In der Auszahlungsanordnung des Landkreises Cuxhaven ist kein Empfänger vermerkt, keine Kontonummer, keine Bankleitzahl. Als Zweck ist lediglich „Passersatzbeschaffung“ notiert, die Höhe der Anweisung beträgt 2500 Euro. Mit dem Geld im Aktenkoffer ist am 17. März 2009 ein Beamter von Cuxhaven nach Hamburg gereist. In der Ausländerbehörde der Hansestadt fand noch am selben Tag ein Bargeschäft statt: Ein Vertreter der westafrikanischen Republik Guinea erhielt die 2500 Euro, der Beamte ein „Passersatzpapier“ des afrikanischen Staates. Eine Quittung werde, notierte der Amtsmann, „durch die Republik Guinea später ausgestellt“.
Er war auch so zufrieden, denn jetzt kann der Landkreis den Schwarzafrikaner Alfa D. abschieben. Das war bisher daran gescheitert, dass der Mann keine Papiere besaß und außerdem behauptete, aus Guineas Nachbarland Sierra Leone zu stammen, wo Bürgerkrieg herrscht. Nun ist er, jedenfalls auf dem Papier, Guineer. Wie die Identifizierung stattgefunden hat, konnte beim Kreis später niemand beantworten. Hamburg unterhalte „nachhaltige Kontakte“ nach Guinea, heißt es dort. Niedersachsen bittet die Hansestadt in solchen Fällen daher regelmäßig um Amtshilfe.
Flüchtlingsorganisationen wie Pro Asyl sprechen von einem „Bestechungsgeld“, das ein korrupter Staat für die Aufnahme abgelehnter Asylbewerber erhalte. Die EU erkennt die Militärregierung Guineas nicht an, hat Anfang dieser Woche neue Sanktionen verhängt; das Auswärtige Amt rät von Reisen in das Land ab.
Und doch ist der Fall Alfa D. übliche Praxis in Niedersachsen. Auf dieselbe Art ist der Kreis Cuxhaven im vergangenen Jahr einen weiteren abgelehnten Asylbewerber losgeworden. Der Kreis Harburg hat es 2008 versucht, wurde aber vom Verwaltungsgericht Lüneburg gestoppt. In Langenhagen sitzt derzeit ein Mann aus Bramsche mit Passersatzpapieren aus Guinea in Abschiebehaft. Innenminister Uwe Schünemann (CDU) will sich dazu „aus Respekt vor dem Landtag“ nicht äußern: Er muss bis Freitag eine entsprechende Anfrage der Grünen beantworten. Die Antwort auf eine Anfrage der SPD ist später fällig. Die stellvertretende Landesvorsitzende Daniela Behrens will von der Landesregierung wissen, ob es üblich ist, dass Kommunen Ausreisepapiere „von rechtlich umstrittenen Delegationen kaufen“.
2005 und 2006 haben Beamte aus Guinea auch in Braunschweig Passersatzpapiere gegen Bargeld ausgestellt. Später stellte sich heraus, dass sie von der Regierung Guineas nicht anerkannt waren. Dennoch wurden in Braunschweig auch 2007 noch einmal 113 angebliche Guineer vorgeführt. Das Verwaltungsgericht Lüneburg hat die Praxis als „rechtsstaatlich zweifelhaft“ gerügt. Zudem könne bei 2500 Euro von einer Verwaltungsgebühr keine Rede mehr sein. Laut Innenministerium kosten Passersatzpapiere anderer Staaten etwas mehr als 300 Euro.
HAZ.de Anmeldung
Kommentare
Wenn der Wolf hinterm Mond wohnt Burgula Buglul – 29.10.09
Da scheint sich beim wolfsmond ein ziemlicher Denkfehler eingeschlichen zu haben. Er schreibt. "Von meinen Steuergeldern möchte ich dies ["den betreffenden Herrn aus Guinea ... lebenslang mit durchfüttern"] allerdings nicht finanziert sehen." Dann beschweren Sie sich mal nicht über die 2.500 Euro. Die sind, verglichen mit dem, was Sie nicht wollen, doch ein echtes Schnäppchen.BlaBla und die Gutmenschen wolfsmond. – 29.10.09
Danke für das Kurzseminar in Sachen Kolonialismus.Ist mir durchaus bekannt.
Aber die heutigen Probleme mit falsch gelaufenen Entwicklungen aus der Steinzeit erklären zu wollen, hilft hier nicht weiter.
Im Gegesatz zu Ihnen bin ich kein Gutmensch und Polit-Besserwisser in Sachen vergangener Generationen.
Ich sehe hier primär die Interessen unseres Landes in der Gegenwart.
Sie dürfen gerne den betreffenden Herrn aus Guinea oder sonstwoher bei sich in Ihrer Wohnung aufnehmen und lebenslang mit durchfüttern.
Niemand hindert Sie daran.
Von meinen Steuergeldern möchte ich dies allerdings nicht finanziert sehen.
Erst denken... blabla – 29.10.09
"Übersteigt die Ressourcen hier"... schon mal drüber nachgedacht, warum die Industriestaaten so wohlhabend sind?Die Antwort lautet "Kolonialismus", lieber wolfsmond.
Die Menschen in den Entwicklungsländern sind deshalb so arm, weil wir sie Jahrzehnte und Jahrhunderte lang ausgebeutet haben und dies auch heute noch tun.
Diese Opfer unseres (kapitalistischen) Kolonialismus können daher gerne und mit Recht zu uns kommen und etwas abbekommen vom großen Kuchen. Wir haben sie ja schließlich benutzt, um ihn zu backen.
Was in Sachen Abschiebung (u.a.) in Deutschland abgeht, ist Rassismus und Unmenschlichkeit in Reinkultur.
Kita wolfsmond – 29.10.09
Was kostet das alles für ein Geld.Warum werden solche Leute überhaupt erst ins Land gelassen?
Jede Kita in Hannover würde sich freuen, 2500 Euro mehr zur Vefügung zu haben.
Es kann nicht mehr sein, dass Deutschland zur Wohlfühlagentur für die Problemfälle dieser Welt wird.
Das übersteigt auf Dauer auch die Ressourcen hier.
Und die Geduld der grossen Mehrheit der Deutschen.
Passersatzpapier irgendwer – 29.10.09
Und wieder einmal eine unglaubliche Posse aus dem angeblich schönsten Bundesland der Republik.Wenn da nicht der Gedanke an mafiöse Strukturen entstehen soll, muss das Innenministerium sofort reagieren.
Wie stehen wir bloß da, in der vermeintlich rechtsstaatlichen Gesamtschau??
Staatliches Handeln muß sich an der Rechtsweggarantie orientieren! Gegen jeden Verwaltungsakt kann laut Gesetz vorgegangen werden. Wie soll das aber in den vorgenannten Fällen nachvollziehbar funktionieren?
Wo sind die couragierten Volljuristen, die derlei Handeln der Rechtsprechung überantworten?