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Niedersachsen Hybridhühner sollen Bauern höhere Renditen bringen
Nachrichten Politik Niedersachsen Hybridhühner sollen Bauern höhere Renditen bringen
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19:15 27.02.2011
Mehr Eier, mehr Fleisch, mehr Probleme: Aus welchen Kreuzungen Hybridhühner entstehen, ist ein streng gehütetes Geheimnis der jeweiligen Unternehmen. Quelle: dpa
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Landwirt Wilhelm Hoffrogge ist nun schon lange im Geschäft der Massentierhaltung. In Dötlingen bei Wildeshausen legen in seinen Ställen Hennen Eier im Akkord, als Vorsitzender der niedersächsischen Geflügelwirtschafter weiß er, wie sehr diese Wirtschaft am lebenden Objekt unter Beobachtung steht. Von Tierschützern, Politikern und Verbrauchern. In manchen Momenten der Kritik, Hoffrogge hält sie oft für wenig kenntnisreich, drängt es ihn nach grundsätzlicher Klarstellung. Und die beginnt bei der Sprache. „Wir arbeiten mit Nutztieren“, sagt der Bauer. „Das heißt, dass wir die Tiere auch nutzen. Da treten wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund.“

Seit Landwirtschaftsminister Gert Lindemann mit einem Siebenjahresplan Hühnern, Schweinen und Puten in Ställen zu einem besseren Leben vor dem Sterben verhelfen will, wird wieder gestritten über Haltung und Zucht auf Niedersachsens Höfen. Der Unionspolitiker beabsichtigt, die übliche Schnäbelamputation bei Geflügel zu beenden, Tiere mithilfe neuer Zuchtlinien widerstandsfähiger zu machen und in Ställen mehr Ruhezonen einzurichten. Eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover hatte festgestellt, dass angeblich artgerechte Haltung für Masttiere oft schlimme Folgen hat: entzündete Fußballen, hohe Sterblichkeit.

Es sind die hochgezüchteten Tiere, deren systematisch betriebene genetische Spezialisierung im Alltag besondere Probleme bereitet. Seit Jahrzehnten arbeiten weltweit einige wenige Zuchtkonzerne daran, Hühner durch Kreuzungsprogramme zu mehr Leistung zu bringen. Mehr Eier, mehr Fleisch, darum geht es. Das funktioniert, weil jede Generation die vorherige übertrumpft. Hybridhühner heißen diese Tiere, gezüchtet, um Bauern hohe Erträge zu liefern. Sie dominieren in Deutschlands Legehennen- und Mastbetrieben, auch etliche Bio-Höfe halten sie, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Zwei Zuchtlinien sorgen für Umsatz. Turbohennen legen Eier am Fließband, bis zu 300 Stück im Jahr und damit erheblich mehr als gewöhnliche Rassen. Keines dieser Tiere erlebt seinen zweiten Geburtstag, denn nach etwa einem Jahr lassen Produktion und Qualität der Eier deutlich nach. Masthühner dagegen legen rasant an Fleisch zu. Ein Küken braucht etwa einen Monat, um von 40 auf 1500 Gramm zuzunehmen. Dann hat es sein Endgewicht erreicht – und den Zeitpunkt seiner Schlachtung. Oft haben Tierschützer die Folgen solch einseitiger Züchtung kritisiert. Turbohennen sind anfällig für Krankheitserreger, Masthühner bringt das eigene Gewicht zu Fall. Die Tiere verletzen sich oft durch Federpicken, Kannibalismus im Stall ist keine Seltenheit. Bauern wie Hoffrogge sind jedoch skeptisch. Ein Verbot der Schnäbelamputation – er nennt es „Schnäbelbehandlung“ – könne zu mehr Toten und Verletzten führen. Um dies herauszufinden, beteiligen sich derzeit zehn Betriebe an einem Modellversuch.

Die erschreckendste Folge leistungsorientierter Züchtung ist jedoch die planmäßige Vernichtung von Jungtieren. Männliche Küken von Turbohennen sind wirtschaftlich nicht zu nutzen, weil sie, Ergebnis einseitiger Züchtung, zur Fleischmast nicht mehr taugen. Nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes werden deshalb jedes Jahr 40 Millionen kleiner gelber Küken getötet. Ihre Überreste finden sich in Zoofutter wieder.

Der Cuxhavener Zuchtkonzern Lohmann muss sich wegen des Verdachts der Tierquälerei in dieser Woche vor Gericht verantworten. Unter anderem soll das Unternehmen in Massen männliche Küken mit Kohlendioxid vergast haben. Lohmann berief sich auf eine weltweit übliche Praxis. Dass er mit dieser Einschätzung leider richtig liegt, daran haben auch Tierschützer keinen Zweifel.

Die Züchter in Cuxhaven forschen derzeit daran, wie männlicher Nachwuchs von Hybridhennen doch noch zu Masthühnern reifen könnte. Es wären Hähnchen von geringem Gewicht, höchstens 700 Gramm, mit wenig Fleisch und viel Knochen. Nicht gerade das, was Kunden wollen. Bei Lohmann heißt es, dass kein Küken sterben müsste, wenn jeder deutsche Verbraucher pro Jahr nur ein halbes dieser Hähnchen essen würde. Womit wohl die Schuldfrage geklärt sein sollte.

Einige liberalere Tierschützer wünschen sich eine Landwirtschaft mit Kombihühnern: Tiere, die zum Eierlegen wie zur Mast gleichzeitig taugen, denen Qualen erspart blieben und deren Küken leben können. Hoffrogge glaubt, dass der Markt für teurere Produkte viel zu klein wäre, als dass sich aufwendige Zuchtreihen lohnen würden. „Kombihühner wären, als würde ein Pferd Galopp und Dressur gleich gut können.“ Einige Jahre dürfte es dagegen dauern, bis Kreuzungen gezüchtet werden, die Hühner resistenter machen, weniger aggressiv und Masttieren zu kräftigeren Beinen verhelfen. Dies ist Lindemanns Plan.

In Berlin berät am Montag der Bundesrat über einen Antrag von Rheinland-Pfalz, auch die sogenannte Kleingruppenhaltung, Nachfolgerin der verbotenen Käfighaltung, abzuschaffen. Derzeit heißt dies bis zu 900 Quadratzentimeter Platz pro Henne. Oder Enge, wie man es nimmt. „Wir erwarten, dass Niedersachsen ein umgehendes Verbot unterstützt“, sagte Vera Steder vom Tierschutzbund Niedersachsen. Landwirt Hoffrogge sagt: „Das wäre eine Fehlentscheidung. Überall in Europa gibt es noch Käfighaltung.“ Landwirte fürchten billige Konkurrenz, etwa aus Polen. Und Verbraucher wollen günstige Preise. Wie sonst könnte jeder Deutsche elf Kilogramm Hähnchen und 214 Eier pro Jahr essen?

Gunnar Menkens

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