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Niedersachsen In Hannover wächst die Angst vor rechtem Terror
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17:27 18.11.2011
Von Tobias Morchner
In Hannover wächst die Angst vor rechtsextremen Umtrieben. Quelle: Thalmann
Hannover

In einer Nacht im Juni dieses Jahres haben die Neonazis in Niedersachsens Landeshauptstadt deutlich ihr Gesicht gezeigt. Bleich ist es gewesen, konturlos, Furcht einflößend. Die weißen Plastikmasken, hinter denen sich rund 30 Rechtsextreme in jener Nacht bei ihrem Marsch durch Hannovers Stadtteil Kleefeld versteckt haben, sind überall im Internet für wenig Geld zu erwerben. Doch diese Larven sind nicht die einzigen Utensilien, die die Marschierenden in dieser Nacht mitführen. Brennende Fackeln tragen die Demonstranten in den Händen, immer wieder zünden Teilnehmer des nächtlichen Aufmarsches Silvesterböller und Raketen. Bei ihrem Weg durch die Kleestraße zum Kleefelder Schlegelplatz sollen sie Parolen wie: „Wir kriegen euch alle“ gebrüllt haben.

Der Stadtteil, der einen Ausländeranteil von 23,3 Prozent hat, ist um den Schlaf gebracht. Verstörte Bürger, bei denen die maskentragenden Männer sofort Assoziationen mit dem amerikanischen Ku-Klux-Klan hervorrufen, benachrichtigen die Polizei. Doch als die Ermittler vor Ort ankommen, hat sich der gruselige Zug bereits aufgelöst. Dennoch können 14 Personen im Umfeld des Schlegelplatzes festgenommen werden. Bei einigen von ihnen werden die weißen Plastikmasken gefunden.

Nicht nur für Sebastian Wolters, der für die FDP im Bezirksrat sitzt und der in der Nähe des Schlegelplatzes wohnt, erscheint der Fackelmarsch der maskierten Neonazis unter dem Eindruck der aktuellen Entwicklungen in Zwickau und Lauenau in gänzlich anderem Licht. „Man hatte damals den Eindruck, als wäre der Aufzug nicht viel mehr als eine spätpubertierende Bürgerschreckveranstaltung“, erinnert sich der Jurist. Heute deutet er den Vorfall als ein Beispiel für die massiven, neonazistischen Umtriebe in der Stadt. Er habe keinen Zweifel, dass es Menschen in seinem Stadtteil gebe, die jetzt aufgrund der aktuellen Geschehnisse sehr beunruhigt seien und vielleicht sogar Angst verspürten. „Bei uns leben schließlich viele Menschen, die ins Opferschema der Döner-Morde passen“, sagt Wolters.

So wie in Kleefeld werden inzwischen auch andernorts Auffälligkeiten am rechten Rand unter dem Eindruck der jüngsten Geschehnisse deutlich negativer beurteilt. Jeder NPD-Aufkleber an einem Ampelmasten, jede rassistische Schmiererei an einer Hauswand, aber auch jeder Übergriff, an dem mutmaßlich Neonazis beteiligt sind und der noch bis vor Kurzem als Einzelfall abgetan worden wäre, wird jetzt auf Hinweise auf eine größere, dahinterliegende Struktur abgeklopft.

Obwohl die 14 aufgegriffenen mutmaßlichen Teilnehmer des Aufmarsches in Hannover größtenteils nicht aus der Landeshauptstadt stammten, gehen Experten davon aus, dass die Aktion von Mitgliedern des rechtsextremen Zusammenschlusses „Besseres Hannover“ organisiert worden ist. Die Gruppe ist vor rund zwei Jahren aus den sogenannten „Freien Kräften Hannover“ hervorgegangen, zu denen auch der mutmaßliche Terrorhelfer Holger G. Kontakt gehabt haben soll. Auf dem YouTube-Kanal von „Besseres Hannover“ ist ein Video des Fackellaufs bis heute 12 628-mal angeklickt worden. Die Polizei hat ihre Ermittlungen inzwischen abgeschlossen und den Fall der Staatsanwaltschaft übergeben. Dort wird derzeit geprüft, ob das Verhalten der nächtlichen Marschierer nicht auch den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Die Prüfung soll demnächst abgeschlossen sein. Danach wird Anklage erhoben.

