass es zu Rückfällen in die Kriminalität kommt, dann muss man sich damit auseinandersetzen. Das sieht man auch nicht, wenn man nur nach Zahlenlage Politik macht - man muss, gerade im sozialen Bereich, immer vor Ort schauen, wie es läuft.

Andrea Strodtmann: Etwas, was ich seit Jahren beobachte: Im Bildungsbereich hängt so viel vom Elternhaus ab, Kinder aus Mittelstandsfamilien haben Chancen, die weniger gut gestellte nie haben. Was für Ideen haben Sie da?

Anja Piel: Wir wollen die Abhängigkeit von Herkunft und schulischem Erfolg auflösen, deshalb haben wir sehr viel Geld in den Ganztagsbetrieb der Schulen gesteckt. Es ist wichtig, dass Kinder auch nachmittags so viel Unterstützung bekommen, dass sie keine Hilfe von Eltern oder Nachhilfe brauchen. Und das geht noch eher los - wir brauchen in allen Kindergartengruppen eine dritte Kraft, damit noch vor dem Schulalter eine adäquate Förderung einsetzt. Denn in dem Alter können sie viel leichter Defizite aufholen, später wird das immer schwieriger.

Andrea Strodtmann: Es gab in der letzten Zeit in der HAZ mehrere Artikel über Schulen, die Alarm geschlagen haben, weil sie sich bei der Integration und Inklusion alleinegelassen fühlen.

Anja Piel: Die Ansprüche an die Lehrer, was Integration und Inklusion angeht, sind enorm gewachsen. Da bräuchten wir eigentlich größere und multiprofessionelle Teams. Da haben wir auch schon angefangen, aber wir haben noch einen weiten Weg zu gehen.

Zu den Personen

Andrea Strodtmann lebt im hannoverschen Stadtteil Limmer. Die 55-Jährige ist Referentin für Suchtfragen beim Diakonischen Werk in Niedersachsen. Die Sozialpädagogin gibt außerdem Seminare und moderiert Gruppengespräche unter anderem zur Lösung von Konflikten.

Anja Piel ist Fraktionschefin der Grünen im Landtag und Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl am 15. Oktober. Die 51-Jährige ist gelernte Industriekauffrau und hofft auf ein Wahlergebnis, das die Fortsetzung der Koalition mit der SPD in Niedersachsen zulässt.     

Andrea Strodtmann: Ich finde allerdings, dass die Kooperation zwischen Lehrern und Sozialpädagogen oft nicht gut funktioniert. Die Sozialarbeiter werden da einfach reingesetzt, aber es gibt kaum eine Zusammenarbeit mit den Lehrern. Es gibt auch keine koordinierenden Gespräche, weil die auch wieder Zeit kosten.

Anja Piel: Das finde ich sehr spannend, was Sie da sagen. Ich glaube, dass Schule mehr Freiraum braucht, um Inklusion zu schaffen. Sie müssen die Ressourcen bekommen, um selbst entscheiden zu können, was sie in ihrer Situation brauchen. Mit den pädagogischen Fachkräften schaffen wir da Entlastung. Die Schulen entscheiden, welche Art der Entlastung das ist.

Andrea Strodtmann: Eine Sache, die mich immer wieder stört: Wenn ich im Supermarkt Gemüse kaufe, dann ist das immer häufiger verpackt. Jeder Salatkopf ist eingeschweißt. Das wird immer schlimmer.

Anja Piel: Auf dem Markt oder im Bioladen bekommt man das Gemüse noch lose.

Andrea Strodtmann: Aber da kann ein Teil der Bevölkerung nicht einkaufen. Und wir wissen doch, was so viel Plastik mit unserer Welt macht.

Anja Piel: Es ist wirklich ein Problem mit der vielen Verpackung, und wir müssen sehen, wie wir da zu Lösungen kommen. Niedersachsen kann da allein nicht genug bewirken.

Andrea Strodtmann: Bei der Plastiktüte ist das auch gelungen. Jeder hat sich darauf verlassen, dass sie im Supermarkt mitgegeben wird. Aber jetzt kostet sie 10 Cent - und die will keiner dafür zahlen. Und schon nehmen alle Taschen zum Einkauf mit.

Anja Piel: Wenn man die Verpackung des Gemüses teurer machen würde, wäre es für viele greifbarer, dass mit der Verpackung Klimakosten verbunden sind. Dafür bräuchte es allerdings eine Verständigung auf europäischer Ebene, um das Problem in den Supermärkten wirksam anzugehen. So weit sind wir noch nicht, aber klar ist auch: Da müssen wir ran.

Aufgezeichnet von: Heiko Randermann

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