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22:34 20.04.2010
Von Saskia Döhner
„Immer auf dem Sprung weiterzukommen“: Aygül Özkan, die künftige Ministerin für Soziales und Integration, am Dienstag beim Interview mit dem türkischen Fernsehsender TRT. Quelle: Florian Wallenwein

Die türkischen Medien jubeln. „Politische Revolution in Deutschland“ titelt die Zeitung „Sabah“, „Hürri­yet“-Kommentator Ahmet Külahci schreibt von einem „Meilenstein, den Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff gelegt“ habe. Die Berufung der Hamburger Juristin Aygül Özkan als Sozialministerin ins niedersächsische Kabinett hat eine Welle der Begeisterung ausgelöst, die bis in die Türkei reicht. Dort sagt Yasar Yakis von der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP am Dienstag, die Ernennung Özkans sei ein gutes Beispiel für in Deutschland lebende Türken, dass sie es bis in die höchsten Positionen schaffen könnten.

Aygül Özkan sei immer auf dem Sprung nach oben gewesen, sagt ihr früherer Chef Stefan Gilica. „Sie war unglaublich zielstrebig, engagiert und wissensdurstig. Sie hat nie mit Fritzchen gesprochen, sondern immer mit Fritz. Sie war immer auf der Spur weiterzukommen.“ Als Özkan in Hamburg für T-Mobile den Bereich Geschäftskunden betreute, war Gilica Leiter des Vertriebs in Deutschland. Er hat keinen Zweifel daran, dass seine frühere Mitarbeiterin auch weiter Karriere machen wird. „Sie bringt Schwung und Eloquenz ins niedersächsische Kabinett. Sie ist phantastisch.“

Noch ist Aygül Özkan gar nicht im Amt, da häufen sich im Sozialministerium schon die Interviewanfragen. So an die 50 Gesprächswünsche seien es mittlerweile, schätzt eine Sprecherin. „Und es werden immer mehr.“ Glückwünsche nimmt am Dienstag nicht nur Özkan, sondern auch Ministerpräsident Wulff entgegen. „Wir begrüßen Ihren mutigen Schritt als CDU-Politiker“, schreibt Ahmet Güler, Vorsitzender des Bundes Türkisch-Europäischer Unternehmer in Niedersachsen, in einem offenen Brief. „Damit haben Sie bewiesen, dass die CDU es mit ihrer Integrationspolitik wirklich ernst meint.“

Doch es gibt nicht nur Lob. Nicht in der Staatskanzlei, auch nicht in der Geschäftsstelle der Landes-CDU, wohl aber in Internetforen wird Unmut laut. Da äußern sich Kritiker mitunter sogar offen rassistisch. Eine türkische Sozialministerin sei erst der Anfang, am Ende stehe dann womöglich noch der Kanzler aus dem Kongo, heißt es in einem besonders kruden Eintrag.

Honey Deihimi, die Integrationsbeauftragte des Landes Niedersachsen, kennt beide Seiten, das überschwängliche Lob, aber auch die dumpfe Fremdenfeindlichkeit. „Das ist ganz natürlich“, sagt die in Wien geborene Tochter iranischer Eltern. „Geh doch zurück nach Hause“ seien die noch harmloseren Aufforderungen gewesen, als sie 2007 zur Integrationsbeauftragten ernannt wurde. Dass sie zurück nach Österreich gehen sollte, sei damit wohl eher nicht gemeint gewesen, sagt Deihimi lakonisch. Es sei auch nicht verwunderlich, dass die Türkei eine Frau feiere, die in Hamburg geboren sei. „Österreich hat doch auch gejubelt, als Arnold Schwarzenegger in Kalifornien Gouverneur wurde.“

„Die Realität in Deutschland ist vielfältig, und es ist schön, dass es Politiker gibt, die das endlich erkannt haben“, fügt Deihimi hinzu. Dabei sei es eigentlich bedauerlich, dass Migranten immer auf türkischstämmig und auf Muslime reduziert würden. In der Politik gebe es doch viel mehr Migranten, sagt Deihimi. Die langjährige CDU-Europaabgeordnete Godelieve Quisthoudt-Rowohl aus Hildesheim ist in Belgien geboren, die ostfriesische Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann hat niederländische Wurzeln. „David McAllister ist CDU-Landesvorsitzender, Philipp Rösler ist FDP-Landesvorsitzender, Cem Özdemir führt die Grünen, Sebastian Edathy sitzt für die SPD im Bundestag – wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?“, fragt Deihimi. Und wagt die Prognose: „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir einen Kanzler oder eine Kanzlerin mit Migrationshintergrund haben.“

Bei allem Jubel, dämpft die Integrationsbeauftragte aber auch gleich die Euphorie, der Anteil der Migranten in der Politik entspreche noch längst nicht ihrem Anteil der Bevölkerung.

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