Und fängt sich auch in ihrem anschließenden Vortrag nicht mehr so richtig. Viel zu grundsätzlich referiert die CDU-Politikerin über die „Wissengesellschaft“ und „Bildung als Kapital“.
Die Feuertaufe misslingt. Die rund 1000 Schulleiter im Saal murren. Später, als Heister-Neumann dann konkreter wird und den Schulleitern Entlastung etwa bei der Suche nach Feuerwehrlehrern verspricht, bekommt sie doch noch Beifall.
Auf der neuen Ministerin ruhen große Hoffnungen. Abschaffung der Orientierungsstufe, Schulinspektion, Abitur nach zwölf Jahren, Eigenverantwortliche Schule – mit dem Reformtempo ihres Vorgängers Bernd Busemann sind am Schluss viele Lehrer nicht mehr mitgekommen. Vor allem im Philologenverband, der Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, ist der Unmut groß. Aber auch gegen das 2003 eingeführte Gesamtschulgründungsverbot laufen immer mehr Eltern Sturm. Kurzerhand kippt Ministerpräsident Christian Wulff das Gesetz und lässt nach seinem erneuten Wahlsieg im Januar 2008 die beiden umstrittenen Minister Heister-Neumann (Justiz) und Busemann (Kultus) ihre Ämter tauschen. Die Idee hinter dem Schachzug: Heister-Neumann soll Ruhe an der Schulfront bringen.
In der Anfangszeit wird die Ministerin, die wegen ihrer freundlich-ausgleichenden Art von politischen Freunden und Gegnern gleichermaßen geschätzt wird, nicht müde, immer wieder zu beteuern, dass sie den Schulen eine Pause gönnen will. Doch dazu kommt es nicht: Heister-Neumann, die „die Langsamkeit neu entdecken will“, wird von der Wucht der Ereignisse überrollt.
Und am 8. Mai, wieder ein Donnerstag wie der Tag ihres unglücklichen Auftritts beim Schulleitungsverband, sieht sie sich mit rund 11 000 demonstrierenden Lehrern konfrontiert, die wütend darüber sind, dass sie ihre seit zehn Jahren angesammelten Überstunden erst kurz vor der Pensionierung abbauen sollen. Vertreter des konservativen Philologenverbandes marschieren Seite an Seite mit den eher regierungskritischen Anhängern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Heister-Neumann zeigt sich mutig. Sie kneift nicht, sondern sucht – obwohl es ihr sichtlich schwerfällt – das Gespräch mit den Demonstranten, beschwichtigt die aufgebrachten Pädagogen, erläutert, dass man nach den ersten lauten Protesten einen Kompromiss zum Ausgleich der Mehrarbeit gefunden hat.
„Zuhören kann sie“, darin sind sich Lehrer-, Schüler,- und Elternvertreter mit den Bildungsexperten der Parteien in ihrem Urteil über Heister-Neumann einig. So wie sie zu Beginn ihrer Zeit als Justizministerin Gefängnisse im Land besucht und mit Insassen und Bediensteten redet, so reist sie auch als neue Kultusministerin durch Niedersachsen, besucht Kindergärten und Schulen. Nach der Großdemonstration der Lehrer geht sie auch auf die Verbände und Gewerkschaften zu, beruft einen Runden Tisch ein, um die Probleme zu bewältigen, die der doppelte Abiturjahrgang 2011 mit sich bringt.
„Die Gespräche fanden immer in einer sehr freundlichen, netten Atmosphäre statt“, erinnert sich Patrick Ziemke, Vorsitzender des Landesschülerrats. Während der ersten zwei, drei Begegnungen habe Heister-Neumann nur zugehört, berichtet der ehemalige Landeselternratsvorsitzende Matthias Kern. „Sie kann begeistern“, sagt Björn Försterling (FDP). Karl-Heinz Klare, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender, lobt „ihre herzliche Art“. „Sie ist den Menschen in besonderer Weise zugewandt und zeigt ihnen, dass sie ihre Sorgen ernstnimmt, das ist eine schöne Eigenschaft.“ Guillermo Spreckels, Vorsitzender des Philologenverbandes, betont: „Ihre Gesprächsbereitschaft hat uns sofort positiv gestimmt“. Heidrun Korsch von der Direktorenvereinigung lobt den „persönlichen Ansatz“, mit dem Heister-Neumann an Bildungspolitik herangehe.