Die Polizei will die hiesige braune Szene nicht genauer unter die Lupe zu nehmen als zuvor - ein Fehler

Die Polizei rechnet der rechtsextremen Organisation aktuell rund 30 feste Mitglieder zu. Viele von ihnen sind vorbestraft, haben unter anderem wegen Sachbeschädigung und Verstoßes gegen die Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen, aber auch wegen Körperverletzungsdelikten vor dem Richter gestanden. Als Kopf der Vereinigung gilt Marc-Oliver M., der ehemalige NPD-Chef Hannovers. Er ist im Streit aus der Partei ausgeschieden und hat sich dann der freien rechten Szene zugewendet. Experten, die sich seit Jahren landesweit mit neonazistischen Phänomenen befassen, stufen die hannoversche Gruppe als eine der aktivsten in Niedersachsen ein. „Besseres Hannover“ sei extrem gut vernetzt, unterhalte regelmäßige Kontakte besonders in das Schaumburger Land, das seit Jahren eine Hochburg der Rechtsradikalen ist. Die Organisation sogenannter Kameradschaftsabende gehört genauso zum Programm der Gruppe wie die Teilnahme am „Stammtisch nationaler Kräfte“ und die Entsendung jeweils einer Delegation zu allen großen Demonstrationen im Bundesgebiet mit rechtem Hintergrund. Gerade in jüngster Vergangenheit fällt „Besseres Hannover“ zudem verstärkt durch Aktionen auf. So veranstaltete die Gruppe erst am vergangenen Sonntag erneut einen Fackelmarsch durch Hannover. Diesmal ist sie unmaskiert durch den Stadtwald zu einem Gedenkstein nördlich des Zoos gezogen, um dort der, wie sie es nennt, „Helden“ des Zweiten Weltkrieges zu gedenken. Zur Begrüßung des neuen Präsidenten der Polizeidirektion Hannover, Axel Brockmann, meldeten sich die Rechten auf geschmacklose Weise im Internet zu Wort und verunglimpften den Behördenleiter – ein Vorfall, der bei der Polizeidirektion großen Wirbel ausgelöst hat. Darüber hinaus verteilt die Gruppierung regelmäßig immer neue Ausgaben ihrer Zeitschrift „Der Bock“ vor Schulen und an U-Bahn-Stationen, um auf diese Weise neue Mitglieder zu werben. Nach wie vor hat die Polizei keinen Anhaltspunkt, wer die Zeitschrift finanziert, oder wo die Exemplare gedruckt werden.

Die aktuellen Ermittlungen gegen die Nazi-Terrorzelle aus Zwickau und deren niedersächsische Helfer sind für die Beamten in Hannover aber offenbar kein Anlass, die hiesige braune Szene genauer unter die Lupe zu nehmen. Man beurteile die Neonazis und deren Umfeld genauso wie vor der Aufklärung der sogenannten Döner-Morde, teilte ein Behördensprecher mit. „Es wird auch keine Änderungen unserer Einsatzstrategie bezüglich dieser Leute geben.“

Szenekenner halten dies für einen großen Fehler. „Teile der Szene radikalisieren sich gerade immer stärker, das Maß an Brutalität, mit denen sie bereits jetzt gegen Andersdenkende vorgehen, ist erschreckend“, weiß ein Beobachter zu berichten, der namentlich nicht in der Zeitung auftauchen möchte.

Einer der schlimmsten Übergriffe ereignete sich bereits im Jahr 2002. Damals entführten drei Neonazis einen jungen Mann, den sie für ein Mitglied einer antifaschistischen Organisation hielten. Sie fesselten ihn, verfrachteten ihn in den Kofferraum eines Wagens und fuhren mit ihrem Opfer auf einen Feldweg. Dort prügelten sie unter anderem mit einem Baseballschläger auf den jungen Mann ein, sodass dieser schwerste Verletzungen davontrug. Einer der Täter von damals zählt bis heute zum Umfeld der Gruppe „Besseres Hannover“. Wie gut die Kontakte sind, soll sich zuletzt in einer Juni-Nacht in Kleefeld gezeigt haben. Der brutale Schläger hat nach Informationen von Kennern der Szene damals wie selbstverständlich seine maskierten und fackeltragenden Kameraden bei ihrem Aufmarsch in Hannover unterstützt.

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