Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen „Unternehmerkinder, die sich zusammenrotten“
Nachrichten Politik Niedersachsen „Unternehmerkinder, die sich zusammenrotten“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 20.03.2015
Gymnasiasten in Niedersachsen – hier am Martino-Katharineum in Braunschweig. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Der rot-grünen Landesregierung droht in der Schulpolitik ein neuer Streit: Eltern- und Lehrervertreter von Gymnasien haben mit Empörung auf Äußerungen der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Anja Piel reagiert. Piel hatte Ende vergangener Woche an einer Diskussion der Hamelner Grünen über die Schullandschaft des Landkreises Hameln-Pyrmont teilgenommen und die Gymnasien dabei mit scharfen Worten attackiert. „Eltern mit hohen Einkommen wollen ihre Kinder immer noch von den ,Schmuddelkindern’ fernhalten“, sagte Piel laut einem Bericht der Hamelner Zeitung „Dewezet“. Kinder aus einkommensschwachen Familien müssten aber die gleichen Bildungschancen erhalten wie die Unternehmerkinder, „die sich jetzt an den Gymnasien zusammenrotten“, so Piel weiter. Der Weg für den schulischen und beruflichen Erfolg der anderen müsse endlich freigemacht werden, forderte die Hamelner Landtagsabgeordnete.

Piel offenbare mit ihren Äußerungen eine „gymnasialfeindliche“ Haltung, kritisierte Petra Wiedenroth, Geschäftsführerin des Verbands der Elternräte der Gymnasien Niedersachsens. „Allein diese verächtlich machenden Formulierungen sind für mich ein Schlag ins Gesicht.“ Auf den Gymnasien gebe es Kinder aus allen sozialen Schichten, auch Migranten. Die Vorstellung, dass sich am Gymnasium eine elitäre Schülerschaft zusammenrotte, sei „menschenverachtend und herabwürdigend“.

Die Zitate sorgten auch während der am Dienstag zu Ende gegangenen Anhörung zum neuen Schulgesetz im Landtag für Aufregung. Piels „verleumderische Äußerungen“ seien von Hass gegen die in der Bevölkerung beliebte und erfolgreiche Schulform Gymnasium geprägt, kritisierte der Vorsitzende des Philologenverbands, Horst Audritz. „Da paart sich pure Ideologie mit totaler Faktenignoranz in geradezu sträflicher Weise.“

Piel selbst äußerte sich auf Anfrage nur schriftlich. „Es trifft zu, dass ich mich im Rahmen einer Debatte zur Schulentwicklungsplanung meiner Region Hameln klar dafür ausgesprochen habe, dass alle Kinder die gleichen Bildungschancen haben müssen“, schreibt sie. Sie habe sich dabei nicht auf die Anhörung zum Schulgesetz bezogen.

Das Kultusministerium wollte sich zu der Debatte nicht äußern. Der schulpolitische Sprecher der SPD, Stefan Politze, sagte, er habe Piel bislang nicht als polarisierend erlebt. Zu den zitierten Aussagen ging er aber deutlich auf Distanz: „Das ist nicht der Kurs der Koalition“, sagte der Abgeordnete. „Wir machen keinen Angriff auf das Gymnasium, sondern wir wollen eine breite Vielfalt sicherstellen.“ Auch der schulpolitische Sprecher der Grünen, Heiner Scholing, sagte: Ziel der Koalition sei nicht die Schwächung der Gymnasien, sondern der Abbau von Ungleichbehandlungen. „Es geht nicht darum, den einen groß und den anderen klein zu machen“, betonte Scholing.

Derweil will die FDP auf ihrem Parteitag am Wochenende einen neuen Vorstoß für einen „Schulfrieden“ beschließen. Es gebe bei der Weiterentwicklung der Schullandschaft große Gemeinsamkeiten mit der rot-grünen Koalition, sagte der Landeschef der Liberalen, Stefan Birkner. Er nannte die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren und den Ausbau der Ganztagsschulen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Der verbale Ausfall gegen Gymnasiasten kommt für die Grünen in Niedersachsen zur Unzeit. Denn die Landesregierung sieht sich ohnehin dem Vorwurf ausgesetzt, dem Gymnasium mit seinem Schulgesetz schaden zu wollen. Ein Kommentar von Heiko Randermann.

20.03.2015
Niedersachsen Nach Urteil des Verfassungsgerichts - Kippt das Kopftuchverbot in Niedersachsen?

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts will Niedersachsen mögliche Konsequenzen für das landeseigene Schulgesetz prüfen. Die Karlsruher Richter hatten am Freitag das pauschale Kopftuchverbot für Lehrerinnen gekippt. Die Erziehungsgewerkschaft GEW fordert ein Umdenken beim Kopftuchverbot.

13.03.2015

Rot-Grün will das Schulgesetz reformieren - doch seit die Pläne auf dem Tisch liegen, streiten Kritiker und Befürworter ohne Pause. Lob erhielt hingegen die in der Reform verankerte Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren vom Landesschülerrat und der Landeshochschulkonferenz.

13.03.2015

Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Bund und Ländern über die Rücknahme von deutschem Atommüll aus England und Frankreich ist Umweltminister Stefan Wenzel nicht bereit, einen Teil davon in Niedersachsen zu lagern.

Karl Doeleke 20.03.2015
Niedersachsen Verdacht des Geheimnisverrats - Generalstaatsanwalt Lüttig will reden

Der Celler Generalstaatsanwalt Frank Lüttig will sich offenbar zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen des Geheimnisverrats äußern. Lüttig habe das über seinen Rechtsbeistand angekündigt, teilte die Staatskanzlei in Hannover am Dienstag mit.

20.03.2015

Seit Jahrzehnten schneiden Landwirte ihren jungen Schweinen die Schwänze ab, damit sie sich nicht im Stall gegenseitig anknabbern. Damit diese eigentlich verbotene und nur noch geduldete Praxis verschwindet, will Niedersachsens grüner Landwirtschaftsminister eine Prämie aussetzen.

14.03.2015
Anzeige