„Nach einem Gespräch mit ihr fühlt man sich irgendwie gut“, sagt ein Koalitionär. Aber die Frage sei wie lange. Geredet werde viel, umgesetzt wenig, heißt es immer wieder. Ist das Zuhören nur eine Pflichtübung? „Was nützt es, wenn man gut zuhören kann, aber nichts davon in seine Politik einfließen lässt und Ratschläge nicht annimmt?“ fragt ein Elternvertreter. Das Schlagwort von der „beratungsresistenten Ministerin“ macht die Runde. Diese Eigenschaft habe sie schon als Justizministerin gehabt, heißt es. „Manchmal hatte man das Gefühl, als hätte man gar nicht mit ihr geredet“, sagt ein Freidemokrat.
Ob beim Abbau des Arbeitszeitkontos oder der Bearbeitung der Teilzeitanträge, immer wieder stößt die CDU-Politikerin die Verbände vor den Kopf, weil sie ihnen fertige Beschlüsse vorsetzt, anstatt vorher gemeinsam darüber zu beraten. Heister-Neumann bespreche Vieles nur im kleinsten Kreis, sagen Kritiker. „Die Basisverankerung fehlt“, sagt Frauke Heiligenstadt, schulpolitische Sprecherin der SPD. Manchmal habe sie keine Antenne für die emotionale Situation der Betroffenen. „Da führt man monatelang Gespräche, und hintenrum werden wichtige Maßnahmen festgezurrt, ohne dass wir informiert werden“, ärgert sich ein Schülerratsmitglied. Und manch ein Funktionär sehnt sich bald zurück nach ihrem hemdsärmeligen Vorgänger Busemann, der „zwar seine Überzeugungen hatte“, wie ein Lehrervertreter sagt, „mit dem man auch mal einen Konflikt außerhalb seines Ministeramts regeln konnte“.
Vielleicht fühlt Heister-Neumann sich dem Ministerpräsidenten, der sie ins Amt befördert hat, verpflichtet, vielleicht will sie auch einfach nur ihren Kurs durchziehen – in einigen Punkten sei sie starrsinnig, heißt es. „Sie lässt die Toleranz vermissen, die eine Ministerin eigentlich haben sollte“, urteilt einer. Und ein anderer sagt, sie klebe an der Parteilinie.
Dabei bröckelt es auch an dieser Front. Viele Mitglieder der CDU-Fraktion sehen die Einführung des Turboabiturs auch an Gesamtschulen skeptisch. In den Schulen wächst von Monat zu Monat der Frust. Immer wieder gibt es Demonstrationen, wie zuletzt am vergangenen Sonnabend, als rund 10.000 Schüler, Eltern und Lehrer gegen das verkürzte Abitur an Gesamtschulen protestieren. Kritiker wie die Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, Helga Akkermann, der GEW-Landesvorsitzende Eberhard Brandt und der Landesschülerrat würden abgestraft, moniert die Opposition.
Heister-Neumann habe kein politisches Gespür, sie sei noch zu sehr Verwaltungsdirektorin, heißt es hinter vorgehaltener Hand im Regierungslager. Ina Korter, Bildungsexpertin der Grünen, spricht von einer Chaos-Strategie: „Man kann keine Politik gegen alle machen.“
Obwohl in jüngster Zeit Rücktrittsforderungen laut geworden sind, zu einer Hassfigur ist Heister-Neumann selbst bei ihren schärfsten politischen Kontrahenten nicht geworden. Im Gegenteil: „Man hat fast Mitleid mit ihr“, sagt einer. „Man könnte das Gefühl bekommen, dass sie sich aufopfert“, meint ein Unionsmitglied. Weil in der Schulpolitik nichts gegen Wulffs Willen laufe, würde eine Ablösung der Ministerin wenig bringen, meinen Kritiker. „Wir brauchen keine neuen Köpfe, sondern eine neue Politik“, sagt Schülerratsvorsitzender Patrick Ziemke.

