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Haz-Wahlreise: Den Blick nach vorn im Emsland

Niedersachsen vor Landtagswahl Haz-Wahlreise: Den Blick nach vorn im Emsland

Am 15. Oktober wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. In welchen Regionen läuft es gut, wo sind die Problemzonen? Wir haben uns umgesehen. Teil 2: das Emsland

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Die Gemeinschaft zählt: Albert Vinke, 80 Jahre alt, erzählt die Geschichten und die Geschichte seiner Heimat.

Quelle: Villegas

Rhede. Rhede. Volksschule. Mehr war nicht drin, damals, nach dem Krieg. Der Vater war versehrt nach Hause gekommen, und dann waren da noch die letzten Kriegstage gewesen, das Trauma mit dem Ältesten. Der Zweitälteste, Albert, 1937 geboren, sah alles und bewahrte es im Gedächtnis. Er wurde erst mal Knecht, dann machte er eine Maurerlehre. Nach fünf Jahren dachte er: Oh Gott, noch 40 Jahre Maurer? Er besuchte eine Fachschule, wurde Statiker. Das blieb sein Beruf bis zur Rente. Doch die Berufung setzte sich ebenfalls durch, Volksschule hin oder her: Er wollte aufschreiben, was im Gedächtnis wartete, wollte Geschichten erzählen. Vom Dorf, von der Kirche, von den Menschen. Vom Krieg, vom Vater, vom Bruder. Davon, wie alles so wurde, wie es heute ist.

Der Anfang war schwer

Das Haus von Albert Vinke steht in Rhede ganz im Norden des Emslandes, links ist Holland und oben schon fast das Meer. Vor dem Haus hängen noch die Blumengirlanden von den Nachbarn, Vinke ist gerade 80 geworden. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich Ordner und Diakästen und Fotos und Bücher und Papiere. Vinke ist drahtig und hellwach, die Augen wollen nicht mehr so, aber sonst steckt er voller Energie.

In gewisser Weise repräsentiert Albert Vinke den ganzen Landstrich, in dem er lebt: Es war am Anfang unendlich schwer für die Menschen im Emsland. Dann haben sie sich zusammengerissen und in die Arbeit gestürzt, über Generationen. Sie haben Rückschläge verkraftet und nach vorn geschaut. Und sie haben erreicht, was sie wollten. Nicht bloß durch Arbeit. Sondern weil sie sind, wie sie sind.

Niedersachsen steht wirtschaftlich gut da. Dem Kreis Emsland, vor exakt 40 Jahren aus drei Landkreisen zu einem Gebilde größer als das Saarland zusammengefügt, geht es grandios: Die Bevölkerung ist jung, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Emsländer sind katholisch und Mitglied im Schützenverein und wählen weit überwiegend CDU. Allerdings ist die CDU im Emsland beweglicher im Kopf als die SPD in mancher Großstadt.

Die Autobahn 31, die ihnen der Bund nicht zügig bezahlen wollte, haben sie einfach zum Teil mit privaten Spenden finanziert. Jetzt verbindet die Trasse Ruhrgebiet und Nordsee und schafft Arbeitsplätze. Meyer-Werft, Mercedes-Teststrecke, Nordland-Papier, Brennelementefabrik, Krone-Landmaschinen, traumhafte Tourismus-Zahlen - es geht immer noch aufwärts. Das Emsland war die einzige Gegend Deutschlands, in der es Demos für Atomenergie gab. Es war die falsche Technologie, aber der Gedanke dahinter war: Innovation, nach vorn schauen. Heute liegt der Anteil des Versorgungsgrads mit Strom aus erneuerbaren Energien im Emsland bei 116 Prozent. Die Region gilt niedersachsenweit - ach was: bundesweit als vorbildlich.

Wer weg war, kommt wieder

Und wie ist sie so geworden? Man muss nur im Arbeitszimmer von Albert Vinke die gut zwanzig Hefte und Bücher durchschauen, die er selbst verfasst oder an denen er mitgearbeitet hat. Da geht es um Kirchengemeinden und Kolping, es sind Liederbücher, Fotobücher, Plattdeutsch-Bücher. Studien belegen, dass Kirche und Vereine im Emsland eine stabile soziale Klammer bilden. Man kennt sich, man hilft sich, man packt an. „Die Emsländer sind Arbeitstypen“, sagt Vinke. Und alles zusammen stiftet Gemeinschaft. Woanders verlassen Menschen den ländlichen Raum. Die Emsländer bleiben oder kommen, wenn sie weg waren, wieder nach Hause.

Ganz früher war das ganz anders. Über Jahrhunderte, bis in die Fünfzigerjahre, bis man mit dem Emslandplan die Gegend zu entwickeln begann, war die Region eine Wüstenei. Moor, wohin man schaute, karge Böden, schauderhafte Armut, die Nachbarn kilometerweit weg. Die Leute sind verhungert, buchstäblich. „Des Ersten Tod, des Zweiten Not, des Dritten Brot“, sagte man: Es bedurfte dreier Generationen, bis ein Stück dieses ewig nassen Landes so viel Ertrag abwarf, dass man eine Familie davon ernähren konnte. Es steckt in den Genen, im kollektiven Gedächtnis der Emsländer, dass ihre Vorfahren für das Leben, das man dort heute führt, gestorben sind. Das verschweißt mit der Region.

Übrigens sind auch Fremde dafür gestorben. 15 Lager, KZs und Gefangenencamps, haben die Nazis in der Gegend errichtet und die Insassen für die Kultivierung des Moores schuften lassen, bis zu 200 000 waren inhaftiert, 20 000 sind zu Tode gekommen, erzählt Albert Vinke: „Auch darauf fußt die spätere wirtschaftliche Entwicklung.“ Sein Bruder Hermann, bis 2000 Hörfunkdirektor von Radio Bremen, hat als Erster in der Papenburger „Ems-Zeitung“ darüber geschrieben. Das hat ihn den Job gekostet. Heute gibt es in Esterwegen eine zentrale Gedenkstätte.

Auch Albert Vinke hat einen Band über Gefallene und Vermisste aus Rhede verfasst. Und 2015 erschien sein wichtigstes Buch, „Als Rhede vom Krieg überrollt wurde“. Es erzählt, wie die Alliierten im April 1945 von Holland herüberkamen. In Rhede hatten sich ein paar Unverbesserliche verschanzt und eröffneten das Feuer. Drei Tage dauerten die Kämpfe, 75 Soldaten und acht Zivilisten starben. Einer war Albert Vinkes ältester Bruder Heinrich. Ein Granatsplitter erwischte ihn am Hals, er verblutete in den Armen des Vaters und vor den Augen des Bruders. Er wurde elf Jahre alt.

Albert Vinke wurde gefragt, warum er die alten Zeiten nicht ruhen lasse. „Aber ich bin nicht bange“, sagt er. Ja, es gibt Emsländer, die Angst haben, vor der Zukunft oder der Vergangenheit. Aber eigentlich gehört das nicht zum Naturell der Menschen dort. Also auch nicht zu Albert Vinkes Naturell.

Inzwischen ist er Ehrenbürger von Rhede.

Unsere Serie

Bis zur Landtagswahl am 15. Oktober besuchen wir fünf unterschiedliche Regionen in Niedersachsen. Alle Reportagen sammeln wir Teil für Teil auf haz.li/wahlreise

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