Kommentare
Bildungspolitik Michael – 12.05.09
Das ist schon richtig. Löst aber nicht das Problem. Bisher hat jeder angegeben, dass er in die Bildung investieren muss. Raus gekommen ist bisher immer eine weiter Kürzung im selbigen.Man schaue sich nur die Statistiken Unterrichtsversorgung/Lehrerversorgung an. Am 31.07. hatten wir 99,75 % Versorgungsgrad. Am 01.08. bei gleicher Lehreraussattung 103,46 %. Sehr interessante Rechenweise.
Unter der SPD wäre das natürlich nie vorgekommen? Christophe – 12.05.09
Die Bildungspolitik der SPD, als sie an der Macht war, war nicht besser als die momentane.Die Niedersachsen SPD hat doch genug Dreck vor der eigenen Tür zu beseitigen.
Versagen auf der ganzen Linie WillmaNord – 12.05.09
Die jetzige Kultusministerin ist eigentlich nur die politische Sollbruchstelle von Möllrings Gnaden. Wenn mit Heister-Neumanns Abgang genügend Konflikte übrig bleiben (was stark zu vermuten ist), bleibt nach Wulff der Sparkünstler Möllring als Nachfolger übrig, obwohl gerade die finanziellen Vorgaben das Dilemma ausgelöst haben. Die Unfähigkeit des Kultusministeriums seit Jürgens-Pieper (SPD) bei der Umsetzung des sog. Turbo-Abis schon bei den Gymnasien ist exemplarisch. Wobei man sich aber fragen muss, warum nicht schon vor 6 Jahren die Elternvertreter protestiert haben. Und nun werden 2011 zwei Schülerjahrgänge mit denselben Prüfungsbedingungen durch das Abitur gejagt.Aber G8 ist nur eine der vielen Baustellen, die sich nach den ersten PISA-Ergebnissen aufgetan haben. Die hektischen Aktivitäten danach waren immer nur auf die Verbesserung der Statistiken ausgerichtet. Bevor man sich jedoch auf Statistiken stürzt, sollte man sie selbst verstanden haben. Das gilt insbesondere für Minister. Sonst fällt man leicht auf Dünnbrettberater herein.
Auslaufmodell heister-neumann nightrider – 12.05.09
Diese Frau hat schon im letzten Amt versagt. Wurde weggelobt und Ihr das jetzige Amt schmackhaft gemacht.Sie kann nichts ist nichts und wollte was. Was auch immer?
Derartige Figuren tragen nur noch dazu bei, sich Wahlen zu entziehen, da ja keine Besserung eintritt.
Parteien sollten mal darüber nachdenken, wen sie mit welcher Qualifikation für das jeweilige Amt einsetzen. Das Parteiengeklüngele um Amt und Würden ist ein Verhalten, das nur noch Steuerzahler bezahlen müssen, ohne nach der Wahl etwas dagegen unternehmen zu können.
Hochmut Doris F. – 11.05.09
Der Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Sie muss nicht zurücktreten, denn nach der nächsten Wahlrunde wird die gesamte Landesregierung abtreten müssen.Das wird die Lehrer aber freuen... Volker B. – 11.05.09
Wenn ich das richtig interpretiere kommen fast 6000 Stunden durch das Streichen von Anträgen zusammen. Natürlich werden viele der Betroffenen nicht besser unterrichten und weniger Krank sein.Aber was tut man nicht alles für die Statistik. Ich hätte da noch einen Idee, man könnte Honorar-Lehrer einstellen, beispielsweise 1-Eurojobber, die dann zwar total Ausfallen aber die Statistik für wenig Geld total gut aussehen lassen! Na Frau Heister-Neumann, währe das nicht was für sie?